Die Blau ist eigentlich ein sanftes Bächlein, das zwischen Fachwerkhäusern und Brücken durch das Ulmer Fischerviertel plätschert und ein paar Stockenten mit sich trägt – aber für die Geschichte der Stadt war sie von größerer Bedeutung, als man denkt, denn auch der Zufluss von kleinen Gewässern wie der Iller und der Blau trägt dazu bei, dass die Donau so viel Wasser hat, dass sie ab hier gut schiffbar ist.
Die Menschen in Ulm wussten diese besondere Qualität der Donau früh zu nutzen: Handelswege bis nach Wien und weiter taten sich auf, Stoffe, Häute, Pelze, Eisenwaren – also fast alles, was man flussabwärts brauchen konnte – wurden in Ulm verpackt und verschifft in Richtung Schwarzes Meer.

Die Wasserwege und der Handel brachten Ulm einen enormen Wohlstand, dessen sichtbarstes Zeichen das Ulmer Münster ist, das sich bis vor Kurzem noch damit schmücken konnte, den höchsten Kirchturm der Welt zu besitzen – bis Ende vergangenen Jahres Gaudìs jetzt fertiggestellte Sagrada Familia ihm diesen Rang ablief. Das Selbstbewusstsein der Ulmer ist aber nach wie vor so groß wie ihr Münster, dessen Grundstein 1377 gelegt wurde: Fleißig und umtriebig sind sie bis heute, das kann man an der Zahl der Baustellen ablesen, die das ansonsten makellos polierte Stadtbild stören.
Der Turmrekord wandert nach Spanien
Und auch wenn sie den Turmrekord nach Spanien abtreten mussten, gibt es genug, worauf die Ulmer stolz sein können – etwa darauf, Wiegenstätte des wichtigsten Physikers des Universums zu sein; daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Albert Einstein als Kleinkind schon nach München zog. Zu der Zeit stand in der Ulmer Schwörhausgasse schon seit sehr langer Zeit ein schiefes Haus, und es stand so spektakulär schief, dass alle es nur das „Schiefe Haus“ nannten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wenn man es sieht, wundert man sich, dass es nicht in den Bach stürzt, es lehnt da wie ein statisches Wunder, das sich über die Gesetze der Schwerkraft lustig macht, wie ein Betrunkener, der nach Hause torkelt, nur dass ein Haus ja nicht gut nach Hause torkeln kann, weil es selbst eins ist. Und so steht es seit Jahrhunderten tapfer und sehr schief da und ist heute das eingetragen schrägste Hotel der Welt, was so spektakulär ist wie sein Alter: Seit mehr als 600 Jahren steht es an der Blau. Und fällt nicht hinein.
Das Viertel war früher keineswegs nobel und so nachgefragt wie heute, im Gegenteil: Hier lebten Fischer und Schiffer, später Gerber, die das Wasser der Blau brauchten, um Häute zu spülen und den beißenden Geruch ihrer Arbeit loszuwerden. Auch die vollkommen verarmte Witwe von Albrecht Ludwig Berblinger, besser bekannt als Schneider von Ulm, dessen Leidenschaft den Fluggeräten galt und mit denen er tragisch in der Donau baden ging, hat hier gelebt.
Die Wände haben einen eigenen Plan
Das Gebäude lehnt sich etwa zehn Grad zur Flussseite, und wüsste man nicht, dass es um die Jahrtausendwende aufwendig saniert worden ist, hätte man wirklich Bedenken, es zu betreten. Mit einem leisen Zweifel im Gleichgewichtssinn und eingezogenen Kopf betritt man es, die Böden neigen sich, die Wände folgen ihrem eigenen Plan. Im Inneren spinnt das Haus seine Geschichte weiter. Im Flur des ersten Stocks ist eine mittelalterliche Außenwand zu sehen, die Materialien erzählen von vielen Jahrhunderten: Fichtenbohlen, Eichennägel, darüber Stroh und Lehm.
Die Schieflage des Gebäudes liegt an den Fundamenten: Auf der Nordseite stehen sie auf Fels, auf der Flussseite kommt fester Untergrund erst in acht Metern Tiefe; dazu kommt, dass auf der Südseite das Obergeschoss um zwei Meter auskragt, das ganze Gewicht sammelt sich also in einer Wand. In den Zimmern zu dieser Seite ist die Neigung besonders eindrucksvoll – Rollkoffer sausen hier davon, als wollten sie baden gehen, nur das Bett ist waagerecht. Wer es nicht glaubt, kann es an der an den Kopfende eingearbeiteten Wasserwaagen ablesen.
Maultaschen, saure Kutteln und Nonnenfürzle
Elf Zimmer hat das schiefe Haus, beim Blick aus dem Fenster geht das Mittelalter weiter. Auch die anderen Häuser stehen dicht beieinander, als müssten sie sich gegenseitig stützen: Fachwerk, krumm, schief, verwinkelt, dazwischen kleine Brücken, Wasserläufe und Gassen, die sich nicht entscheiden können, ob sie noch Straße oder schon begehbare Erinnerung sind. Das Einzige, was die Reise in die Vergangenheit stören könnte, ist die Möblierung im Schiefen Haus. Sie wirkt ein bisschen so, wie man sich ein schwäbisches Einrichtungshaus der Neunzigerjahre vorstellt. Aber die Herzlichkeit der Angestellten ist über jede Stilfrage erhaben, und ihre akkurate Expertise würde man sich an den Concierge-Desks Dubais wünschen, wo aktuell die höchsten Hotels in den Himmel wachsen.

In Ulm herrscht im Wortsinne noch zünftige Ordnung; etwas Ordentliches zu essen gibt es höchstens bis 21 Uhr, und das darf gerne deftig sein. Gleich um die Ecke liegt das ebenfalls sehr betagte „Zunfthaus der Schiffleute“, ein verschachteltes Gasthaus wie aus einer anderen Zeit, das jeden Abend voll ist. Hier gibt es Maultaschen, saure Kutteln und Nonnenfürzle – Gerichte, für deren Namen es lustige Erklärungen gibt. Schon im 14. Jahrhundert stritten Zünfte und Patrizier um Einfluss in der Donaustadt. Wer arbeitet, will mitreden – eine einfache Wahrheit, die in Ulm früh verhandelt wurde.
Am Schwörmontag, der immer auf den vorletzter Montag im Juli fällt, lebt sie bis heute fort: Der Oberbürgermeister gelobt vom Balkon des Schwörhauses, gerecht zu sein zu Reichen und Armen. Danach folgt das Nabada, eine Art Karnevalsumzug auf der Donau, wobei „Na-bada“ schwäbisch für „hinunter-baden“ steht. Jeder, der ein Schlauchboot oder ein Floß besitzt, wirft es aus diesem Anlass auf die Donau, die Ufer und Brücken sind gesäumt von Schaulustigen – und ein Zimmer sollte man sich für diese Sommerwoche unbedingt sehr lange im Voraus reserviert haben.
