Gerade flattert Eduard Mörikes blaues Band wieder heftig durch die Lüfte. Und noch viel besser: Das Band liegt in vielen Parks und Wiesen auch wie ein Teppich über dem Boden: Veilchen und Leberblümchen, Blausternchen und Hyazinthen blühen. Und zwar in Massen. Und auch Gundermann, Vergissmeinnicht und Immergrün sprießen überall . . . die Liste der kleinen blauen Blümchen lässt sich fortsetzen.
Die blaue Farbe ist dabei kein Zufall, denn die Pflanzen wollen Hummeln und Bienen zwecks Bestäubung anlocken. Und da es von den Bestäuberinsekten in den ersten Monaten des Jahres noch nicht so viele gibt, schließlich sind viele Völker im Winter geschrumpft oder sogar umgekommen, buhlen die Pflanzen mit ihrer eher ungewöhnlichen Blütenfarbe um die Aufmerksamkeit der Insekten. Gelb, Rosa und Weiß kann jeder – aber Blau, das ist auch im Pflanzenreich etwas Besonderes.
Wissenschaftler haben das vor ein paar Jahren bestätigt. Eine Farbinventur hat- te damals ergeben, dass nur sieben Prozent aller Pflanzen blaue Blüten haben. Der Grund ist vermutlich, dass natürliches Blau ein echter Luxus ist. Denn diese Farbstoffe, lateinisch: Anthocyane, in Blütenblätter einzulagern, erfordert ziemlich viel Energie und Ressourcen: An dem erforderlichen Prozess sind sechs verschiedene farbgebende Substanzen und sechs weitere Moleküle beteiligt. Sie bilden zusammen mit Metallionen eine Ringstruktur, welche die blaue Farbe stabilisiert. Das typische Kornblumenblau etwa kommt durch das sogenannte Protocyanin zustande, einem Komplex aus Farbstoff, Flavonen sowie Eisen-, Calcium- und Magnesiumionen.
Und um das Grundwissen Chemie zum Blütenblau noch zu erweitern: Manche Pflanzen können ihre blaue Blütenfarbe auch wechseln. Es kommt nur darauf an, welche Chemikalien ihnen zur Verfügung stehen. Bekanntes Beispiel sind Hortensien: Man kauft sie als blaue Pracht, pflanzt sie frohgemut in den Vorgarten – und von Jahr zu Jahr verblasst die Pracht: Im zweiten, dritten Sommer blühen die Sträucher plötzlich nicht mehr himmelblau, sondern sehen wie bläulich verfärbte Wäsche aus oder wagen sogar einen Stich ins Rosa. Steckt dahinter Betrug im Pflanzenmarkt? Zauberei? Oder halt doch nur Chemie?

Letzteres ist der Fall. Das beweist ein Blick auf die Azoren. Die Inseln mitten im Atlantik strotzen in den Sommermonaten nur so vor blauen Hortensien – jeden Sommer. Kein Anzeichen davon, dass die Farbe ausbleicht.
Die Ursache findet sich im vulkanischen Boden, der einen sehr niedrigen pH-Wert hat, also sauer ist. Diese Säure wiederum löst Aluminium, was die Pflanzen über ihre Wurzeln aufnehmen und zu Farbmolekülen zusammenbauen können. Zudem sinkt der pH-Wert im Zellsaft – und der pH-Wert bestimmt, ob die Anthocyane eher blau oder lila leuchten. Das zeigt ein Versuch im Blumentopf: Wer blaue Blüten will, kann die Erde mit Rindenmulch, Tannennadeln oder Kaffeesatz saurer machen. Wenn die Pflanzen dann nicht sattblau blühen, fehlt Aluminium – das bekommt man mit Dünger, in dem Alaun, also vor allem Kaliumaluminiumsulfat, enthalten ist.
Der Hobbychemiker kann so nicht nur die ausgeblichenen blauen Hortensien wieder sattblau färben, sondern auch aus rosa Sorten blaue zaubern. Wenn die rosa Hortensien nicht mehr satt strahlen, hilft ebenfalls ein Blick auf das pH-Meter: Ein Wert von 6 bis 6,4 ist optimal für einen Barbie-Garten. Ist der Wert geringer, hilft: kalken.
Doch nun genug der Chemie, genießen Sie den blauen Frühling!
