Wer durch die Hanauer City läuft, der wird gemessen: Laserscanner zeichnen auf, wie viele Menschen sich über die Plätze und durch die Fußgängerzonen der Innenstadt bewegen. Ein bewährtes Verfahren, das der Kölner Anbieter Hystreet nach eigenen Angaben in mehr als 100 Städten einsetzt. Die Ergebnisse für die hessische Stadt sind bemerkenswert: 8,5 Millionen Menschen wurden an den zwei Messstellen im vergangenen Jahr gezählt – zwei Prozent mehr als noch 2024. Folgt man der These von verödenden Innenstädten (und der Mitteilung der Hanauer Marketinggesellschaft), dann widersetzt man sich an der Mündung der Kinzig in den Main einem „bundesweiten Trend“. Ein schöner Befund für die Verantwortlichen, aber kein Selbstläufer: Der Kampf um die belebte City ist eine Daueraufgabe.
Nur wenige Städte in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren so verändert wie das rund 100.000 Einwohner zählende Hanau. Zwei große Herausforderungen hat die Stadt in dieser Zeit bewältigt. Da ist zum einen die Konversion ehemaliger Militärflächen: Bis 2008 war die Stadt die größte Garnison der US Army in Europa mit mehr als 20.000 Soldaten, die mehr oder weniger von einem auf den anderen Tag abgezogen wurden. Etwa 340 Hektar an Kasernen und anderen Militäreinrichtungen standen plötzlich leer, für die neue Nutzungen gefunden werden mussten in einer Stadt ohne großen finanziellen Spielraum. Die Konversion in engem Zusammenspiel mit Investoren und dem Bund als Eigentümer der Anlage gelang, im Großen und Ganzen ist das Projekt erledigt.
Wochenmarkt als Quotenbringer
Der zweite große Schlag wurde der Umbau der Innenstadt, der in Hanau oft als der zweite Wiederaufbau der City nach ihrer Auslöschung im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs bezeichnet wird. Als vor 20 Jahren Martin Bieberle, bei dem im Rathaus die Fäden der Stadtentwicklung zusammenlaufen, und sein Team den Bestand aufnahmen, fiel das Urteil pessimistisch aus. Seine Rolle als Quotenbringer erfüllte noch mittwochs und samstags der Wochenmarkt, ansonsten aber drohte Hanau seinen Status als Einkaufsstadt und Anziehungspunkt für Kunden aus den Nachbargemeinden zu verlieren. Statt sich auf einzelne Projekte zu konzentrieren, entschieden sich Politik und Verwaltung für einen Plan für die ganze City, den „Innenstadtumbau“.
Am augenfälligsten wird er rund um die Wallonisch-Niederländische Kirche, wo moderne Wohnhäuser die eilig hochgezogenen Nachkriegsbauten ersetzt haben, und vor allem auf dem Freiheitsplatz. Wo früher ein schmuckloser Parkplatz und ein leer stehendes Kaufhaus Verfall atmeten, ist mit dem Forum Hanau unter anderem ein gut frequentiertes Einkaufszentrum entstanden, daneben mit dem Kulturforum ein weiterer Anziehungspunkt.
