
Stuttgart und die Fußball-Nationalmannschaft, das ist unter Julian Nagelsmann eine spezielle Beziehung. Und das längst nicht nur deshalb, weil seine Dienstzeit als Bundestrainer hier ihre bisherige Zuspitzung fand: mit dem verlorenen Viertelfinale der Heim-EM gegen Spanien. Auch wenn in jenem Spiel kein Stuttgarter in der Startelf stand, konnte man sagen, dass der schwäbische Einfluss geholfen hatte, ihn und sein Team überhaupt dorthin zu bringen: immerhin vier Profis des formstarken VfB standen seinerzeit im Kader. In diesem Jahr ist sogar ein Zuwachs möglich, allerdings kaum mit einer anderen Rollenverteilung, weshalb der „Kicker“ vor ein paar Wochen den Verein für Bewegungsspiele schon in Verein für Bankspezialisten umdefinierte.
Dass von den fünf Stuttgartern im Kader für das Testspiel gegen Ghana am Montag – genauso viele wie vom FC Bayern – ausgerechnet Alexander Nübel für die Pressekonferenz am Vortag angekündigt wurde, war dann allemal eine Überraschung. Als beide am Sonntagnachmittag auf dem Pressepodium des Stuttgarter Stadions saßen, bestätigte der Bundestrainer die damit qua Gepflogenheit verbundene Erwartung: Nübel wird zu seinem dritten Länderspiel kommen, wobei Nagelsmann schnell hinzufügte, dass es sich nicht um ein „Casting“ handele, sondern um eine „Belohnung für die sehr guten Leistungen über einen ganz langen Zeitraum“. Nebenbei sprach der Bundestrainer auch das aus, was schon nicht mehr ausgesprochen werden musste: Dass Oliver Baumann als Nummer eins in die Weltmeisterschaft gehen wird.
Undav darf auf Einsatz hoffen, aber kaum von Beginn an
Um Rollen ging es auch sonst in allen Variationen, schließlich ist es der letzte Test, bevor Nagelsmann am 12. Mai seinen WM-Kader nominiert. Und während er betonte, dass intern alle wüssten, woran sie seien, ist noch manches unklar, was die konkrete Besetzung auf dem Platz angeht. Kurzfristig, für das Spiel gegen die Ghanaer, die zuletzt 1:5 in Österreich verloren, kündigte Nagelsmann an, stärker zu rotieren, um die Belastung zu steuern, im Sinne der Spieler und ihrer Vereine. Allerdings soll das nicht im Widerspruch zu den längerfristig definierten Profilen passieren, weshalb die Startelf der vom Freitag in Basel stark ähneln dürfte. So darf (der frühere Stuttgarter) Antonio Rüdiger zwar auf einen Einsatz hoffen darf, aber nicht von Beginn an. Damit rechnen kann auch (der aktuelle Stuttgarter) Deniz Undav, aber ebenfalls kaum von Beginn an.
Undav ist eine der Personalien, die in den vergangenen Tagen intensiver diskutiert worden sind und die den Bundestrainer durchaus reizbar erscheinen ließen. Dass er gegen die Schweiz Nick Woltemade für Kai Havertz einwechselte und nicht Undav, mochte zwar zu Nagelsmanns Rollenbild passen, für die Formkurven galt das aber nicht. Noch leidenschaftlicher wurde öffentlich über jenen Mann gestritten, dem Nagelsmann vor zwei Jahren gegen Spanien eine überraschende Rolle zudachte: Leroy Sané.
Wieso Nagelsmann Sané braucht
Hier scheint auch aktuell etwas in Nagelsmann zu arbeiten, ein innerer Widerstreit zwischen Rolle und Realität. Der Bundestrainer sagte, dass er den Profi von Galatasaray Istanbul als Eins-gegen-eins-Spieler brauche, noch dazu „fußverkehrt“, also als Linksfuß auf der rechten Seite. Zugleich machte er deutlich, dass Sané regelmäßig seine „Benchmark“ des 6:0 gegen die Slowakei erreichen müsse. Er werde keinen Spieler nach einem schlechten Spiel „abmontieren“, so Nagelsmann mit Blick auf die bohrenden Fragen nach dem 4:3 in der Schweiz, aber eine gewisse Unzufriedenheit ließ er schon durchblicken. Lennart Karl, der selbstbewusste Jung-Bayer, wird das registriert haben.
Eine sehr spezielle Sache aus dem Spanien-Spiel 2024 indes kam am Sonntag nicht zur Sprache. Dass der Schiedsrichter gegen Ghana jener Stuart Attwell aus England ist, der seinerzeit als VAR im Einsatz war, wird man im Stadion allerdings ganz sicher hören.
