Deutschland soll „kriegstüchtig“ werden. Das klingt etwas erschreckend und für viele auch angsteinflößend. Aber wenn es um die Außenwirkung geht, ist das durchaus gewollt. Denn eine starke Bundeswehr und ein Bündnis, das verteidigungsfähig ist, sollen vor allem dem Zweck dienen, Putin davon abzuhalten, weitere europäische Staaten anzugreifen.
Die jüngste Vergangenheit hat gelehrt, dass Russlands Herrscher derzeit nur die Sprache der Abschreckung versteht. Alle Versuche, Moskau zum Frieden zu bewegen, sind bislang gescheitert. Selbst wenn unter der arabischen Sonne verhandelt wird, bomben Putins Drohnen und Marschflugkörper Millionen Menschen in der Ukraine in eisige Kälte – und oft auch in den Tod. Fast das ganze Land liegt ohne Strom und Heizung dar, alles wird zum Ziel.
„Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“
Putin will die Unterwerfung der Ukraine um jeden Preis. Die Antwort Deutschlands: Kriegstauglichkeit, um diesen Gegner abschrecken oder im Verteidigungsfall auch niederringen zu können. Oder, wie es Verteidigungsminister Borius Pistorius formuliert hat: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“.
Warum klingt das für viele so ungewohnt? Nach der Wende und dem Zerfall der Sowjetunion war nicht bloß Deutschlands Armee drastisch geschrumpft und konnte bestenfalls noch einige Friedenseinsätze in Übersee stemmen, ähnlich erging es auch den britischen, französischen und, beispielsweise, spanischen Streitkräften. Das bedeutet, alle Europäer müssen nach dem russischen Überfall auf die Krim (2014) und dem Beginn der Vollinvasion auf die restliche Ukraine (2022) wieder in ihre Verteidigungsbereitschaft investieren. Doch die wenigsten tun das in ausreichendem Maß.
Washingtons Teilrückzug kompensieren
Zudem streiten die Europäer wie eh und je über Rüstungsprojekte und Zuständigkeiten. Wer je vor einem Tisch mit den Fähnchen der 32 NATO-Mitglieder gestanden hat, versteht sofort, dass vor allem ein Land die NATO stark, ja überlegen gemacht hat: der dominierende Organisator und Finanzier europäischer Sicherheit – die Vereinigten Staaten.
Washingtons Teilrückzug ist schwer zu kompensieren. Aber warum sollen 500 Millionen Europäer nicht gemeinsam das finanzieren und leisten können, was bislang 320 Millionen Amerikaner für sie zur Hälfte mitbezahlt haben, um 140 Millionen Russen davon abzuhalten, ihnen Freiheit und Lebensart zu rauben? Auf Europa, Deutschland und die Bundeswehr kommt also allerhand zu, um die Verteidigungsbereitschaft zu stärken.

Mindestens 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten geplant
Das kostet enorme Summen. Allein vor Weihnachten wurden innerhalb weniger Tage 70 Milliarden Euro für Panzer, Flugzeuge und Munition im Bundestag freigegeben. Jede Sitzungswoche kommen neue Milliardenaufträge hinzu für Fregatten, Satelliten, Digitalisierung, Drohnen oder Feldlazarette. Viele Milliarden fließen zudem in die Unterstützung der Ukraine. In Zukunft sollen mindestens 260.000 Soldaten in der Bundeswehr dienen und weitere 200.000 Deutsche in einer Reserve bereitstehen. Melden sich nicht genug freiwillig, soll die Wehrpflicht wieder eingeführt werden.
Zur Erinnerung: Am Ende des Kalten Krieges 1989 hatte die Armee der Bundesrepublik etwa eine halbe Million aktiver Soldaten, in der DDR-Armee dienten weitere 170.000 Männer. Panzer gab es Tausende und nicht bloß ein paar Hundert wie heute. Zudem hatten die Sowjetunion und die Amerikaner 350.000 beziehungsweise 240.000 schwer bewaffnete Truppen zwischen Aachen und Görlitz stationiert. Mit enormem Aufwand war es dem Westen damals gelungen, das Sowjetimperium davon abzuhalten, die Kraftprobe mit der NATO zu riskieren.
2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für „Kriegstauglichkeit“
Damals waren Deutschland und die NATO „kriegstauglich“, und es gehörte zum Alltag, sich dessen bewusst zu sein. Obgleich die Wahrscheinlichkeit einer Auseinandersetzung damals geringer war als aktuell. Doch selbst das einstürzende Sowjetimperium hatte noch mit Drohungen und Gewalt versucht, die baltischen Staaten an der Unabhängigkeit zu hindern. Moskau bedroht diese Freiheit jetzt wieder, auch in Polen oder Finnland. Selbst Deutschland wird bereits heute tagtäglich mit hybriden Attacken angegriffen – gegen den Bundestag, gegen die kritische Infrastruktur, gegen die Streitkräfte.
