Trotz des sehr frischen Windes und einiger Graupel, die vom Himmel fallen, gackern die Hühner von Lucas Keller lebhaft und scharren in der Erde des Freigeheges. Braune und weiße Tiere hat er in seiner Herde auf dem Seehof bei Rodgau. Der Stall ist mobil und wird immer mal wieder versetzt. In seinem Automaten-Hofladen stapeln sich die Zehnerkartons und Stiegen mit 25 Eiern in Braun und Weiß. Jedes Ei ordentlich gestempelt mit der 1 für die Haltungsform Freiland, DE für Deutschland und 06 für Hessen sowie der Hofnummer. Auf die Frage, ob seine Eier denn durch und durch regional sind, also auch die Hennen aus hessischer Zucht, muss er erst nachschauen.
„Doch“, sagt er nach einem Blick auf die Internetseite des Züchters. Der sitzt in Kirchhain bei Marburg. Damit ist immerhin klar, dass die Hennen schon als Küken in Hessen waren und hier aufgezogen worden sind. Allerdings bleibt offen, ob sie auch hier aus einem hessischen Ei geschlüpft sind.
Wo die Henne geschlüpft ist, bleibt unklar
Den gesamten Lebenszyklus der Legehennen nachzuvollziehen, ist schwierig, und nicht einmal ein Siegel wie „Geprüfte Qualität Hessen“ ist dafür eine Garantie. Für dieses müssen die Legehennen, nach Angaben einer Sprecherin der Agentur Gutes aus Hessen, spätestens 14 Tage vor Legebeginn im Bundesland leben – ihre Vorgeschichte spielt keine Rolle. Für das Siegel „Bio aus Hessen“ müssten die Hennen mindestens aus einer deutschen Brüterei stammen. Beide Siegel stellten aber sicher, dass die Eier in Hessen gelegt, sortiert und verpackt worden seien.
Qualitätsprogramme wie das AMA‑Gütesiegel „Ei“ in Österreich, die garantieren, dass die Hennen im gleichen Land geschlüpft, aufgezogen und gehalten wurden, gibt es in Deutschland nicht.
Und selbst in Österreich bezieht sich die Garantie meist auf das ganze Land, nicht zwingend auf dieselbe enge Region wie der Legebetrieb.
Eine vollständig regionale Herkunft der Küken könne schon deshalb nicht garantiert werden, weil es in Deutschland und insbesondere in Hessen zu wenig Brütereien gebe, um den Bedarf des deutschen Eiermarkts zu decken, heißt es von der Agentur Gutes aus Hessen. Und auch die Initiative Heimische Landwirtschaft macht auf dieses Defizit aufmerksam. Denn der Eierkonsum nehme kontinuierlich zu. Die Zeit, in der das tägliche Ei verpönt gewesen sei, sei längst vorbei, es gebe einen regelrechten Eier-Boom.

Im Jahr 2024 habe jeder Deutsche durchschnittlich 249 Eier gegessen – das sind ganze zehn Eier mehr als im Jahr zuvor. Die heimische Produktion aber hat sich offenbar nicht ausreichend erhöht, dabei würden täglich rund 41,5 Millionen Eier in Deutschland gelegt. Der größte Teil in Niedersachsen, dort lebe fast die Hälfte aller Legehennen in Deutschland. Doch trotz dieser Menge stammen nach Angaben der Initiative nur etwa 72 Prozent der Eier aus deutscher Produktion. Das bedeute: Fast jedes vierte Ei werde importiert, häufig aus den Niederlanden. Was an den Buchstaben NL im Eierstempel zu erkennen ist.
Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland
Hinter den Zahlen verbirgt sich nach Angaben der Initiative Heimische Landwirtschaft ein Strukturwandel: Die Anzahl der Brütereien für Hühnerküken sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. 2024 gab es nur noch 26 Betriebe in Deutschland – ein Rückgang von mehr als 40 Prozent seit 2016. Gleichzeitig sei die Abhängigkeit vom Ausland gestiegen, weil immer mehr sogenannte Bruteier, aus denen später Legehennen schlüpften, importiert werden müssten – ein Plus von rund 80 Prozent innerhalb weniger Jahre.
Wer Wert auf Regionalität legt, hat es also nicht ganz leicht. Die Initiative empfiehlt daher, beim Einkauf genau hinzuschauen. Die gestempelten Herkunftskennzeichnungen auf den Eiern gäben immerhin eine Orientierung und könnten dabei helfen, sich bewusst zu entscheiden.
Schwieriger ist es, wenn man – ob zu Ostern oder fürs Picknick – schon fertig gefärbte Eier kaufen will. Denn in diesem Fall ist nach Angaben der Verbraucherzentrale Deutschland nicht immer klar, woher die Eier kommen. Während rohe Eier in der Europäischen Union eine Kennzeichnung mit Hinweisen zu Herkunft, Haltung und Frische haben müssten, sei das für gekochte Eier weniger streng. Hier sei nur das Mindesthaltbarkeitsdatum vorgeschrieben. Sei nicht einmal das zu finden, solle man die Eier besser nicht kaufen.
Wer beim Ostereierkauf auf artgerechte Tierhaltung Wert legt, muss nach Angaben der Verbraucherschützer eher selbst färben. Denn über die Haltung, die Fütterung oder die Frage, was bei der Legehennenzucht mit den männlichen Küken passiert, sei bei gekochten Eiern kaum etwas herauszufinden.
Die Initiative Heimische Landwirtschaft empfiehlt im Sinne ihrer Mitglieder, die Eier nicht nur für das Osterfrühstück direkt von einem Hof in der Nähe zu kaufen und beim Betrieb gezielt nachzufragen, ob die Junghennen auch aus der gleichen Region stammen. Viele Hofläden oder Stände auf Wochenmärkten bieten dazu die Möglichkeit. Auf dem Seehof der Familie Keller kann man jedenfalls sehen, wie die Hühner gehalten werden, und im Automaten-Shop rund um die Uhr Eier kaufen, die zumindest bis zur Aufzucht der Hennen echt regional sind.