Werkzeuge für die Innenstadt
Aber nur mit Neubauten ist es nicht getan: „Reiner Einzelhandel reicht nicht mehr“, sagt Claudia Kirsch von der örtlichen Industrie- und Handelskammer, „es braucht Veranstaltungen, Grünflächen und Aktionen, um die Menschen in die Stadt zu holen“. Und nicht nur die eigenen Bürger, darauf verweist IHK-Hauptgeschäftsführer Gunther Quidde: „Hanau muss aus dem Umland Leute heranziehen.“ Denn die Kaufkraft in der Stadt selbst liege bei 92,3 Prozent des deutschen Durchschnitts, und sie nehme wegen der lahmenden Konjunktur in den vergangenen Jahren sogar noch leicht ab. Um die zentrale Funktion als Einzelhandelsstandort zu erhalten, brauche die Stadt ein „Sensorium für die Innenstadt“, sagt Quidde, und da „ist Hanau sehr gut“. Noch Wünsche? Ja, meint Kirch: „Mehr inhabergeführte kleine Läden, mehr Grün.“
In den vergangenen Jahren hat die Stadt einen Satz von Werkzeugen entwickelt, um Leerstände in der City zu vermeiden. Das beginnt mit dem Programm „Hanau aufladen“, bei dem aufgegebene Ladengeschäfte zu Pop-up-Stores werden, und reicht bis zu einem Vorkaufsrecht der Stadt. In der Überzeugung, dass der Markt eben nicht alles regelt, beteiligt sich die Kommune aktiv an der Entwicklung der Innenstadt. Das prominenteste Beispiel steht direkt am Marktplatz: Aus dem ehemaligen Galeria Kaufhof ist der sogenannte Stadthof geworden. Kleine Ladengeschäfte im Parterre, publikumswirksame Ausstellungen wie die „Körperwelten“ oder eine Banksy-Schau im ersten Stock, dazu Bildungseinrichtungen und bald eine Filiale des Sportarktikelhändlers Decathlon im Untergeschoss. Das passt zu Bieberles Mantra für die Innenstadt: „Frequenz, Frequenz, Frequenz.“
Aber das hat seinen Preis: 25 Millionen Euro für den Kauf der Immobilie und gut 40 Millionen Euro für deren Umbau sind viel Geld, um Leerstand zu verhindern. Es zählt zu den Hanauer Besonderheiten, dass diese wie viele andere Richtungsentscheidungen auch von einer großen Mehrheit in der Kommunalpolitik getragen werden. Es zählt zu den Verdiensten der politischen Spitze um Oberbürgermeister Claus Kaminksy (SPD), in den wichtigen Fragen für die Stadt einen parteiübergreifenden Konsens organisiert zu haben.
Leerstand im Griff
Bis dato gelingt es nach Angaben der Hanauer Marketinggesellschaft, den Einzelhandel in der Stadt zu halten, es gebe kein „strukturelles Leerstandproblem“. Bisher fände sich meist in kurzer Zeit ein neuer Mieter, wenn ein Geschäft aufgegeben werde: „Wir gehen aber auch in die Immobilien hinein und fördern neue Konzepte“, sagt Bieberle. Starthilfe im Programm „Hanau aufladen“ sind zum Beispiel umsatzabhängige Mieten und Mietverträge ohne lange Laufzeit, „wir wollen nicht sofort mit fünf Jahren gängeln“. Aber auch wenn man dem Markt auf die Sprünge helfe, die Stadt könne kein totes Pferd reiten: „Die Konzepte müssen sich wirtschaftlich behaupten können.“ Aus Pop-up-Stores sollen dauerhafte Mieter werden.
Generell geht es aus Bieberles Sicht darum, Anlässe für einen Besuch in der Innenstadt zu schaffen, das Angebot im Handel allein reicht seiner Überzeugung nach nicht. Also richtet die Stadt Veranstaltungen aus, vom sogenannten Feierabendmarkt bis hin zu Sportevents. Noch ein Thema sind, da sind sich Bieberle und Quidde einig, Sicherheit und Sauberkeit. Die (positiven) Zahlen der Kriminalstatistik sind das eine, die Wahrnehmung der Passanten ist das andere.
Neben der Innenstadt richtet sich der Blick der Stadtplaner jetzt auch auf deren Rand: Aus einem bisher industriell genutzten Areal zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt soll in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ein neues Quartier mit Wohnungen, Gastronomie und Gewerbe entstehen; das Planungsgebiet umfasst eine Fläche von 30 Hektar. Für die Stadt verbindet sich mit dem Vorhaben die Hoffnung, den etwas abseits gelegenen Hauptbahnhof, dessen Standort seinerzeit durch den Verlauf der Bahnlinien und die Lage der Eisenbahnbrücke über den Main bestimmt war, enger an die Innenstadt anzubinden. Vielleicht lohnt es sich dann, auch dort Scanner aufzustellen und Passanten zu zählen. Im Moment würden die Geräte wahrscheinlich aus Langeweile auf Stand-by schalten.
