
Helmut Schmidt bekannte als Bundeskanzler: „Ich verstehe meine Steuererklärung nicht.“ Ebenso legendär ist Reinhard Meys Behördensatire „Antrag auf Erteilung eines Antragformulars“. Das Politikerzitat ist wie der Liedtext gut ein halbes Jahrhundert alt. Was hat sich seitdem getan im Bemühen der Ämter um bessere Verständlichkeit? Wer „Nichts“ sagt, liegt daneben. Längst bieten Städte und Gemeinden auf ihren Internetseiten auch Texte in sogenannter leichter Sprache an. Aber den logischen zweiten Schritt versäumen die Kommunen. Sie schreiben in aller Regel für die Bürger, also für ihre Kunden, gedachte Dokumente nach wie vor im schwer verständlichen Behördendeutsch. Die Stadt Marburg macht sich dagegen im Sozialdienst die lobenswerte Mehrarbeit.
Amtsdeutsch in verständliche Sprache zu übersetzen, ist in mehrfacher Hinsicht lobenswert. Zum einen müsste die Stadtverwaltung sich diese Arbeit gar nicht machen. Zum zweiten dient leichte Sprache nicht nur Menschen mit niedrigem Bildungsstand, sondern allen. Wer sich einmal die entsprechenden Internetseiten von Kommunen angesehen hat, weiß: Leicht verständlich bedeutet allgemeinverständlich.
Amtsdeutsch hat etwas von bürgerfernem Herrschaftswissen an sich
Behördendeutsch schreckt dagegen vielfach ab. Es hat etwas von bürgerfernem Herrschaftswissen an sich. Wer mag sich schon gerne in der Freizeit durch unnötig verquaste Formulierungen kämpfen? Drittens nimmt die Stadt die Bürger mehr als bisher als Kunden wahr und ernst. Sie zielt auf einen wertschätzenden und partnerschaftlichen Umgang miteinander und klare Botschaften. Wer sollte etwas dagegen haben können? Hauptsätze, gerne ohne Fremdwörter, versteht jeder. Und ja, es darf auch ein Nebensatz einfließen.
Nun muss eine Behörde immer juristisch sicher formulieren. Leichte Sprache hindert sie aber nach den bisherigen Erfahrungen aus Marburg nicht daran. Zudem spart sie nach Aussage der Bürokraten auch noch Zeit und Nerven im Umgang mit der Kundschaft. Und leistet so einen Beitrag zum Bürokratieabbau. Das verdient Nachahmer.
