Die Energiekrise ist zurück, die Preise für Öl und Gas steigen und damit die Angst vor einer neuerlichen Inflation. Wieder ist es ein Krieg, der den Deutschen ihre Abhängigkeit von fossilen Energien vor Augen führt. Und wie schon im Jahr 2022 bringen Ökonomen und Politiker eine Lösung aufs Tapet, die in Deutschland längst erledigt schien: Fracking. Vor vier Jahren machte sich Finanzminister Christian Lindner für die umstrittene Fördermethode von Erdgas aus Schiefertongesteinen stark, jetzt sind es Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, ihre Berater und der CDU-Wirtschaftsrat, die sich für Fracking in Deutschland aussprechen. Ihre Argumente: Mit dem heimischen Gas ließe sich die Abhängigkeit verringern, außerdem sei das technische Verfahren heute weiter und die Risiken beherrschbar. Doch stimmt das?
Fracking, allein der Begriff ruft starke Emotionen hervor. Umweltverbände und Kirchen sind strikt dagegen, die meisten Bürger lehnen es ab. Sie fürchten, dass das Grund- und Trinkwasser verschmutzt, Erdbeben ausgelöst, Landschaften zerstört und Böden verseucht werden. Viele halten die Technik weder für ausgereift noch für kontrollierbar. Im Jahr 2017 verbot die damalige große Koalition die Erdgasgewinnung aus heimischen, unkonventionellen Lagerstätten. In Deutschland darf seither nicht nach Schiefergas gebohrt werden. Dabei soll es bleiben, fordern die Gegner.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Fachexperten und Fachverbände hielten das Verbot von Anfang an für einen Fehler. Die Angst vor dem Verfahren sei absichtlich gestreut worden, hieß es vor gut zehn Jahren, als die Debatte erstmals aufflammte. Die Ablehnung sei Folge einer großen Desinformationskampagne, die Ängste der Bevölkerung seien größtenteils unbegründet. Kurzum: Fracking sei beherrschbar.
Einer der prominentesten Befürworter ist Hans-Joachim Kümpel. Kurze Zeit nach dem Vorstoß des Wirtschaftsministeriums hat sich der bekannte Geophysiker zu Wort gemeldet. Mit heimischem Fracking könne man ein Viertel des deutschen Gasbedarfs decken, rechnete er vor. Die Schreckensszenarien seien ausgedacht. Kümpel leitete von 2007 bis 2016 das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Deutschlands wichtigste Geologie- und Bergbaubehörde. Während dieser Zeit hatte das BGR eine Studie herausgegeben, die das Potential des technisch förderbaren Schiefergases bezifferte. Das BGR schätzte im Jahr 2016, dass 320 bis 2030 Milliarden Kubikmeter Erdgas, die sich in einer Tiefe von 1000 bis 5000 Metern befinden, theoretisch gefördert werden können.
Das größte Potential findet sich demnach in Niedersachsen. Dort liegt im Untergrund der sogenannte Posidonienschiefer, ein fossilreicher Tonstein des alten Jurameeres, welches das niedersächsische Becken vor 180 Millionen Jahren bedeckte. Auch im Oberrheingraben finden sich kleinere Vorkommen. Das zweitgrößte Potential liegt in den Tongesteinen des Unterkarbons, die vor allem entlang der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern zu finden sind.
Die förderbaren Mengen dürften aber deutlich niedriger liegen. Eine Studie von Acatech und Leopoldina kam vor drei Jahren zu dem Schluss, dass fünf bis zehn Millionen Kubikmeter Gas aus nichtkonventionellen Lagerstätten gefördert werden könnten. Das entspricht sechs bis zwölf Prozent des Erdgasverbrauchs in Deutschland. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass es Jahre dauern würde, bis das Gas gefördert werden könnte – sofern das Fracking-Verbot aufgehoben wird. 400 bis 800 Bohrungen an Dutzenden Plätzen wären hierfür nötig. Alles in allem hält die Studie die Umweltrisiken für gering. Restrisiken seien jedoch nicht auszuschließen.
