An Spider-Man erinnernd, hängt Jonathan Papadopoulos in zwei Meter Höhe in der Luft: zwei Griffe über dem Kopf, mehr als schulterbreit auseinander, dazu die Füße an einem weiteren Griff auf Kopfhöhe. In dieser Position geht es für die Athleten allerdings erst los – die Startposition ist eingenommen. Was für die meisten schon eine große Herausforderung ist, ist für die Teilnehmer der Deutschen Meisterschaft im Bouldern ein Leichtes. Im Studio Bloc in Pfungstadt traten am Wochenende die besten Boulderer des Landes gegeneinander an.
Im Halbfinale kämpfen 24 Kletterer um acht Plätze im Finale. Jeder Athlet hat im Halbfinale vier Boulder zu klettern und dafür jeweils fünf Minuten Zeit. Ganz oben prangt ein Griff mit einer bunten Markierung „Top“. Wer diesen Griff mit beiden Händen für ein paar Sekunden halten kann, erhält dafür bis zu 25 Punkte. Auf dem Weg zum „Top“ gibt die sogenannte „Zone“, ein Griff ungefähr auf der Hälfte der Route, bis zu zehn Punkte. Bei vier Bouldern sind so bis zu 100 Punkte möglich, denn ein Top überschreibt die Punkte der Zone.
„Die Schrauber sind absolute Künstler“
Wie viele Punkte die Athleten erzielen, hängt auch von der Schwierigkeit der Boulder ab. Ein Team von Schraubern konzipiert die Boulder und schraubt sie kurz vor dem Wettkampf an die Wand, wenn die Athleten sich bereits in einer Isolationszone befinden und die Wand nicht sehen können. Denn erst innerhalb ihrer fünf Minuten dürfen die Athleten die Wand das erste Mal inspizieren. „Die Schrauber sind absolute Künstler“, sagt Reinold Redenyi, der Kommentator des Wettkampfs. Sie müssten richtig gute Kletterer sein und gleichzeitig total kreativ.

Dass es auch zu viel Kreativität geben kann, zeigt sich am Samstag in den Halbfinals. Schon das Semifinale der Frauen ist eine große Herausforderung. Nur Lucia Dörffel, die Titelverteidigerin, die Deutschland 2024 bereits bei den Olympischen Spielen vertrat, erreicht in diesem Wettkampf zwei Tops.
Im Halbfinale der Männer sind die Boulder dann fast nicht zu erklimmen. An Boulder drei, startend in der Spider-Man-Pose, ist Papadopoulos schließlich der Erste, der die Zone erreicht, an der vorher sechs Athleten gescheitert waren. Der Kelkheimer meistert auch eine weitere Zone und qualifiziert sich damit als Achter für das Finale.
Für ihn geht damit ein Traum in Erfüllung. „Das war mein größtes Ziel, dass ich überhaupt ins Finale komme“, sagt er. Auch weil ein Finaleinzug seine Chancen erhöht, in Zukunft international für Deutschland starten zu dürfen.
Die Schwierigkeit des Halbfinals habe Papadopoulos aus der Erfahrung der letzten Jahre aber überrascht. „Ich habe auch nicht erwartet, dass es reicht“, sagt er nach dem Wettkampf. „Ich habe einfach gedacht, dass ich nicht besonders gut performt habe.“
Eine 16-Jährige kämpft um die Meisterschaft
Doch dem ist nicht so. Ein Kletterer nach dem anderen hat Probleme, überhaupt Punkte zu erzielen. Titelverteidiger Elias Arriagada Krüger muss sich geschlagen geben und scheidet als Zehnter aus. Die schweren Boulder sind „auch ein Learning für die Routenschrauber und Routenschrauberinnen“, erklärt Veranstalter Lars Boscheck. „Die werden jetzt das Finale dementsprechend anpassen.“
Und tatsächlich – im Finale zeichnet sich ein anderes Bild ab. Paula Mayer-Vorfelder, die mit 16 Jahren bereits zum zweiten Mal an der Deutschen Meisterschaft teilnimmt, und Titelverteidigerin Dörffel liefern sich im Finale der Frauen ein knappes Rennen. Beide erklimmen die ersten drei Boulder mit Leichtigkeit und brauchen nur einmal überhaupt einen zweiten Versuch.
Punktgleich geht es an den finalen Boulder. Und der hat es in sich. „Allez, Paula“, schallt es immer wieder durch die Halle. Unter der Anfeuerung aus dem Publikum erklimmt Mayer-Vorfelder einen Griff nach dem anderen. Auch den letzten Griff vor dem Top bekommt sie zu fassen, kann sich jedoch nicht halten.
So ist alles angerichtet für die Titelverteidigerin. Auch Dörffel wird lautstark aus dem Publikum angefeuert. Doch es dauert gar nicht lange, da hängt sie schon in der Luft, ein breites Grinsen im Gesicht und beide Hände am Top – gleich im ersten Versuch hat sie den Wettkampf für sich entschieden. Eine unglaubliche Leistung: 99,9 von 100 möglichen Punkten.
Auch im Finale der Männer überstrahlt einer alles. Den Blick nach vorne gerichtet, schreitet Thorben Perry Bloem mit ruhigen, großen Schritten zu seinem letzten Boulder. Schon im zweiten Versuch schafft er es an den Zonen-Griff, der für ihn die Deutsche Meisterschaft bedeutet. Während das Publikum bereits applaudiert und den neuen Sieger feiern will, hat er aber noch nicht genug. Schließlich war sein Ziel, jedes Top zu erreichen. Und tatsächlich, zwei Versuche später holt er das Top – sein viertes in diesem Finale.
Auch Jonathan Papadopoulos klettert ein starkes Finale und punktet an allen vier Bouldern. Am Ende wird er Sechster, nur 0,7 Punkte hinter dem Treppchen. Seinem Ziel, an einem internationalen Wettkampf teilzunehmen, kommt er so näher.
