Erst der Wal, dann der Wolf. In den vergangenen Tagen eines ohnehin ziemlich verunsichernden März, in dem die Deutschen zu rechnen begannen, ob Raketen aus dem Iran bis nach Iserlohn fliegen könnten, kam auch noch die Natur verwirrend nah. Sie tat es in Gestalt zweier Tiere, die die Menschen seit jeher mit Geschichten, Ängsten, Sehnsüchten beladen wie wenige sonst. Sie schienen auch direkt zu bestätigen, was ihnen zugeschrieben wird: hier der sanfte, kluge Wal, der sich, verirrt und geschwächt, zum Sterben auf die Sandbank begibt, dort der blutrünstige Wolf, vor dem man nicht einmal in einer Einkaufspassage sicher ist.
Was am Montagabend in Hamburg-Altona geschah, war laut dem Bundesamt für Naturschutz der erste Angriff eines Wolfs auf einen Menschen seit der Wiederansiedlung der Tierart in Deutschland. Es war aber auch das erste Mal, dass sich ein Wolf in eine Einkaufspassage verirrte und eine Frau versuchte, ihm den Weg hinauszuweisen. Dass dies dem Biss vorausging, der eine ambulante Behandlung erforderte, haben Zeugen beschrieben.
Es braucht nun Fakten
Beides erzählt etwas – allerdings nicht, dass die schlimmsten der nicht gerade wenigen Ängste und Vorbehalte in Bezug auf den Beutegreifer berechtigt sind. Zu folgern, dass von Wölfen eine unkalkulierbare Gefahr auch für Menschen ausgeht, wäre der falsche Schluss. Der richtige ist, dass das ambitionierte und zugleich alternativlose Projekt, eine Art zurückkehren zu lassen in die inzwischen anthropogen überformte Landschaft, in der sie jahrtausendelang zu Hause war, enger begleitet und klarer kommuniziert werden muss als bislang geschehen. Das gilt ebenso für die Kohabitation mit Nutztieren, deren Schutz nicht engagiert genug vorangetrieben und evaluiert wird.
Was den Menschen betrifft, braucht es nun Fakten, die es beim Wolf, dem in der westlichen Kulturgeschichte meist bösen und ausrottungswürdigen Tier, ohnehin schwer haben. Sie relativieren nicht, was in Hamburg passierte, ordnen es aber ein: Die Studie des Norwegischen Instituts für Naturforschung, die alle bekannten Übergriffe von Wölfen auf Menschen zwischen 2002 und 2020 auflistet, unterteilt die 489 dokumentierten Fälle in solche in prädatorischer und wehrhafter Absicht sowie in durch Tollwut verursachte. Unter Letztere fallen fast 80 Prozent, vor allem in der Türkei, Indien und Iran, wo die Krankheit anders als in Deutschland noch vorkommt.

Gezielte Angriffe gesunder Wölfe gibt es: 67 wurden gezählt, die meisten in Iran. Darin liegt der wahre Kern des Märchens vom Rotkäppchen, das als zunächst mündlich überlieferte Geschichte die Härte ländlichen Lebens im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts widerspiegelte, bevor es zur didaktischen Handreichung bei einschüchternder Kindererziehung wurde: Wenn Beute äußerst knapp ist, kann der Mensch zu einer werden. Der Vorfall in Hamburg zählt jedoch zur kleinsten, 39 Fälle umfassenden Kategorie: Angriff in Verteidigungsabsicht von einem Tier, das sich in die Enge getrieben oder bedroht sieht. Die plötzliche Verhaltensänderung, die konstatiert wurde, lässt sich hieraus nicht ableiten: Bevor und nachdem der junge, unerfahrene Wolf in der Einkaufspassage festsaß, zeigte er die arttypische Scheu.
Dass es in Italien vor genau drei Jahren zum ersten tödlichen Bärenangriff im Land kam, lag wohl auch daran, dass die Bevölkerung des Trentino mit den wieder angesiedelten Raubtieren weitgehend allein gelassen wurde. In den Abruzzen etwa wurden die Menschen viel konsequenter aufgeklärt und über Verhaltensregeln informiert. Ein Wolf in der Einkaufspassage, das wird auch in Zukunft nicht öfter vorkommen als das Wildschwein im Berliner Baumarkt, das kürzlich zum Hit in den sozialen Medien wurde. Ein junger Wolf, der auf der Suche nach einem Revier vorübergehend auf Stadtgebiet gerät, das gab es bereits und wird es auch in Zukunft geben. Soll das Projekt der Wolfsrückkehr nicht scheitern, müssen die Menschen in die Lage versetzt werden, bei einer Begegnung adäquat zu reagieren: Abstand halten, dem Tier die Möglichkeit zum Rückzug geben.
Läuft das Jungtier von Altona erneut in ein urbanes Zentrum, wird es getötet werden müssen. Doch eine zweite Chance, sich zu verhalten wie ein typischer Wolf, der Menschen lieber nicht begegnet, sollte es bekommen.
