Bestialisch sind die Morde, unscheinbar wirkt der Mörder. Als Erstes fällt ihm in der Miniserie „Sternstunde der Mörder“, die wie der gleichnamige Roman von Pavel Kohout im Frühsommer 1945 im gerade noch besetzten Prag spielt, eine deutsche Offizierswitwe zum Opfer. Sofort vermuten die misstrauischen deutschen Besatzungsbehörden einen Akt des tschechischen Widerstands.
Weil der Täter in der Tat Tscheche zu sein scheint, übernimmt die den Deutschen unterstellte tschechische Protektoratspolizei die Ermittlungen. Hauptkommissar Beran (Karel Dobrý) setzt seinen besten Mann auf den Fall an: Jan Morava (Jonas Nay), einen zurückhaltenden, aber innerlich von den Besatzern abgestoßenen jungen Polizisten. Dann geschehen weitere Morde, diesmal sind die Opfer tschechische Witwen.
Die irren Taten sind ein Spiegel der Massenmorde durch die Besatzer
Man hat es also offenbar – wie in vielen Thrillern – mit einem misogynen Psychopathen zu tun. Für die Grausamkeit des von Beginn an offen gezeigten Serienmörders (Gerhard Liebmann) gibt es aber noch eine andere, eine narrative Erklärung. Kohout brauchte die irren Taten als Spiegel für die nicht weniger empathielosen Massenmorde durch die Besatzer. Besonders schlimm war es, wie Morava erwähnt, im Jahr 1942 nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich, den Leiter des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren. Aus Rache hätten die Deutschen „wahllos Frauen und Kinder“ getötet. Das ist belegt, auch wenn den Massakern ebenso zahlreiche Männer zum Opfer fielen.
Die dämonischen Nationalsozialisten werden repräsentiert durch Standartenführer Meckerle, den Devid Striesow in stramm sitzender SS-Klamotte als cholerischen, schmierigen Tyrannen spielt. Seine Brutalität verbirgt er nicht, sie ist für ihn ein Herrschaftsinstrument: „Ich werde den gesamten Boden dieser verdammten Stadt mit dem Blut der Tschechen tränken, wenn ich dafür auch nur einen einzigen Tropfen deutschen Blutes rette.“ Meckerle sitzt die Angst im Nacken, schließlich rückt die Rote Armee schnell heran, das macht ihn so gefährlich.

Angst hat dieser lokale Machthaber auch – und nicht zu Unrecht – vor einer Verschwörung innerhalb der tschechischen Polizei: „Wir hätten denen nie Waffen erlauben dürfen.“ So stellt Meckerle den stillen Gestapo-Mitarbeiter Erwin Buback (Nicholas Ofczarek) ab, um Morava zu kontrollieren und zugleich nach einem Komplott Ausschau zu halten. Buback aber ist von anderem Schlag als Meckerle. Er und Morava, der desillusionierte Deutsche und der widerständige Tscheche, nähern sich während der Witwenmördersuche vorsichtig einander an.
Auf den Straßen stapeln sich die Toten
Dass Morava sich verlobt und Buback die Reize von Marleen Baumann (Jeanette Hain), der Geliebten Meckerles, zu schätzen lernt, sind kurze Glücksmomente in einer dunkel und ernst gefilmten Universaltragödie, die für alle sichtbar auf eine Katastrophe zutreibt. Und nun haben beide tragische Helden etwas zu verlieren.
Am 5. Mai 1945 bricht dann der Prager Aufstand los, der tschechische Rundfunk sendet Kampfaufrufe, auf den Straßen stapeln sich die Toten. Aber das Töten umfasst jetzt auch Rachemorde an Deutschen. „Nie und nirgends kann so fröhlich gewütet werden wie in den Sternstunden der Nation“, sagt Marleen Baumann zu Buback – eine der wenigen papieren klingenden Dialogzeilen, aber dennoch eine zentrale. Was all diese Bluträusche verbindet, ist der schlichte Umstand, dass es immer wieder Wehrlose trifft.

Inmitten dieser politisch verschachtelten, todesschwangeren Situation gelingt es der höchsten Schauwert bietenden deutsch-österreichisch-tschechischen Koproduktion, ein so spannendes wie tiefgründiges Drama zu erzählen, das in der konsequent historischen Regie von Christopher Schier gar nicht in erster Linie von Schuld und Sühne handelt, sondern von persönlicher Verantwortung und Integrität, obwohl sich alle moralischen Gesetze mehr und mehr zu verflüchtigen scheinen.
Wie die Mördersuche vom historischen Ausnahmezustand immer stärker überlagert wird, wie der Serie allmählich ihre Handlung abhandenkommt, ist programmatisch zu verstehen. Die Exekutive erweist sich als machtlos im politischen Chaos. In dieser entschiedenen Vordergrund-Hintergrund-Relation unterscheidet sich die Serie etwa von „Babylon Berlin“, wo der Plot sich nie den Zeitläuften geschlagen gibt.
Alle Schauspieler, von Ofczarek und Nay bis zu den tschechischen in den Nebenrollen, sind ihrer Aufgabe gewachsen. Dass Jonas Nay teils Tschechisch spricht und Deutsch wiederum mit Akzent, kann man gekünstelt finden; inhaltlich ist es stimmig. Die amourösen Verwicklungen wiederum wirken zwar kurz klischeehaft, aber schnell zeigt sich auch im Aneinanderklammern eine Verzweiflung. „Wir sind schon tot, nicht wahr?“, fragt etwa Marleen, als sie Buback hereinbittet. Das Finale schließlich ist konsequent.
Selten setzt sich ein historischer Krimi so vielschichtig mit einem Ereignis auseinander, bringt die Psychologie der Enthemmung so klar auf den Punkt. Warum als Drehbuchautor Klaus Burck angegeben wird, ein Pseudonym, das Holger Karsten Schmidt nach eigener Aussage verwendet, wenn er mit dem Endprodukt nicht einverstanden ist, erklärt sich so einfach jedenfalls nicht.
Sternstunde der Mörder läuft in der ARD-Mediathek und an Karfreitag ab 20.15 Uhr im Ersten.
