Alicja Kwade, Sie haben mit dem Modelabel Galvan eine Kollektion entworfen. Wie kam es dazu?
Kwade: Es gab vorher schon Anfragen von Modemarken. Ich habe mich dazu immer distanziert verhalten, weil es mich zwar interessiert hat, das einmal auszuprobieren, aber es mir immer zu festgesetzt war. Ich hatte keine Intention, einen Schal oder eine Tasche zu gestalten. Das stimmt nicht mit meiner Arbeit überein. Diese Anfrage fühlte sich hingegen leicht an, und ich hatte Lust, das zu machen. Später habe ich herausgefunden, dass ich mir selbst vor vielen Jahren einen Anzug von Galvan gekauft hatte. Der passte zu meiner persönlichen Ästhetik: skulptural und zugleich zeitlos und modern, schlichte Formen, kaum Muster.
Anna-Christin Haas, wie war die Zusammenarbeit für Sie?
Haas: Weil wir aus so unterschiedlichen Richtungen kamen, hat uns das aus unseren Komfortzonen gebracht. Ich erinnere mich noch an eine der vielen Nachtschichten, als Alicja sagte: „There is no beauty without pain“, geh’ noch mal zurück, lass uns die Stickereien, die wir mühevoll aufgetragen hatten, herunternehmen. Da habe ich gelernt, nicht das Perfekte stehen zu lassen, sondern das Spannende im Unperfekten zu suchen.
Zum Beispiel im Glasauge?
Kwade: Ich sammle seit langer Zeit Augenprothesen und habe Vitrinen im Atelier für Dinge, die mich faszinieren, die sich aber formal nicht in meine Arbeit einbinden lassen. In der Kollektion ging es um die Schwarze Tollkirsche, eine Heil- und Giftpflanze, die vor allem in der Renaissance verwendet wurde. Aus ästhetischen Gründen haben Frauen sich das in die Augen getropft, weil es pupillenerweiternd gewirkt hat. Das wurde damals als attraktiv angesehen. Parallel wurde die Pflanze von Heilerinnen verwendet, die man damals auch pauschal Hexen nannte, die sie als Schmerzmittel einsetzten, auch bei Geburten. Die erweiterten Pupillen unter Einwirkung dieser Pflanze galten als modisch. Diese Frauen halluzinierten dann, schädigten sich also letztlich selbst, um zu gefallen. Das war für mich ein Spannungsfeld, um zu hinterfragen, was Mode eigentlich ist. Mode ist an der Oberfläche, damit geht eine soziale Positionierung einher. Sie wird gesehen, und man will gesehen werden. Ich wollte schon immer etwas mit der Iris und diesen Augen machen. So kamen wir auf den Mantel, auf den die Pupillen wie in einer Sternformation gestickt sind.

Jean Cocteau hat 1937 eine Brosche in Form eines Auges für Elsa Schiaparelli entworfen. Das Auge hat seitdem in der Mode einen Platz.
Kwade: Wir speisen ja alle aus dem gleichen Pott von Informationen, zumindest in den vergangenen 3000, 4000 Jahren. So wahnsinnig viel hat sich nicht geändert. Als Homo sapiens sind wir visuelle Tiere, unser Auge ist ein hochentwickeltes Organ. Es ist ein spezielles Organ, das wir da mit uns rumtragen, wenn wir das Glück haben, dass es funktioniert und uns dieser Sinn zur Verfügung steht. So ist über Jahrhunderte, Jahrtausende eine große Faszination mit diesem Objekt, das uns die Welt eröffnet, entstanden. Uns ging es nicht darum, etwas Neues zu erfinden, aber um eine Präzision.
Haas: In der Mode kann man eigentlich machen, was man will. Man kann mit großen oder kleinen Augen arbeiten. Für uns war aber der Anspruch, in der Echtheit zu bleiben, darauf zu achten, wie groß ein Auge sein darf, eine Iris, eine Pupille. Und zu schauen, in welchem emotionalen Zustand die Pupille gerade ist.
Sie haben echte Glasaugen verwendet. Wie lief die Suche?
Haas: Wir haben lange nach einem Hersteller von medizinischen Augenprothesen gesucht, etwa in London, in Berlin. Irgendwann sind wir in Köln fündig geworden, bei Augenprothetik Fischer. Man muss erst einmal ein Team finden, das in kurzer Zeit 200 Glasaugen mit unterschiedlichen Pupillengrößen herstellt. In allen menschlichen Farben, die es gibt.
Kwade: Ich hatte mit sehr vielen telefoniert, aber für die meisten war es eine Unterbrechung ihres Prozesses. Die Prothesen werden aus Glas hergestellt, in Handarbeit, mundgeblasen. Da gibt es keine Ersatzprodukte aus Kunststoffen. Und wir wollten nicht den weißen Teil des Auges, sondern nur Iris und Pupille. Die Firma in Köln konnte diese Augen herstellen.
