Glamourös ist anders. An der weißen Wand hängen ein paar Poster und eine Vinylplatte. Der Schreibtisch ist aufgeräumt. Alexis Lanternier, CEO des französischen Streamers Deezer, sitzt an einem runden Besprechungstisch. Er erklärt, warum seine Firma trotz stagnierendem Umsatz von 534 Millionen Euro erstmals kleine schwarze Zahlen schreibt – 8,5 Millionen Euro –, warum der Kampf gegen KI-generierte Musik so wichtig ist und warum er gerne an seine Jugend in Frankfurt zurückdenkt.
Sie haben sich den Kampf gegen KI-generierte Musik auf die Fahnen geschrieben. Wie gut funktioniert das?
KI-generierte Musik ist in den letzten zwei Jahren immer besser geworden und heute teilweise schwer durch das menschliche Ohr zu erkennen. Seit letztem Jahr sind wir aber in der Lage, KI-generierte Musik zu identifizieren. Aktuelle KI-Tools erzeugen charakteristische Artefakte im Audiosignal, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind, sich jedoch durch mathematische oder maschinelle Analyse schnell und sicher aufspüren lassen. Wir haben Millionen von Songs so aussortiert und darauf ein enormes Feedback erhalten. Aktuell haben wir die beste Software, um KI zu erkennen.
Wie viele Leute arbeiten an der Erkennung von KI-generierten Tracks?
Wir haben ein Team von zehn Leuten, das nur an der Erkennung der KI-Musik arbeitet.
Das ist nicht billig. Wie haben Sie es trotzdem geschafft, erstmals aus den roten Zahlen zu kommen?
Wir haben eine Menge Fixkosten. Es hilft, dass die Zahl unserer Kunden wächst, wir aber auch nachhaltige Rechte halten und dass wir genau schauen, wo wir investieren. Wir haben die Zahl der Länder verringert, in denen wir Marketing betreiben, und haben einen Flur unseres Gebäudes vermietet. In der Summe führt das zu einem positiven Ergebnis.
Ist der Kampf gegen KI-Musik auch einer für die von Menschen gemachte?
Wir sind nicht gegen KI an sich. Wir wollen lediglich sicherstellen, dass beim Musikstreaming Transparenz und Fairness herrschen. Wir schließen KI-generierte Titel aus algorithmischen und redaktionellen Empfehlungen aus, damit die Nutzer diese Musik nicht hören müssen, wenn sie das nicht möchten. Diese Maßnahmen erschweren es Betrügern zudem, das System zu manipulieren und dadurch menschlichen Künstlern Einnahmen zu entziehen.
Trotzdem hat Spotify über 700 Millionen mehr Nutzer als Deezer. Warum sollten Hörer zu Deezer wechseln?
Der Hauptgrund: Wir sind auf Musik konzentriert. Wir sind die Plattform, der das Schicksal der Musikindustrie und der Musiker am Herzen liegt. Für die Nutzer heißt das, mehr Kontrolle über das zu haben, was sie hören. Wir zeigen transparent, wie alles funktioniert. Wenn du bei uns bist, unterstützt du die Musiker und hast mehr Verbindung zu ihnen, also auch zu privaten Konzerten, zu Festivals. Du erlebst die Musik direkter. Das ist mehr als Streaming, ein voller Fokus auf Musik.
Gibt es Musiker, die auf Deezer sind, aber nicht auf Spotify?
Alle Streamingdienste bieten im Grunde denselben Katalog an. Es mag einige Ausnahmen geben – abhängig von den Entscheidungen der Künstler oder lokalen Lizenzbestimmungen –, aber es ist sehr schwierig, Beispiele zu nennen.

Die KI sagt, Pearl Jam sei nicht auf Deezer. Warum?
Das ist falsch. Pearl Jam haben bei uns 5,4 Millionen Fans.
Was hören Sie eigentlich privat?
Ich bin ein Heavy User von Deezer. Aktuell höre ich am liebsten Billie Eilish, Theodora, Alan Walker und Angèle. Übrigens habe ich meine Jugend in Frankfurt verbracht.
Da haben Sie in den Clubs bestimmt viel Techno gehört.
Dazu war ich zu jung. Das haben mir meine Eltern nicht erlaubt.
Was sind dann Ihre Erinnerungen an Frankfurt?
Ich spielte viel Tennis. Die Schönheit des Lebens in Frankfurt lag vor allem darin, dass ich die Schule schon um 14 Uhr verlassen durfte. Die Kinder in Frankreich haben erst um 17 Uhr aus. Deshalb konnte ich eine Menge Sport machen. Ich habe das geliebt. Das sind tolle Erinnerungen. Auch dass ich in der Stadt als Teenager Fahrrad fahren konnte und mit dem Bike überall hinkam, hat mich begeistert. Das kannst du in Paris nicht, oder zumindest konntest du es nicht vor 20 Jahren. Für die Eltern in Deutschland ist der frühe Schulschluss bestimmt nicht leicht zu managen. Für die Kinder ist das aber großartig.
Was können Sie uns über weltweites Musikhören sagen? Welche Trends zeigen sich? Was verbindet junge Frauen in Iran musikalisch mit denen in USA?
Der große Trend geht zu lokalen Klängen, über 50 Prozent beträgt der in Brasilien, danach kommt Frankreich, Deutschland liegt im Mittelfeld. Da besteht eine sehr starke lokale Bindung. Megatrends? Die Afrobeats wachsen weltweit, puerto-ricanische Musik geht ab, der K-Pop boomt – das alles hört die Welt gerade, und daneben gibt es ein Besinnen auf die Musik der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre. Und dann sehen wir, dass neben den Top Artists es immer mehr „mittleren“ Künstlern möglich ist, massenhaft gehört zu werden. Pro Woche bedeutet das aktuell einen sechsmal höheren Output an Musik als noch 2022.
Ist eigentlich mehr Energie nötig, diesen höheren Output zu verbreiten, und schlägt sich das auf die Preise nieder?
Nein. Energie macht nur einen kleinen Teil unserer Kosten aus. Da droht keine Gefahr einer Erhöhung. Es gibt keine Pläne, die Preise zu erhöhen. By the way: Musik zu hören, ist weitaus günstiger, als Videos zu sehen.
Warum sollte sich Deezer positiv weiterentwickeln?
Weil wir zum Beispiel niemals KI-generierte Musik für dich pushen werden. Und wenn du KI-generierte Musik hörst, dann nur, weil du es hören willst und es von uns mit einem Label kenntlich gemacht wurde. Wir haben es auf der Plattform, und manches davon klingt wirklich gut. Wir sind die vertrauenswürdige App mit besserem Sound, und wir sind jederzeit transparent mit dem, was wir tun. Wir werden uns niemals schlecht benehmen.
Wo sind Ihre Kernmärkte, und wo sind Ihre weißen Flecken?
Wir werden vor allem in Europa und Brasilien gehört. Wir haben aufgehört, im Mittleren Osten zu investieren, weil das für uns wirtschaftlich keinen Sinn ergibt.
Und das reicht, um im Konzert der Giganten wie Apple, Youtube, Spotify und Amazon zu bestehen?
Absolut. Wir haben ein Team von 550 Leuten, wir haben den gleichen Katalog, und du musst für dich definieren, was dir wichtig ist: die wahre Musikbegeisterung oder Teil eines Systems zu sein. Wir sind sehr auf Musik fokussiert. Wir sind glücklich, weil sich in Europa immer mehr Menschen für uns entscheiden. Aber das ist ein lang andauernder Wettkampf.
