Mit einem Quietschen schwingt sich der Kletterer auf die Leiter am untersten Arm des mehr als 50 Meter hohen Strommastes. Sie gibt seinem Gewicht nach, schaukelt ein wenig, der Mann in Orange greift schon nach der nächsten Sprosse auf dem Weg nach unten, Richtung Boden. Schaut er dort hin, sieht er ein paar Meter weiter das Ende der Leiter, wie es in der Luft baumelt, und dann den staubigen Boden, 30 Meter weiter unten.
„Das ist fast so, als würde man einen Überhang runterklettern“, sagt Christopher Grimm. „Etwas ungewöhnlich“ sei es am Anfang. Die Worte, die Grimm und seine Kollegen für ihre Arbeit in der Höhe finden, sind nicht besonders aufwühlend, eher spielen sie die Spannung und auch die Gefahr herunter. Das mag damit zusammenhängen, dass Ruhe und Sicherheit wesentlich für diese Arbeit sind. Oder eben, dass sie die eigene Leistung nicht so gern an die große Glocke hängen.
Die Arbeit der Kletterer wie auch der anderen Monteure und der Helikopterpiloten ist aber zentral für die Energiewende. Im ganzen Land werden die Stromleitungen ausgebaut, um nicht nur künftig den durch Sonne und Wind erzeugten Strom leiten zu können, sondern auch auf dem Weg dorthin zu jeder Zeit die Versorgung sicherzustellen. Wie die Kosten dafür zu schultern sind, darüber wird immer wieder debattiert, der Umbau aber findet bereits statt. Die Schutznetze, die für den Stromtrassenbau über Autobahnen gehängt werden, hat mittlerweile wohl jeder schon mal gesehen. Von der Arbeit im Freileitungsbau sehen die meisten aber nur Zwischenstände oder eben das Endergebnis.
Kletterer aus den Bergen
Die dort Tätigen sind Spezialisten, die für ihre Arbeit hoch im Mast durchs ganze Land und darüber hinaus anreisen. In Weinheim, an der Grenze von Hessen und Baden-Württemberg, baut die Firma Omexom für den Netzbetreiber Amprion eine neue Trasse. Auf 66 Kilometer Länge wird eine der ältesten Leitungen des Betreibers erneuert, sie stand dort ein Jahrhundert lang. 220.000 Volt betrug die Spannung bisher, künftig sollen es 380.000 werden. Die Kletterer und die Helikoptermannschaft kommen allesamt aus Österreich, aus Vorarlberg und Osttirol. Manche von ihnen reisen seit Monaten unter der Woche an die Bergstraße, andere sind nur für ein paar Tage dort.

Die Arbeit in der Höhe macht ihnen nichts aus, andernfalls könnten sie nicht dort arbeiten. Natürlich sind sie aber an der Leiter wie im Mast stets gesichert. Wenn sie dort baumeln, ist es nur noch eine Armlänge bis zu den beinahe mannshohen, silbernen Rollenblöcken, die schon an den Isolatoren hängen, die später einmal die Stromleitungen halten sollen. Auf der Leiter gilt es, der Sicherung zu vertrauen, zur Arbeit werden beide Hände gebraucht. Platz für fünf Seile bieten die Rollen. Einen für das erste Seil, Vorseil genannt. Und vier weitere für die Stahlseile, die mithilfe des Vorseils anschließend eingezogen werden. Erst in einem späteren, dritten Schritt kommen schließlich die Stromleitungen aus Aluminium mit einem Stahlseil auf die Masten. Mit den großen Rollen kann es aber Probleme geben, erklärt Grimm. Zwischen Aufhängung und Rolle sei so viel Platz, dass sich das Vorseil verkeilen kann. Bevor ein Helikopter das erste Seil von Mast zu Mast fliegt, setzt daher der Kletterer eine kleinere, die sogenannte Fliegerrolle, ein. Sie ist so dimensioniert, dass das Nylonseil gar nicht erst herausspringen kann, egal in welche Richtung der Helikopter es zieht.
Den Helikopter an die Leine nehmen
Für den Seilflug wird am Hubschrauber zunächst ein 30 Meter langes Seil mit einem Gewicht gehängt, 400 Kilo schwer. Daran wird das knapp zwei Kilometer lange Vorseil befestigt. Ginge das Seil direkt zum Helikopter, könne es zu nah an den Heckrotor kommen, das sei zu gefährlich, erläutert der Pilot Gisbert Strolz. So zieht der Hubschrauber das Seil entlang der Trasse, webt sein Netz, wie eine Spinne.

