Statt Tante Emma begrüßt künftig ein Bildschirm die Einkaufenden im Kurort Oybin: In der kleinen Gemeinde im Zittauer Gebirge öffnet an diesem Donnerstag ein «Smart Store» seine Türen – von 5.00 bis 23.00 Uhr und auch Sonn- und Feiertags. Für die 1.600 Einwohner des beliebten Touristenortes schließt sich damit eine Lücke in der Nahversorgung, die viele schon seit Jahren spüren. «Wir haben gesehen, dass die Leute immer wieder gefragt haben: Wo kann ich denn mal was kaufen, wenn ich wandern gehe oder mich für die Ferienwohnung versorgen will?», sagt Betreiber Conrad Siebert, der im Ort ein Hotel führt und seit 2009 im Gemeinderat sitzt. Für ihn ist der Laden längst eine «Herzensangelegenheit» geworden. Für den Kurort sei er doppelt wichtig: «Für die Einwohner, die nicht jedes Mal fünf Kilometer zum nächsten Supermarkt fahren wollen, und für die vielen Feriengäste, die sich selbst verpflegen», sagt Siebert.
Unterstützung gibt es von der Gemeinde, in deren Gebäude der Markt, der zum Franchise-System «Tante M» gehört, untergebracht ist. Auf 58 Quadratmetern gibt es Regale mit Lebensmitteln, Getränken und Dingen des täglichen Bedarfs. «Es ist ein ganz normaler Einkaufsladen, wie Sie das kennen, nur ein bisschen entschlackt», beschreibt Siebert das Konzept. Zutritt erhalten Kunden mit EC-, Kredit- oder einer Kundenkarte. Bezahlt wird ausschließlich digital an Selbstbedienungskassen, die Einkäufe werden elektronisch erfasst. Bei Diebstahl sei die Kundenzuordnung über die Zugangsdaten möglich.
Ganz ohne Menschen geht es trotzdem nicht: «Von Montag bis Freitag 9.00 bis 11.00 Uhr ist Präsenzzeit», sagt Siebert. Eine Minijobberin helfe dann bei Fragen zu Problemen beim Selbstbedienungs-Einkauf, kümmere sich um Reinigung und die Annahme von Ware. Den Rest erledigen Siebert und seine Familie selbst.
Auszeichnung vom Freistaat – und offene Fragen
Das Projekt ist auch der Staatsregierung aufgefallen: Der Oybin‑Store gehört zu den Preisträgern des «simul⁺»‑Kreativwettbewerbs, mit dem Sachsen innovative Ideen für ländliche Räume auszeichnet. Infrastrukturministerin Regina Kraushaar (CDU), die den Laden am Donnerstag feierlich eröffnet, nennt das Projekt einen «Leuchtturm für die Nahversorgung im ländlichen Raum». Das Konzept der 24-Stunden-Läden könne künftig eine Lücke in der Nahversorgung in Sachsens Dörfern schließen insbesondere für diejenigen, die nicht eigenständig mobil sind, die Lebensqualität vor Ort steigern und die Dorfgemeinschaft stärken, teilt das Ministerium auf Anfrage mit.
Handelsexperten sehen in teil- und vollautomatisierten 24-Stunden-Märkten einen bundesweiten Trend. Nach einer Erhebung der Dualen Hochschule Baden‑Württemberg (DHBW) im vergangenen Jahr gab es bundesweit zuletzt 723 Smart Stores, in Sachsen waren es bislang 13. Rund 30 Prozent des Umsatzes werde sonntags gemacht – ohne Sonntagsöffnungen lohne sich der Betrieb vieler Märkte nicht.
Grauzone im sächsischen Ladenöffnungsrecht
So normal der Einkauf in 24-Stunden-Läden wie dem neuen Oybiner Markt wirkt – rechtlich ist er in Sachsen bislang ein Graubereich. Das sächsische Ladenöffnungsgesetz kennt Öffnungszeiten von 6.00 bis 22.00 Uhr an Werktagen und setzt enge Grenzen für Sonntage; eine ausdrückliche Ausnahme für voll automatisierte Lebensmittelläden gibt es nicht.
Das Dresdner Wirtschaftsministerium beschreibt die derzeit gängige Praxis auf dpa‑Anfrage als «befristete Übergangslösung». 24-Stunden-Läden wie in Oybin würden «auf Grundlage einer eingeübten verwaltungsrechtlichen Praxis, nach den Maßgaben gewerberechtlichen Automatenrechts» unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen. Konkret heiße das: eine maximale Verkaufsfläche von höchstens 100 Quadratmetern, der Verzicht auf Verkaufspersonal und ein eingeschränktes Sortiment.
Gesetzliche Neuregelung geplant
Um Rechtssicherheit zu schaffen, soll Sachsens Ladenöffnungsgesetz allerdings künftig auch den Betrieb neuartiger Konzepte wie das der Smart Stores regeln, teilt das Wirtschaftsministerium weiter mit. Wie genau die künftigen Paragrafen aussehen könnten, werde derzeit innerhalb der Staatsregierung abgestimmt.
Die Franchise-Kette «Tante Enso» hat sich auf Dorfmärkte spezialisiert, die genossenschaftlich betrieben werden und außerhalb regulärer Öffnungszeiten ohne Personal für Kunden zugänglich bleiben. Auch in Sachsen gibt es bereits drei «Tante Enso»-Märkte. Für Unternehmenssprecherin Jessica Renziehausen ist das Vorbild klar. «Wir hoffen sehr, dass sich der Freistaat Sachsen an der Regelung in Sachsen-Anhalt orientiert.» Dort wurden für die neuen Ladenkonzepte per Erlass des Wirtschaftsministeriums Regeln definiert. Unter anderem dürfen vollautomatisierte Läden in Sachsens Nachbarbundesland an Sonn- und Feiertagen nur per Kundenkarte betreten werden. Zudem darf kein Personal vor Ort sein – auch nicht, um Regale aufzufüllen. Ähnliche Regeln sieht auch ein Gesetzesentwurf in Thüringen vor, den die Staatsregierung kürzlich vorgestellt hat.
Wie stark die Menschen in Oybin ihre neue Einkaufsmöglichkeit nutzen werden, muss nun die Zukunft zeigen. Betreiber Siebert ist optimistisch: Schon vor der offiziellen Eröffnung hätten immer wieder Leute an der Tür geklingelt und gefragt, ob sie nicht doch schon einkaufen dürften. In dem Kurort sei das Nahversorgungsangebot künftig so gut wie seit Jahren nicht mehr.
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