Weithin sichtbar überragen drei Golgathakreuze den 256 Meter hohen Sternberg südlich des Aschaffenburger Stadtteils Schweinheim. Ausgerichtet sind sie auf das mächtige Renaissance-Schloss der Mainzer Erzbischöfe im Zentrum, wobei das Naheliegende nicht der Ursache Wirkung sein muss. Historisch steht die Gruppe in keiner Verbindung zum Kurfürstentum, aber zweifellos beseelt sie der Geist einer fast tausendjährigen Prägung durch den katholischen Glauben.
1948 wurden die neun und sieben Meter hohen Holzkreuze durch den „Gesellschaftsklub Fidelio“ aufgestellt. Sie sollten zugleich Friedensmal und Zeichen der Verkündigung sein, der man sich erfolgreich mit „Passionsspielen“ bis zum Verbot 1934 verschrieben hatte. Hervorgegangen waren sie aus der Kulturarbeit von „Fidelio“, nicht ahnend, dass die Laienspielschar nach 1945 Opfer des ungebrochenen Zuspruchs werden könnte. Die immer aufwendigeren Inszenierungen zwangen mangels geeigneter Bühne 1957 zur Einstellung.

Die Kreuze blieben und avancierten wie die nahe Kapelle Maria Frieden zum Ziel von Wallfahrten und Prozessionen. Ursprünglich errichtet als Sühneopfer für einen Totschlag um 1712, erhielt die eine weitaus ältere Pieta bergende Kapelle ihre heutige Gestalt 1922, als man sie unter dem Eindruck des Weltkriegs zur Friedens- und Andachtsstätte umwidmete. Ihr später angelegter Kreuzweg besitzt die Besonderheit von 16 statt der gängigen 14 Stationen, da er auch die Auferstehung Jesu und die legendenhafte Kreuzfindung der heiligen Helena darstellt.
Beide, Kapelle und Kreuze, bilden gewissermaßen eine Konstante in einer sich rasch wandelnden Welt, wie schon der Vergleich mit alten Fotografien der Schautafel am Sternberg zeigt. Weit wuchs die Bebauung ins Umland, dennoch wird im Sinne biologischer Vielfalt auch Fläche gewonnen. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten ausgeräumte Felder vorherrschten und ein seit 1912 bestehendes Militärgelände Brachen hinterließ, gedeihen jetzt Bäume und Sträucher im Wechsel mit Magerrasen und Streuobst.
Rückzuchten des Auerochsen
Dank des Rückzugs amerikanischer Streitkräfte 2007 konnte das gesamte Areal als „Nationales Naturerbe“ ausgewiesen werden. Die größere Hälfte des rund 300 Hektar messenden Naturschutzgebiets gehört dem Bund und umfasst geschlossene Wälder und Biotope. Das kleinere, nördlich angrenzende Offenland „Wilde Weide“ der einstigen Panzerschießbahnen kam der Deutschen Bahn als Ausgleichsprojekt bei Neubaustrecken zugute.
Der Richtturm blieb erhalten und bietet den besten Blick zur „Weide“ mit ihren bestandsgefährdeten Arten: Auf der einen Seite grasen Przewalski-Pferde, auf der anderen sogenannte Heckrinder. Die robusten Tiere entstammen dem Versuch des Münchner Zoodirektors Heinz Heck um 1930, aus verschiedenen Rinderarten den ausgestorbenen Auerochsen rückzuzüchten. Ganz wollte das Experiment nicht gelingen, findet aber in den vergangenen Jahren bessere Voraussetzungen durch den europäischen Austausch alter Rassen, woran selbst das Freilichtlabor Lauresham von Kloster Lorsch beteiligt ist.
Wegbeschreibung
Als Zugang in die Aschaffenburger Sakral- und wiedergewonnene Naturlandschaft eignet sich der Aschaffenburger Stadtteil Schweinheim. Ihn fahren vom Hauptbahnhof Busse an; Haltestelle Rotäckerstraße, Höhe Sportzentrum. Das und ein zweites, am Ende der durch ein Neubauviertel führenden Straße liegendes, bieten viel Parkraum.
Ausgangs der davor verlaufenden Ebersbacher Straße bleiben die Häuser bald zurück. Mit der Zufahrt eines Reservistenheims und der (geschlossenen) Umweltstation erreicht man die „Wilde Weide“. Ihr gut zwei Kilometer langer Rundweg lässt sich geradeaus auch aussparen.
In das leicht ansteigende Terrain weist die Markierung roter Schmetterling. Ansonsten bedarf sie keiner Beachtung, da stets der Weg am stark gesicherten Gehegezaun die Richtung vorgibt. Die Größe des Areals bringt es mit sich, dass die Tiere nicht immer in Kameranähe grasen. Tendenziell sind die Heckrinder im unteren, die Przewalski-Pferde eher im oberen Drittel ihrer Weiden anzutreffen.
