Herr Kinser, ein Wolf hat sich in Hamburg verirrt und am Montagabend eine 65-jährige Frau in einer Einkaufspassage in Hamburg-Altona angegriffen. Müssen wir jetzt beim Einkaufen Angst haben, von einem Wolf überfallen zu werden?
Ganz klar: Nein. Wir schätzen das als Einzelfall ein. Dass ein Wolf überhaupt in der Hamburger Innenstadt auftaucht, ist an sich schon eine Ausnahme. Ich wüsste nicht, dass jemals in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren in irgendeiner Großstadt so ein Tier aufgetaucht ist. Es kommt vor, dass sich Wölfe in Siedlungsbereichen aufhalten oder mal in Kleinstädten. Das hat damit zu tun, dass Wölfe sehr neugierig sind. Gleichwohl ist es extrem außergewöhnlich, dass ein Wolf so tief in die Stadt hineinkommt.
Wie kann so etwas passieren?
In der Einkaufsmeile hat sich der Wolf in die Ecke gedrängt gefühlt. Er sah als einzige Möglichkeit, sich aus der Situation zu befreien, den Angriff nach vorne. Das wird purer Stress für das Tier gewesen sein. Alle, mit denen ich gesprochen habe, die das Tier gesehen haben, sagen unisono: „Das Tier hatte die Hosen voll.“
Wie kommt ein Wolf, wie in diesem Fall, überhaupt in eine Einkaufspassage?
Wie genau der Wolf dort hingekommen ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Jedoch ist in den letzten Tagen ein Wolf im Hamburger Stadtrandgebiet, von Westen herkommend, also Blankenese und Othmarschen, gesichtet worden. Deshalb ist es plausibel, dass sich der Wolf schlichtweg verirrt hatte und an natürlichen Strukturen entlanggehangelt hat, bis er plötzlich in der Innenstadt war.

Gab es in der Vergangenheit mal so einen Vorfall?
Der Angriff auf die Frau ist der erste dokumentierte und wasserdicht belegbare Vorfall dieser Art. Das hat es in den letzten 100 Jahren in Mitteleuropa nicht gegeben. Die Fälle, die wir aus historischen Aufzeichnungen kennen, bei denen Wölfe Menschen attackiert haben, sind auf die Tollwut zurückzuführen, die in Deutschland seit Jahrzehnten – zum Glück – ausgerottet ist.
Laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung hat der Wolf der Frau in die linke Gesichtshälfte gebissen. Können Sie erklären, in welchen Situationen ein Wolf zubeißt?
Der hatte einfach sehr, sehr große Angst um sein eigenes Leben.
Ist das grundsätzlich so: Wenn der Wolf Angst hat, beißt er zu? Oder spielen da mehrere Faktoren eine Rolle?
Grundsätzlich gilt: Wenn er Angst hat, wird er in 99 Prozent aller Fälle das Weite suchen und flüchten. In der Situation in Hamburg-Altona konnte er das nicht. Die Flucht war ihm verstellt, und dann blieb ihm wirklich als allerletzter Ausweg dieser Angriff.
Was gehört denn zum Beuteschema des Wolfes?
Zu rund 95 Prozent ernähren sich Wölfe von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen.
Einem Monitoring-Bericht 2024/25 der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) zufolge wurden in der Bundesrepublik insgesamt 276 Wolfsterritorien bestätigt. Was lässt sich daraus schließen?
Sie können davon ausgehen, dass ein Wolfsrudel im Schnitt fast zehn Tiere umfasst. Das heißt, wenn Sie diese Anzahl der Territorien mal zehn rechnen, dann sind sie bei rund 2500 Tieren. Hinzu kommen Einzeltiere und nicht sicher bestätigte Rudel.
Wie sind die Wolfsrudel in Deutschland verteilt?
Wenn man sich die Verteilung auf der Deutschlandkarte anschaut, dann ist ein klares Nordost-Südwest-Gefälle zu erkennen. Niedersachsen ist das führende „Wolfsbundesland“, gefolgt von Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
Laut DBBW wurden im Monitoringjahr 2024/25 163 Wölfe tot aufgefunden. Die mit Abstand häufigste Todesursache war der Straßenverkehr: 124 Wölfe kamen bei Unfällen ums Leben. Wie kann man die Wölfe schützen?
Das Thema beschäftigt uns seit Jahrzehnten. Das Schöne am Wolf ist, dass er eigentlich keine konkreten Schutzmaßnahmen nötig hat. Man muss seinen Lebensraum nicht besonders gestalten. Er findet in Deutschland, was sein Nahrungsangebot anbelangt, das Schlaraffenland. Wir haben sehr viel Wild, Rothirsche, Wildschweine, Rehe, von denen er sich ernährt. Das ist auch der Grund, warum der Wolf sich so erfolgreich fortpflanzen konnte. Das bedeutet aber auch: Wir Menschen müssen wieder lernen, mit Wölfen zusammenzuleben. Dazu gehört Aufklärung – und es ist wichtig, die Sorgen und Ängste der Landbevölkerung ernst zu nehmen. Hier lautet das Stichwort Herdenschutz.
Der Bundesrat stimmte in der vergangenen Woche der Aufnahme des Wolfs als jagdbare Tierart in das Bundesjagdgesetz zu. Damit können die Länder nun die Jagd in jenen Regionen erlauben, wo sich der Wolf in einem günstigen „Erhaltungszustand“ befindet.
Das ist etwas, was wir erst mal begrüßen. Die Bundesländer müssen das jetzt umsetzen. Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass der Herdenschutz damit nicht zurückgefahren wird, sondern sogar noch verstärkt werden muss. Darüber hinaus können die Länder nun aber auch Gebiete bestimmen, in denen die Jagd auf den Wolf erforderlich ist, weil Weidetiere dort schwer zu schützen sind – etwa auf Almen oder Deichen.
Die Aufmerksamkeit wegen des Falles in Hamburg ist groß. Was bedeutet das für das Zusammenleben zwischen Menschen und Wölfen?
Man braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu verstehen, dass sich der Wolf die Situation nicht ausgesucht, sondern sehr stressige Tage in der Stadt hinter sich hat. Wir sollten den Menschen klarmachen, dass Wölfe in der Regel Menschen meiden – und dieser Fall eine Ausnahme ist. Damit bietet dieser Fall auch eine Chance für Kommunikation.
Sollte es wie in Hamburg zum Ernstfall kommen: Wie könnte man sich denn gegen einen Wolfsangriff verteidigen?
Wenn Sie als Mensch einen Wolf sehen, macht das etwas mit Ihnen. Der Wolf fasziniert uns. Wenn der Wolf fünfzig oder hundert Meter entfernt ist, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen und können sich einfach nur freuen und den seltenen Anblick genießen. Sollte der Wolf den Menschen bemerken, dann zieht er in der Regel den Schwanz ein und flüchtet. Wenn der Wolf Ihnen aber nur wenige Meter gegenübersteht, ist die Situation eine andere: Dann sollten Sie sich groß machen, die Hände nach oben heben und laut schreien. Sie sollten damit das Tier davon abhalten, den Schritt zum Angriff selbst zu wagen. Sie sollten der Erste sein, der in der Situation eskaliert, um sich selbst zu schützen.
