
Erfundene Festnahmen von Menschen, bearbeitete Bilder von Flugzeugträgern oder aus dem Kontext gerissene Zitate von Politikern: Falschinformationen werden in Kriegszeiten wie diesen gezielt verbreitet. Gesicherte Informationen und seriöse Nachrichten werden vorsätzlich blockiert. Insbesondere gilt das in autoritär regierten Ländern wie Russland und dem Iran. Ziel ist es, Zweifel zu säen. Und mit nichts funktioniert das so gut wie mit irreführenden Bildern, Videos und Texten, die mit Künstlicher Intelligenz erzeugt werden. Kann es sein, dass dadurch die aktuell geführten Informationskriege eine neue Stufe erreichen? Das deutsche „Science Media Center“ (SMC) hat einschlägige Experten gebeten, die aktuelle Situation zu bewerten.
„Mit Blick auf Russland sind es vor allem staatliche und staatsnahe Netzwerke, die gezielt Desinformation im In- und Ausland streuen“, sagt Josephine Schmitt. Die Kommunikationswissenschaftlerin aus Bochum forscht zur Verbreitung von Propaganda im Netz. Die Regierung Russlands streue systematisch Fake News über die staatlich kontrollierten Medien sowie mit automatisierten Computerprogrammen. Geteilt werden die irreführenden Informationen in den sozialen Medien und Chat-Gruppen.
Teil der hybriden Kriegsführung
Hauptsächlich verbreitet werden fehlerhafte, dafür emotionalisierende Bilder, Videos und Texte. Sie erzählen eine Geschichte, sind anschaulich und wirken echt. Soziale Netzwerke verstärken diese Wirkung, da emotional aufgeladene Inhalte häufiger geteilt und kommentiert werden. Kommt man durch die algorithmischen Strukturen oft in Kontakt mit Desinformationen, wirken sie zudem vertrauter und dadurch glaubwürdiger, unabhängig vom Inhalt. Kurz: Verzerrende Darstellungen beeinflussen, wie die Gesellschaft Ereignisse wahrnimmt, sagt Schmitt dem SMC.
Durch Künstliche Intelligenz können Desinformationen schneller und in einer größeren Menge verbreitet werden – vor allem in sozialen Netzwerken. KI ermöglicht es, maßgeschneiderte Falschinformationen billig und massenhaft herzustellen. So können sich täuschend echte Bilder und Videos mit irreführenden Inhalten schnell ausbreiten. Wenn keine gesicherten Informationen vorliegen, füllen KI-generierte Inhalte die Lücke mit ihrer vermeintlich authentischen Wirkung aus.
„Die aktuelle Forschung zeigt aber auch, dass spektakuläre Deepfakes bislang nicht der dominante Faktor sind“, sagt Edda Humprecht von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Viel häufiger nutzen irreführende Darstellungen bereits bestehende Inhalte, welche umgedeutet und verzerrt werden. Bei wichtigen Informationen wird der Kontext weggelassen oder entstellt, um eine andere Bedeutung zu erhalten. Immer wieder werden Videos, die seit Jahren im Internet kursieren, als Ereignis eines Kriegs verbreitet.
Zweifel ist ihr Geschäft
Laut der Kommunikationswissenschaftlerin Humprecht verbreiten sich irreführende Informationen schleichend „durch Wiederholung und durch Anschluss an bestehende Überzeugungen“. Falsche Informationen sollen niemanden direkt überzeugen, sie sollen Zweifel säen. Unsicherheiten und persönliche Einstellungen werden stetig verstärkt, und so wird das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen geschwächt.
Doch der konkrete Einfluss von irreführenden Informationen bleibt ungewiss. Veränderungen von Meinungen sind schwer zu messen und kaum auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Die Auswirkungen von Falschinformationen seien stark kontextabhängig und hingen mit dem Vertrauen in die Medien sowie der eigenen Weltsicht zusammen, sagt Humprecht dem SMC. Faktenchecks, höhere Medienkompetenz und eine Warnung vor irreführenden Informationen könnten hilfreich sein, aber dazu führen, dass jeglichen Informationen eher misstraut wird.
Für journalistische Medien wird es zunehmend schwer, Informationen zu überprüfen. Kürzlich berichteten etwa „Der Spiegel“ und die „Deutsche Welle“, sie hätten versehentlich KI-generierte Bilder begleitend zu Nachrichten über den Irankrieg verwendet. Sie verließen sich auf eine Bildagentur. Diese Beispiele zeigen: Selbst professionelle Redaktionen sind vor Falschinformationen nicht komplett gefeit. Unabhängige Journalisten seien aber „zentral für die Einordnung und Korrektur von Desinformationen, gerade über längere Zeiträume“, meint Humprecht. Während Krisen sei seriöser Journalismus besonders wichtig.