Das alles begründet den erhöhten Aufwand, der bislang das vergleichsweise immer noch geringe Niveau von 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht, während Russland für seine Kriegswirtschaft gemessen an seiner Wirtschaftskraft das Dreifache davon ausgibt – und etwa die Hälfte seines Staatshaushalts. Dass die russische Armee trotzdem nur meterweise vorrücken kann, das Schwarze Meer für seine Marine stellenweise zur Todeszone geworden ist und von Luftüberlegenheit keine Rede ist, spricht für Russlands mafiöse Inkompetenz und die enorme Resilienz der Ukrainer. Ein Grund zu Beruhigung ist das nicht.
Bereitschaft zum „fight tonight“ wird zur Grundhaltung
Vieles deutet bei Aufstellung und Ausbildung darauf hin, dass Russland sich darauf vorbereitet, nach Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine, vielleicht sogar davor, die NATO angreifen zu können. Experten denken bei den möglichen militärischen Szenarien nicht an eine Vollinvasion, sondern an kleine Eroberungen, etwa bei Spitzbergen oder in der ostestnischen Stadt Narva, die das Bündnis testen und zum Einknicken bringen könnten. Etwa, wenn die Vereinigten Staaten nicht reagieren. Man kann nicht genau bestimmen, wann Moskau so weit sein könnte, und man kann nicht sagen, wann die Bundeswehr wieder in der Lage wäre, voll ausgestattet zu kämpfen, ja sogar „zu gewinnen“, wie es der Inspekteur des Heeres ausdrückt.
Es fehlt es vor allem an Flugabwehr und Drohnen, aber auch an U-Booten und besonders an der Digitalisierung. Manche Pläne, etwa die 100 Milliarden für ein Kampfflugzeug der 6. Generation, reichen bis in die Vierzigerjahre. Dass Putin nicht auf Europa warten wird, ist eine Binsenweisheit aller Kriege. Ob im preußisch-österreichischen Krieg 1866 oder bei Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion 1941 – es ging es nie darum, fertig zu sein mit aller Rüstung, Ausbildung und Aufstellung, sondern darum, weiter zu sein als der potentielle Gegner.
Deswegen versucht die NATO stets, an „Kriegstauglichkeit“ vor Russland zu sein. Dazu gehört, jederzeit in die Auseinandersetzung ziehen zu können. Das wird in den deutschen Streitkräften allmählich zur Grundhaltung: bereit zum „fight tonight“, also notfalls heute Nacht. Je weiter man dabei von optimaler Ausrüstung und Aufstellung entfernt bleibt, desto größer werden die eigenen Verluste sein, die militärischen und die zivilen, wie man sie durch Russlands Kriegsmaschinerie seit vier Jahren in Charkiw, Kiew oder Odessa getötet sieht. Ohne jedes Mitleid.
Auch Infrastruktur muss resilienter werden
Militärische Vorbereitung allein reicht nicht. Hinzu kommt, was man in Schweden „Total Defence“ nennt, also die umfassende Verteidigung, die alle mit allen leisten. Das reicht vom Feuerwehrmann bis zum Arzt im Kreiskrankenhaus, vom Umspannwerk bis zum Starkstromkabel. Die Infrastruktur muss so widerstandsfähig wie möglich sein, um überstehen zu können. Vier Jahre lang hat Russland die Energieinfrastruktur der Ukraine so vernichtend attackiert, dass das Land, Anfang Februar 2026, bei minus 20 Grad ohne Strom und Heizung darniederliegt.
Man muss nur kurz daran erinnern, was vier Tage Stromausfall bei minus vier Grad in einem Berliner Bezirk den Menschen dort schon abverlangt haben. Und sollte nicht vergessen, wie schlecht die Hauptstadt, aber auch viele andere deutsche Städte, derzeit gegen solche Attacken – ein Angriff war das auch in Berlin – gewappnet sind. Um das unter Kriegsbedingungen besser machen zu können, muss in Deutschland noch mindestens so viel geschehen, wie es überall im Baltikum, Skandinavien oder Polen seit Jahren längst geschieht. Sich vorzubereiten, ist keine Panikreaktion, sondern ein Gebot der Vernunft.
Klar ist jedenfalls für die allermeisten: Würden wir morgen angegriffen, würden wir uns wehren. Und immer mehr wüssten auch, wie. Man kann das kriegstüchtig nennen. Oder besser: freiheitsliebend und europäisch.
