
Es ist noch kühl, als Abhi erwacht. Im Winter zieht der Gestank von den Gleisen weniger herüber als im Sommer, wenn die Hitze ihn nicht schlafen lässt. Im Winter läuft auch nicht die Hütte voll, bis ihnen der Monsun eine Pause gönnt. Es ist erstaunlich, wie viel Wasser sich auf sieben Quadratmetern sammeln kann. Doch jetzt ist es trocken. Es ist kurz vor halb Fünf. Durch Dharavi zieht der Duft von gebackenem Brot.
Er hört das Atmen des Vaters und der Mutter neben sich. Über Dharavi heißt es, dass Familien hier nebeneinander auf der Seite schlafen, weil in den Hütten nicht genügend Platz sei, um auf dem Rücken zu liegen. Seine vier Schwestern sind zum Glück schon verheiratet. Nur an der Wand beanspruchen ihre mit Blumen geschmückten Fotos noch Platz, direkt unter dem Bild von Lakshmi, der Göttin des Glücks. Früher waren sie zu acht. Jetzt ist selbst der Bruder aus dem Haus.
Er schaltet sein Telefon ein und lädt Instagram. Er ist der Jüngste und fragt sich, wann er einmal heiraten wird. Eine Frau gibt es ja schon, die neben seiner kräftigen Statur zerbrechlich wirkt, aber ihn gut im Griff hat. Doch die Mutter mag die Freundin nicht, obwohl sie gleich den Gang hinunter wohnt und er mit ihr seit zehn Jahren jede Minute verbringt. Zeitverschwendung, nennt das die Mutter. Abhi ist ein Dalit, ein Unberührbarer, die Freundin ist aus der Kaste der Kaufleute. Von außen betrachtet sind sie alle arm in Dharavi, doch die Eltern der Freundin würden einer Heirat nie zustimmen, sagt die Mutter, sie hätten Angst vor dem Getuschel der Nachbarn. Es weiß ja noch niemand, dass es die Nachbarschaft nicht mehr lange geben wird. Der größte Slum der Welt soll verschwinden. „Das größte Herz Bombays“, wie MC Altaf singt, ein Rapper und Freund Abhis, der sich den Traum aller Bewohner Dharavis erfüllt und Dharavi verlassen hat.