Nähert sich der Helikopter mit Seil einem Mast, können Strolz’ Kollegen am Abflugpunkt die Seilwinde abbremsen. Andernfalls würde zu viel abgerollt, das Seil hinge durch, und die Übergabe werde schwieriger. „Wie einen Hund an der Leine“ könnten sie seinen Hubschrauber zurückhalten, scherzt Strolz.
Ist der Helikopter angeleint, kommt der heikelste Arbeitsschritt. Über den 1,7 Kilometer langen Trassenabschnitt fliegt der Pilot das Vorseil von Mast zu Mast. Auf eine Armlänge genau muss Strolz das Seil heranfliegen. „Schon eine präzise Arbeit“, sagt Strolz. „Das machen nur die Besten“, der Kletterer Grimm.
Die Kunst, an einer Stelle zu bleiben
Der Hubschrauber nähert sich dem Mast. Rollen, Leitern und Kletterer wackeln im Luftstrom, es klimpert, vom Boden wehen Staubwolken auf. Zurufen kann man sich nichts mehr, der Lärm des Triebwerks übertönt alles. Die Monteure im Mast sind auch gar nicht erst mit dem Piloten direkt verbunden. Die Anweisungen geben sie per Handzeichen.

Zunächst zieht Strolz mit dem Hubschauer das Seil seitlich am Mast vorbei. Die Kunst besteht darin, den Hubschrauber so ruhig zu fliegen, wie es geht. Allerdings fliegt der nur im Geradeausflug einigermaßen stabil, „sonst will er immer weg“. Um an einer Stelle zu bleiben, muss er zu jeder Zeit steuern, dafür gibt es keinen Autopilot. Mit der Erfahrung spüre man schon, wo der Helikopter hinmöchte, könne das intuitiv antizipieren und gegensteuern. „Am Anfang aber ist er sehr, sehr quirlig.“
Der Helikopter fliegt knapp oberhalb des Masts, 400-Kilo-Gewicht und Vorseil hängen 30 Meter weiter unten, etwas unterhalb der Kletterer und ihrer Masttraverse. Durch ein Bodenfenster sieht Strolz die Kletterer, einer gibt ihm Zeichen: hoch, runter, zu mir, weg von mir. Der andere hängt an der Rolle und wartet darauf, dass ihm Strolz das Seil in die Hand fliegt. Zentimeter um Zentimeter nähert er sich, einen Fehler darf der Pilot jetzt nicht machen. Kaum bekommt der Mann im Mast die Schur zu fassen, klinkt er sie in die Fliegerrolle ein und gibt das erlösende Zeichen. Wie ein Einwinker auf dem Flughafenvorfeld winkt sein Kollege dem Piloten: weiter zum nächsten Mast.
Netzausbau soll Fahrt aufnehmen
An vier weiteren gilt es an dem Tag noch, das Seil einzufädeln, und das auf diesem Trassenabschnitt dreizehnmal. Erst danach darf der Helikopter zur nächsten Baustelle weiterfliegen. Bis die im Volksmund Stromkabel genannten Leiterseile dann oben hängen, dauert es aber noch drei Wochen. Mithilfe der ersten, besonders leichten Vorseile werden schwerere Stahlseile eingezogen, und erst die machen schlussendlich Platz für die Stromleitungen. Die Kletterer in den Masten braucht es dafür weiterhin, sie bauen die Rollenblöcke ab und montieren die Leitungen an den Isolatoren. Auch gilt es noch zu prüfen, ob die Last der Seile gleichmäßig auf die Masten verteilt ist, dass sie zwischen zwei Masten genau die richtige Länge haben und nicht einzelne zu viel Last schultern müssen.
An Trassen wie der in Weinheim steht zu guter Letzt noch eine besonders heikle Arbeit an: Die obersten Züge, die Erdseile, müssen wegen des nahen Flugplatzes mit Warnkugeln versehen werden. Dafür wird an den Helikopter ein Korb gehängt, ähnlich dem an einer Seilbahn. Statt am Kabel hängen Monteur und Flughelfer aber am quirligen Helikopter, der sie hoch zu den Seilen fliegt, von denen die großen Kugeln die Flieger warnen sollen. Die Arbeit im Mast, das sei Tagwerk, man entwickele eine Routine, sagt Kletterer Grimm. Wenn aber der Helikopter mit dem Korb komme, das gibt auch der gelassene Grimm zu: „Das ist schon spannend.“
Dort oben werden Grimm und seine Kollegen auch in Zukunft gebraucht, der Ausbau des deutschen Stromnetzes soll in den kommenden Jahren richtig Fahrt aufnehmen. Das gilt nicht nur für die neuen großen Gleichstromleitungen, die den Strom vom windreichen Norden in den energiehungrigen Süden schaffen sollen, sondern auch für regionale Verbindungen wie die in Weinheim verlaufende Trasse von Frankfurt nach Karlsruhe. Stromerzeugung aus Wind und Sonne ist volatiler und nicht so leicht zu regulieren wie die Großkraftwerke, das erfordert deutlich höhere Netzkapazitäten. Gegenwärtig ist das Höchstspannungsnetz in Deutschland knapp 38.000 Kilometer lang. Im laufenden Jahr erwartet die Bundesnetzagentur, dass 1059 Kilometer neue Leitungen in Betrieb gehen. Im kommenden Jahr soll es etwa doppelt so viel sein, von 2028 an sind jährlich circa 4000 neue Leitungskilometer geplant. Weder den Kletterern noch den Piloten sollte allzu bald die Arbeit ausgehen.
