Zu Beginn der Ausstellung wird man gleich von einem hybriden Wesen begrüßt: Ein unter eine Plastikkuppel gepflanzter Bonsai rollt auf einer Art Staubsaugroboter durch das „Multispezies Café“ und schießt dabei ungefragt Fotos von den Besuchern. Die Bilder, die Andreas Greiners Arbeit „Hybrid Estate“ (2023) aufnimmt, werden auf einem Bildschirm gezeigt. Diese wiederum bilden den Gesprächsstoff von Greiners weiteren Arbeit „Conspiracy Theory“ (2023): Die künstlichen Intelligenzen Grok, DeepSeek und Mistral diskutieren das Fotografierte über Lautsprecher. Zum Beispiel darüber, ob die Besucher sich für die gezeigten Arbeiten überhaupt interessieren. Von der ersten Sekunde an ist der Besucher Teil gleich mehrerer Kunstwerke.
In der Ausstellung „Multispezies Member Club“, die im Museum Giersch unter anderem in Verbindung zur World Design Capital stattfindet, geht es um die Idee einer utopischen Gesellschaft. In dieser sollen Menschen, Tiere, Pflanzen und Pilze als gleichberechtigte Mitglieder vorgestellt werden. Eine entscheidende Rolle soll hierbei Technologie spielen, die die Kommunikation zwischen allen Gesellschaftsmitgliedern ermöglicht. Sie wird jedoch nicht als neutrales Mittel zum Zweck verstanden: Technologie verbrauche nicht nur Ressourcen, sondern verstärke bestehende Machtverhältnisse und habe Grenzen hinsichtlich der Abbildbarkeit komplexer Prozesse in der Natur, vermittelt die Ausstellung. Man merkt: Das Thema ist kompliziert.

Eine spielerische Ausstellung zum Miterleben
Zum Glück bieten die meisten Werke einen konkreten und erfahrbaren Zugang zu ihren Utopien. Wie man sich die Kommunikation zwischen Mensch und Natur mittels Technologie vorstellen kann, bekommt man im ersten Obergeschoss an Greiners neuer Arbeit „Garden Protocol“ demonstriert. Von ihm finden sich auffallend viele Arbeiten in der Ausstellung, da er als Kurator wesentlich an ihrer Gestaltung beteiligt war. „Garden Protocol“ besteht aus einer mit Wasser gefüllten Glaskugel, die mitten im Raum auf einer Holzkonstruktion steht. Von dort gehen zwei Schläuche ab: Der rechte Schlauch führt zu zwei Topfpflanzen und etwas Computertechnik. Sensoren messen dort Feuchtigkeit und Temperatur, die man auf einem Bildschirm ablesen kann. Der linke Schlauch führt zu einem Wasserhahn mit Karaffe und einem Bildschirm, auf dem man die aktuellen Vitalwerte der Museumsdirektorin Ina Neddermeyer sehen kann. Ein Machine-Learning-System errechnet in Echtzeit, wer von beiden wie viel Prozent des in der Glaskugel befindlichen Wassers benötigt. Dass Neddermeyer für dieses Kunstwerk herhalten muss, hat laut Greiner damit zu tun, die museumsinternen Hierarchiestrukturen infrage zu stellen.

Nicht nur die holzvertäfelten Räume des Museums werden bespielt. Im Garten werden die Besucher beispielsweise dazu eingeladen, sich auf eine Bank zu setzen. Bei dieser handelt es sich um die Arbeit „What do birds tweet about?“ (2025) des Kollektivs Baltic Raw Org. Sobald ein Gesäß die Bank auf Sensoren drückt, wird der Gesang der Vögel erfasst und live übersetzt. Das ist allerdings davon abhängig, ob überhaupt gezwitschert wird. Ist es still, teilt die Bank mit: „Vögel derzeit nicht verfügbar. Es wird versucht, eine Verbindung zur Natur herzustellen.“ Selbstverständlich handelt es sich um keine tatsächliche Übersetzung von Vogelstimmen in kurze Essays, aber es geht um deren Möglichkeit.
In Nadine Kolodzieys Arbeit „Quelle“ kann man den Garten zudem mit einem mobilen Endgerät in einer Augmented Reality erkunden. Lädt man sich die entsprechende App auf das Smartphone, erscheinen plötzlich digitale Pflanzen im Garten. Diese kann man antippen, um Energiepunkte zu sammeln.
Punkte sammeln beim Scrollen auf X
Spielerisch geht es auch im zweiten Obergeschoss des Museums zu. Die Künstlerin Allapopp präsentiert hier ein Computerspiel, in dem die Besucher durch eine Science-Fiction-Welt laufen und Rätsel lösen können. Ergänzt wird diese Arbeit durch ein Tarot-Deck mit 78 Karten, dessen Bildmotive aus ebendiesem Computerspiel stammen. Im Nebenraum befindet sich die Arbeit „Truth Gate“ des Kollektivs Tree and Rocket: Zwei umgebaute Arcade-Automaten, auf denen man durch den X-Account von Elon Musk scrollen, Beiträge posten und Punkte sammeln kann.
Die Ausstellung setzt nicht nur in hohem Maß auf Interaktion. Ihrem Thema geschuldet legt sie einen großen Schwerpunkt auf Inklusion. Beinahe jeder Ausstellungstext ist in einfache Sprache übersetzt worden. Auch das Begleitprogramm gibt davon ein Zeugnis: Es gibt eine inklusive Clubnacht mit Installationen für Taube, Workshops für Menschen mit Demenz und Führungen in Gebärdensprache. Bei den zahlreichen Möglichkeiten zur Interaktion, der komplexen Thematik und den ausgesprochen vielseitigen künstlerischen Positionen kann aber durchaus ein Gefühl von Überforderung aufkommen. Die Ausstellung verlangt vom Besucher viel ab. Trotzdem ist es lohnenswert, sich diesen unterhaltsamen Gedankenspielen auszuliefern. Inwiefern die Installationen tatsächliche Kommunikation zwischen Natur und Mensch ermöglichen, bleibt zwar fraglich. Als simulierte Utopie sind sie jedoch eine Erfahrung wert.
„Multi Spezies Member Club“, Museum Giersch der Goethe-Universität, Frankfurt, Schaumainkai 83, bis 6. September.