Zu sehen und nachzulesen gibt es ohnedies genug. Hätte man gedacht, dass die Bahn bis dato rund 900 Kompensationsobjekte mit fast 4000 Einzelprojekten angeschoben hat? Neben der Natur kommen diese auch Kulturlandschaften zugute. Hier sind es Betonpisten, Munitionsbunker und der kegelartige Befehlsstand für die Panzerschützen, der jetzt als Aussichtspunkt dient. Der Zugang verläuft durch das Areal der Przewalski-Pferde. Ihre Lieblingsplätze sind linksseitig in Zaunnähe zu finden. An den dortigen Unterständen gibt es eine Extraportion Heu und liegen mehrere Wasserlöcher.

Etwas abschüssig endet das 60 Hektar große Gatter vor einem Parkplatz, über den man links zu den Zeichen roter Vogel (Bekassine) und Aschaffenburg-Rundweg wechselt. Sie leiten nach halb rechts gen „Fidelio“ in den Forst und 600 Meter zu dem Waldhaus des 1913 gegründeten Kultur- und Wandervereins. Man verharrt etwas oberhalb und wechselt die Wanderzeichen zum roten Hasen sowie dem Fränkischen Marienweg (rot-blau). Nach einem knapp 800 Meter langen leichten Anstieg sichtet man die Kapelle Maria Frieden (auch Obernau genannt). Sie steht jederzeit offen und hält ringsum Sitzgelegenheiten bereit.
Aus den sternförmig auf die Kapelle zuführenden Wegen wählt man den halblinken, zunächst schnurgeraden, der mit den blau-gelben Schildchen eines Spessart-Kulturwegs ausgeschildert ist. Nach 500 Metern zwischen Kiefern biegt dieser vor dem steilen Wiesenhang links ab und führt bald rechts zurück in den Wald, nun via Pfad zum Baumrand. Am dortigen Richtungspfosten „Judenfriedhof“ muss man sich wieder umorientieren. Es geht mit dem Zeichen A 3 nach rechts zu der etwa 300 Meter entfernten Begräbnisstätte hinter einer hohen Mauer. Durch das Torgitter sind die bis ins frühe 18. Jahrhundert reichenden Grabsteine einsehbar.
Davor wird links über die Felder auf den nahen Waldsaum zugehalten, wo mit Kulturweg und rotem Schmetterling zwei alte Bekannte ins Spiel kommen (das M ist zu vernachlässigen). Mit Blick auf die Frankfurter Hochhäuser geht es nach 500 Metern rechts in den dichten Kiefernforst und auf einem Linksbogen zur Spitze des Sternbergs mit der Kreuzigungsgruppe.
Weiter geht es ein Stück vor den Bäumen entlang, ehe der jetzt allein maßgebliche Kulturweg rechts hinunter durch dichtes Strauchwerk führt. Am Wegekreuz Ruhstock – früher stellten hier Bauern schwere Lasten ab – biegt man rechts ohne Markierung in den befestigten Wirtschaftsweg, aus dem im nahen Neubaugebiet die Bischbergstraße wird. An der nächsten Kreuzung geht es dann rechts zur Rotäckerstraße.
Anfahrt
Nach Aschaffenburg über die A 3, Ausfahrt „West“, die B 8 führt ins Zentrum, von dort über den Main und der Ausschilderung Schweinheim folgen.
Halb- bis einstündliche Verbindungen per ICE und RB (teils via Hanau); weiter mit Buslinien 10 oder 15 viertelstündlich bis Schweinheim, Rotäckerstraße.
Sehenswert
Wo fast hundert Jahre Soldaten exerzierten und scharf geschossen wurde, erstreckt sich das mit knapp 300 Hektar größte Naturschutzgebiet Aschaffenburgs. Da in Bundesbesitz, gelten die Wälder, Biotope, Streuobst- und Magerwiesen als „Nationales Naturerbe“. Das offene Terrain („Wilde Weide“) unterhält die Deutsche Bahn zum Ausgleich für Neubaustrecken. Dort siedelte man Przewalski-Pferde und ein Dutzend sogenannter Heckrinder an. Das frei zugängliche Gelände erschließt ein knapp drei Kilometer langer, familiengerechter Rund- und Informationsweg.
Wahrzeichen der Vorspessart-Landschaft sind gut neun und sieben Meter hohe Golgathakreuze am Sternberg. Sie wurden 1948 ebenso als Mahnung zum Frieden aufgestellt, wie die nahe, im frühen 18. Jahrhundert errichtete Kapelle Maria Frieden 1922 entsprechend umgewidmet wurde. Sie birgt eine vermutlich spätmittelalterliche Pieta. Zwischen beiden Stätten liegt der bedeutendste jüdische Friedhof des bayerischen Untermains. Etwa 550 bis ins frühe 18. Jahrhundert reichende Grabsteine sind erhalten.
