Gegen das Vergessen hilft die Restaurierung. Denn viele der Inschriften auf den zum Teil jahrhundertealten Grabsteinen des jüdischen Friedhofs an der Mombacher Straße in Mainz sind kaum noch zu entziffern. Dabei haben sie bis heute einiges zu erzählen: über die einstige jüdische Metropole Magenza und das Judentum am Rhein. Deshalb sollen die noch vorhandenen steinernen Zeugen und der 1926 als Denkmalfriedhof wiedereröffnete ehemalige „Judensand“ laut Stadt in den nächsten elf Jahren für rund fünf Millionen Euro hergerichtet werden. Ganz so, wie es sich für ein – abgesehen von einigen Zwangsunterbrechungen – schon seit dem Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hinein genutztes Bestattungsfeld gehöre.
Die Idee, das am Hang gelegene und von alten Bäumen geprägte Areal mit seinen gut 1700 jüdischen Grab- und Gedenksteinen, von denen der älteste aus dem Jahr 1049 stammt, neu zu ordnen und um ein auf der Anhöhe zu bauendes Besucherzentrum zu ergänzen, ist ein paar Jahre alt. Spätestens 2021, also mit der Aufnahme der drei für das aschkenasische Judentum bedeutenden Schum-Städte Speyer, Worms und Mainz auf die UNESCO-Weltkulturerbeliste, wurden die Arbeiten auf einem der ältesten jüdischen Friedhöfe Europas intensiviert. Der Begriff „Schum“ leitet sich als Akronym von den hebräischen Anfangsbuchstaben der drei im Mittelalter als bedeutende Orte jüdischer Gelehrsamkeit gepriesenen Städte am Rhein ab: also von Schpira (Sch), Warmaisa (U) und Magenza (M).

Neben den erhaltenen alten Synagogen, dem Mainzer Neubau von 2010 mit seiner markanten, grün glasierten Keramikfassade und einigen Mikwen sind es vor allem historisch bedeutsame Begräbnisstätten, wie „Judensand“ und „Heiliger Sand“, die Besucher anziehen. In Mainz will man einen Rundweg anlegen, der Interessierten zumindest Teile des fortan von einer mehr als 500 Meter langen Eibenhecke mit Sichtfenstern umschlossenen Geländes zugänglich machen soll. Außerdem soll es laut Stadt von Mitte April an wieder regelmäßig Führungen für Gruppen geben. Was laut Ankündigung zudem für Sonntag, 7. Juni, also den offiziellen UNESCO-Welterbetag, geplant ist.
Gekrönt wird das ganze Vorhaben, das auf Pläne der Büros Holzer Kobler Architekturen und Sinai Landschaftsarchitekten aus Zürich und Berlin zurückgeht, vom neuen Besucherzentrum oberhalb des Friedhofs, das zugleich Aussichtspunkt, Anlaufstelle und Ausstellungsraum sein soll. Und auch den künftig überdachten Haupteingang möchte man mit Sitzbänken und Infotafeln zur bewegten Geschichte des „Alten Jüdischen Friedhofs“ in einen attraktiven Treffpunkt verwandeln. Dabei ist das ursprünglich neben einer Römerstraße angelegte Gräberfeld in der Vergangenheit, immer dann, wenn die jüdische Gemeinde aufgelöst und vertrieben worden war, unerlaubterweise auch als Baustofflager missbraucht worden.
Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Grabsteine, von denen etliche erst nachträglich einen Platz auf dem Denkmalfriedhof bekamen, regelmäßig auf ihre Standfestigkeit hin zu überprüfen und vor weiterem Verfall zu bewahren. Genau dafür, nämlich „für restauratorische und konservatorische Maßnahmen an Grabsteinen“, hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz der Stadt, die das Gelände treuhänderisch für die Jüdische Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen verwaltet, am Freitag eine Unterstützung in Höhe von 85.000 Euro zugesagt. Was etwa ein Drittel der für 2026 veranschlagten Kosten für das Langzeitprojekt abdecken dürfte. Die Förderung, für die man sehr dankbar sei, helfe, „dieses bedeutende Kulturerbe dauerhaft zu sichern und für folgende Generationen erlebbar zu machen“, sagte der parteilose Oberbürgermeister Nino Haase.
