Zum Wesen der Demokratie gehört es, dass sie manchmal auch komplizierte Ergebnisse hervorbringt. Das weiß man auch in Stuttgart nicht erst seit dieser Woche. Und es wäre am Montagabend schon interessant zu hören gewesen, wie Jörg Schönenborn nüchtern die Daten analysiert hätte, zu Milieu- und Protestwählern beispielsweise, und wie an den verschiedenen Mikrofonen gesprochen worden wäre angesichts des insgesamt diffusen Trends. Vielleicht wäre es in der Elefantenrunde sogar zur Frage der direkten Demokratie als solcher gekommen.
Volkes Wille jedenfalls war deutlich zu vernehmen gewesen an diesem Wahlabend, der in Wahrheit ein Fußballabend war – mit der schönen Pointe, dass es für das Siegtor der deutschen Mannschaft beim 2:1 gegen Ghana eine Koalition des Augenblicks zwischen dem Stuttgarter Volkstribun Deniz Undav mit dem von Teilen des Publikums abgewählten Leroy Sané erfordert hatte.
Julian Nagelsmann hatte mit dieser Widersprüchlichkeit des Abends schwer zu kämpfen. Allerdings deshalb, weil er in ihr gar keine sah. Sondern den Eindruck vermittelte, neben der Richtlinienkompetenz als Bundestrainer auch die Deutungshoheit behaupten zu müssen in einem öffentlichen und medialen Diskurs, der ihm viel zu oberflächlich geworden ist. Man könnte es auch so sagen: Nagelsmann kämpfte am Montagabend einen Kampf, den man auf anderer Ebene auch in der Politik kennt: gegen Fußball als Gefühl und manchmal auch Geschwätz.
Undav erfüllt das Profil ziemlich gut
Was man sagen kann: Dass er dabei durchaus gute Argumente hatte. Was man aber auch sagen musste: Dass das Gesamtbild der letzten beiden Auftritte der Nationalmannschaft vor der Nominierung des Weltmeisterschafts-Kaders am 12. Mai nicht das erwünschte von Aufbruch und Einigkeit war. Woran auch der Bundestrainer seinen Anteil hatte.
Schalten wir damit zur Analyse. Die Frage, in welcher Angriffskonstellation Nagelsmann die WM in Angriff nimmt, gehört grundsätzlich zu den komplizierteren für den Bundestrainer. Weil er einerseits über jede Menge offensives Personal verfügt, allerdings über sehr wenig mit dem Spezialprofil Torjäger. Dem Stuttgarter Undav, der diesem am ehesten entspricht, hat er in seinem Rollenmodell nur einen (möglichen) Platz als Joker zugewiesen.
Weil er nicht bloß die 18 Tore sieht, die Undav in dieser Bundesligasaison erzielt hat, die zweitmeisten nach Harry Kane, sondern auch den Kontext, in dem dessen Qualitäten seiner Meinung nach am besten zur Geltung kommen: bei allgemein nachlassenden Kräften und sich weitenden Räumen.
Man konnte also sagen, dass Undav dieses Profil ziemlich gut erfüllt hatte, nachdem er in der 46. Minute ins Spiel gekommen war und in der 88. zum 2:1 getroffen hatte. So wie man insgesamt sagen musste, dass Nagelsmann seine Mannschaft nach dem 4:3 in der Schweiz schlüssig umgebaut hatte im Spannungsfeld von Rollenmodell, Leistungsprinzip und Belastungssteuerung – bis zu jenem Detail, Sané in die Reserve zu beordern, um ihn aus derselben zu locken, was nicht nur wegen der Kopfballvorarbeit zu Undavs Treffer auch gelang.
Man konnte es schon auch wie Undav und weite Teile des Publikums sehen, das vor allem aus der Cannstatter Kurve heraus Stimmung für ihren Mann gemacht hatte: Dass er beim VfB in dieser Saison regelmäßig über 90 Minuten spielt und trifft, und dass den Deutschen schon in der ersten Hälfte jemand gut getan hätte, der nicht nur weiß, wo das Tor steht, sondern auch den kürzesten Weg dorthin findet, nicht nur vom Elfmeterpunkt, wie Kai Havertz beim 1:0 kurz vor der Pause.
„Mit jedem Tor, das ich mache, kann sich meine Rolle verändern“
Nur: Die Nationalmannschaft ist nicht der VfB Stuttgart, und die WM nicht die Bundesliga, Nagelsmanns Plan, auf andere Wege und Profile zu setzen, vor allem, wenn Havertz wieder voll bei Kräften ist, zielt auf einen längerfristigen und am Ende wirksameren Effekt in diesem Sommer.

Spätestens an dieser Stelle sollte man aber auch noch die O-Töne und das eine oder andere Bild des Abends einspielen. Deniz Undav, der am einen Mikrofon sagte: „Ich glaube, mit jedem Tor, das ich mache, kann sich meine Rolle verändern.“ (und dieses Selbstbewusstsein mit seinem Schaut-her-ich-bin’s-Jubel auch für jeden sichtbar demonstriert hatte).
Julian Nagelsmann, der an einem anderen Mikrofon sagte, dass er das für „unwahrscheinlich“ halte, und am wieder nächsten noch auf eine Art und Weise kritisch ins Detail ging, die zwar einerseits von den Tatsachen gedeckt war – Undav hatte bis zu seinem Treffer wirklich nicht gut gespielt –, andererseits aber auch ein ungutes Gefühl hinterließ. Weil es so wirkte, als gehe es ihm weniger um Undavs Rolle als um seine eigene. Und damit auch: ums Recht.
Es ist ein Thema, das Nagelsmann nicht erst in seiner Dienstzeit als Bundestrainer begleitet. Weshalb man mit Blick auf die WM nur hoffen kann, dass er in seinem Kampf gegen Fußball als Gefühl nicht selbst das Gespür für den richtigen Moment verliert. Je näher die WM rückt, desto mehr wird es auch auf kurzfristig richtige Entscheidungen ankommen, womöglich auch solche, die in Kontrast zu irgendwann formulierten Rollen stehen. Konkret könnte die deutsche Mannschaft im Fall der Fälle – oder, um es mit Nagelsmann selbst zu sagen: nach 60 oder 70 Minuten und bei 42 Grad – ja nicht nur einen frischen Undav gebrauchen, sondern besser auch einen gestärkten als einen gestutzten.
Und damit noch einmal ins Studio: Im Schlussbild dieses Abends, um kurz vor Mitternacht, erteilte Nagelsmann dem plebiszitären Element im Fußball auch noch aus anderem Anlass eine Absage. Er appellierte ans Publikum, doch bitte auch Leroy Sané wie einen Repräsentanten zu behandeln und auf Pfiffe gegen ihn zu verzichten, so lange er den Adler auf dem Trikot trägt (wobei offen blieb, ob er hier weiter einen langfristigen Effekt erhofft). Als er auf die WM-Stimmung im Land angesprochen wurde, ging Nagelsmann ins Gericht mit dem Medienfußball insgesamt, in dem Experte „einer der erstrebenswertesten Berufe“ sei – aber nicht immer auch ein ehrenwerter, wie man heraushören sollte.
In beidem konnte man ihm durchaus beipflichten. Allerdings drängte sich so nicht nur der Eindruck auf, dass Undav vom Volks- zum Stellvertreter für etwas anderes gemacht werden sollte, sondern auch das ungute Gefühl, wie man es aus mancher Talkshow kennt: Dass sich die Debatte bei dem, was eigentlich auf dem Spiel steht, zusehends Richtung Klein-Klein bewegte.
