Als es hart auf hart kommt und er seiner Hinrichtung durch eine Gruppe walkürengleicher Kämpferinnen ins Auge blickt, besinnt sich Kapitän Nemo (Shazad Latif) auf seine Lektüre. Er habe die Edda gelesen, teilt der Inder den Frauen aus dem hohen Norden mit, daher wisse er von deren Gesetzen und von seinem Recht, vor einer Verurteilung angehört zu werden. Seine Verteidigung fällt dann ein bisschen mau aus – er wusste ja nicht, dass die Schätze im versenkten Wikingerschiff doch noch einen Besitzer hätten, er dachte, sie seien frei –, aber dafür sprechen nun die Mitglieder seiner Crew. Sie liefern ein Porträt ihres Chefs, das ihn als keineswegs perfekt zeichnet, aber bei aller Starrköpfigkeit doch liebenswert, treu und selbstlos. Besonders die junge Humility (Georgia Flood), Engländerin und nur deshalb bei Nemo, weil er ihr Schiff versenkte, legt sich für ihn ins Zeug.
All das rührt die Walküren durchaus, wenigstens einige von ihnen, erschüttert das Urteil über die Fremden, die sich in die nordische Einsamkeit verirrt haben, aber nicht. Als sich die Gefangenen aber befreien, malerisch eine Klippe hinabspringen und davonschwimmen, beschließen ihre Wärterinnen ad hoc, ihrem Auftrag ein Ende zu setzen. Also setzen sie einen verborgenen und verblüffend funktionierenden Mechanismus in Gang, der schwere Geschosse gegen die hohen Felstürme schleudert und diese zum Einsturz bringt. Nemo und seine Leute entkommen mit knapper Not.
Die Serie, die in vorerst zehn Folgen deren Abenteuer im Jahr 1857 schildert, ist nach ihrem Fahrzeug benannt, dem U-Boot „Nautilus“. Das erfand Jules Verne für seinen Roman „20.000 Meilen unter den Meeren“, der 1869/70 in zwei Bänden erschienen ist und ebenfalls von einem Kapitän Nemo erzählt. Die Serie knüpft lose daran an, allerdings für ein heutiges Publikum. Ausgangspunkt der Handlung ist der geheime Bau eines U-Boots, durch den die britische Ostindien-Kompanie ihre gefährdete Macht retten will – das Schiff, das technisch seiner Zeit weit voraus ist, besitzt deshalb einen stachelbesäten Rücken zum Aufschlitzen gegnerischer Bootskiele. Dafür setzt die Gesellschaft Arbeitssklaven ein, die sich nun, unter Nemos Führung, befreien, die „Nautilus“ kapern und in die Weltmeere ziehen, um Rache zu nehmen.
Die Handlung ist historisch im Kolonialismus angesiedelt, und die bunt zusammengewürfelte Schiffsbesatzung ist aus je unterschiedlichen Gründen ein Opfer der damaligen Weltordnung – bis hin zu Humility, die einen ungeliebten Mann heiraten soll und in dieser Frage kein Mitspracherecht hat. Darüber, wer gut ist und wer böse, werden wir hier keine Sekunde im Unklaren gelassen, und selbst Nemos Alleingänge währen nur kurz, weil er rasch einsieht, dass er in seinem Eigensinn das Leben derer gefährdet hat, mit denen er sich jeden Tag mehr verbunden fühlt. Mit Jules Vernes Gestalten hat das nicht mehr viel zu tun, und auch die Abenteuer zitieren allenfalls lose die unmittelbare Vorlage – ein Meeresungetüm taucht auf, Atlantis wird gefunden – oder den Nachfolgeroman „Die geheimnisvolle Insel“ von 1874/75. Dafür sind die Bilder auf Überwältigung angelegt und lassen doch oft genug erkennen, wie viel dabei aus dem Rechner stammt – dass Disney+ als Produzent die Serie offenbar nicht ausstrahlen mochte, könnte mit dieser Ästhetik zusammenhängen.
Wo in den Tiefen des Nordmeers grüne Pflanzen wachsen und zusammenstürzende Felsen aussehen, als seien sie aus Pappmaché gemacht, wo in London die Zentrale der Ostindien-Kompanie zwar schwer bewacht wird und sich Nemo überdeutlich als Bettler verkleidet dennoch in nächster Nähe postieren darf, eine nagelneue Zeitung vor der Nase, da fällt das Ernstnehmen schwer. Und man fragt sich, auf welches Publikum all das nur berechnet ist.
Nautilus läuft in der ZDF-Mediathek und an Karfreitag von 20.15 Uhr an auf ZDFneo.