Was die wenigsten wissen: Fracking gibt es in Deutschland seit den Sechzigerjahren. Mehr als 300 mal ist seither gefrackt worden, Geologen sprechen von Hydraulic Fracturing. „Nie ist es dabei zu Schäden oder Störungen gekommen“, sagt Ingrid Stober, Hydrogeologin an der Universität Freiburg. Dabei werden Gesteinsschichten in der Tiefe unter hohem Druck aufgebrochen, um an das darin eingeschlossene Erdöl oder Erdgas zu gelangen. In konventionellen Lagerstätten ist das normalerweise nicht nötig, denn Sandsteine sind in der Regel porös und durchlässig. Bohrt man sie an, strömt das Gas empor. Gefrackt wird in Sandsteinen nur, um die Fördermenge zu erhöhen. Doch heimische Lagerstätten gibt es kaum, aktuell decken konventionelle Gasfelder vier Prozent des deutschen Verbrauchs. Und die Gasmenge nimmt weiter ab.
Neue Bohrtechnik
Um Gas aus schlecht durchlässigen Gesteinen wie Schieferton, Mergel oder Kohleflözen zu fördern, führt kein Weg an Fracking vorbei. Nur mit dieser Technik ist es überhaupt möglich, unkonventionelle Lagerstätten zu erschließen, indem man künstliche Hohlräume im kompakten Gestein schafft. Außerdem wurde die Bohrtechnik revolutioniert. Statt einfach nach unten zu bohren, sind horizontale Bohrungen heute Standard. Dabei knickt der Bohrer in der gewünschten Tiefe ab und folgt dem Verlauf der Schicht, aus der Erdgas gefördert werden soll. Am Ende strömt das Gas über die künstlich erzeugten Risse zusammen mit Lagerstättenwasser und Frackingflüssigkeit an die Oberfläche.
Aber ist das wirklich sicher? Seit 2019 untersucht eine Expertenkommission den Wissensstand zum Fracking, erstellt jährlich Berichte und berät den Bundestag. Vor fünf Jahren hat die Kommission einen umfassenden Bericht vorgelegt, der die Angemessenheit des Fracking-Verbots überprüft. Drei Risiken standen dabei im Vordergrund: die mögliche Verschmutzung des Grund- und Trinkwassers, Methanlecks und die mögliche Gefahr von menschengemachten Erdbeben. Das Ergebnis: „Die Studien zeigen, dass sich die Umweltrisiken aufgrund von Fracking unkonventioneller Lagerstätten durch eine angepasste Steuerung und Überwachung der Maßnahmen minimieren lassen“, heißt es in dem Bericht.
Dass große Fortschritte in der Überwachungstechnik erzielt wurden, bestätigt auch Ingrid Stober. Millionenfach wurde weltweit bislang gefrackt, das Wissen hat sich ständig gemehrt, Umweltstandards wurden etabliert. „Grundsätzlich werden alle Bohrungen heute minutiös überwacht“, sagt Stober, nichts dürfe austreten, alles müsse dicht sein. Zudem registrierten empfindliche Messinstrumente kleinste Erdbeben und winzigste Bewegungen der Erdoberfläche. Bevor sich große Spannungen aufbauen können, werden Bohrvorgänge abgebrochen oder Entnahmen verringert. Die Gefahr der Kontamination des Grund- und Trinkwassers schätzt die Expertenkommission Fracking als gering ein, Stahlrohre werden in Echtzeit überwacht. Außerdem begleiten dynamische Modelle als digitale Zwillinge die Bohrvorgänge, sodass mögliche Komplikationen schnell erkannt werden.
Alles in allem scheint das Verfahren heute also tatsächlich beherrschbar. Das bedeute aber nicht, so Stober, dass unkonventionelles Fracking unproblematisch sei. Es hängt von der Erfahrung des Bohrunternehmens und vom guten Monitoring sowie von parallelen Modellierungen ab, in enger Absprache mit den Genehmigungsbehörden.
Am Ende hängt die Entscheidung, ob Fracking in Deutschland erlaubt wird, nicht an technischen Verfahren. Entscheidender ist, ob Frackinggas aus Deutschland den Deutschen vermittelbar ist – und ob es sich wirtschaftlich lohnt.
