Man weiß nicht, wie sehr sich Julian Nagelsmann über das Siegtor gefreut hat. Wie er am TV-Mikro und in der Pressekonferenz darüber sprach, könnte man auf die Idee kommen, er habe das 2:1 mit gemischten Gefühlen erlebt. Einerseits wird er froh gewesen sein, dass er zum siebten Mal hintereinander gewonnen hat.
Andererseits hatte er offensichtlich ein Problem mit dem Torschützen. Ausgerechnet Deniz Undav traf in der 88. Minute gegen Ghana, der neue Liebling der Fans und Medien. Der Stürmer, “der sieben Tage Dauerthema war”, wie Nagelsmann klagte. Entgegen dem Wunsch des Volks ließ der Bundestrainer ihn in zwei Spielen drei Halbzeiten lang draußen.
Und dann setzte Undav den Schlusspunkt der “Märzmaßnahme”, wie Nagelsmann die beiden letzten Testspiele vor der WM-Nominierung nennt. Der Publikumsliebling nutzte dies sogleich, um Stimmung für sich zu machen. “Wenn man reinkommt und das Ding entscheidet”, sagte er nach dem Abpfiff, “will man beim nächsten Mal von Anfang an auf dem Platz stehen.”
Ein eigentlich unbedeutendes Testspiel an einem eiskalten, verregneten Montagabend endete mit einem Wortduell zwischen Trainer und Stürmer, das den DFB in den nächsten Wochen und Monaten noch beschäftigen dürfte. Denn Nagelsmann konterte das selbstbewusste Auftreten Undavs auf eine Weise, wie man sie selten erlebt – erst recht nicht bei einer Siegermannschaft.
Undavs Trikot riss beinahe vor lauter Selbstbewusstsein
Während des Spiels riefen die Stuttgarter Fans nach ihrem Undav schon in der ersten Halbzeit, als die deutschen Stürmer das Tor nicht trafen. Der Volkstribun stand von der Bank auf und winkte ihnen zu, was bereits einer provokanten Geste ähnelte. Nach dem Tor, es war sein viertes für Deutschland, zeigte er vor der Cannstätter Kurve auf seinen Namenszug auf dem Trikot.
Nach dem Spiel riss sein Trikot auf Höhe des Brustkorbs beinahe, so viel Selbstbewusstsein strahlte er aus. “Julian weiß, was er an mir hat. 17 Saisontore und jetzt der Siegtreffer – viel mehr Argumente kann ich nicht liefern”, sagte Undav. “Ich will bei der WM nicht nur Tourist sein, ich will spielen.” Jeder habe gesehen, “dass ich nicht für die Bank gemacht bin”. Er sei bereit für mehr als die letzten zehn Minuten. Was erstaunlich war, weil er immerhin 45 Minuten ran durfte.
Damit konfrontiert, setzte Nagelsmann auf dem Rasen von Stuttgart zu einer Abrechnung an. “Er hatte wenig mit dem Spiel zu tun, hatte vorher keine Aktion. Ich fand seine Leistung nicht gut.” Nagelsmann spielte zudem auf die Gerüchte um die fehlende Fitness von Undav an, die seit langem kursieren. “Wenn er vorher siebzig Minuten marschiert, weiß ich nicht, ob er ihn reinmacht.” Er sprach von “42 Grad im Sommer”, die in den USA herrschten. Die seien “für ihn”, also Undav, “anstrengend”.
Auf der Pressekonferenz im Anschluss wurde Nagelsmanns Ton noch kälter und schärfer. Undav, sagte er, habe sich mit den Aussagen selbst unter Druck gesetzt. “Sobald er anfängt, weniger Tore zu schießen …”, Pause, Lächeln … als würde er wissen, dass das bald der Fall sein wird. Oder, noch krasser, als könnte er seine Freude darüber jetzt schon nicht verbergen. “Wenn er damit klarkommt”, setzte Nagelsmann eine zynische Pointe, “kann er das gerne machen”. Töne wie bei einer frostigen Scheidungsverhandlung.
