Der Titel Ihres neuen Buches „The Great Global Transformation“ erinnert an Karl Polanyi, der 1944 erklären wollte, wie das Zeitalter der Globalisierung zu zwei Weltkriegen führen konnte. Stehen wir heute vor einem vergleichbaren Bruch der globalen Ordnung?
Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen der Welt, die Polanyi beschrieben hat, und der unseren. Doch wenn man nur einen Blick auf den Irankrieg wirft, erkennt man, dass das Zeitalter der Globalisierung zu Ende ist. Egal wie dieser Krieg ausgehen wird, das Ideal des freien Handelsverkehrs ist außer Kraft gesetzt. Iran wird die Macht, die er über die Straße von Hormus ausübt, in Zukunft öfter einsetzen, um seine politischen Ziele zu erreichen. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen. Handelssanktionen, Investitionshindernisse, Grenzen für Migranten, Protektionismus, die Aufteilung der Welt in Einflusssphären – all das sind Anzeichen dafür, dass die neoliberale Weltordnung, die den Globus seit den Achtzigerjahren bestimmt hat, vorbei ist.
Wenn man auf einige der Statistiken blickt, die Sie in Ihrem Buch präsentieren, scheint der Neoliberalismus aber doch ein großer Erfolg gewesen zu sein. Die globale Ungleichheit etwa ist beträchtlich gesunken.

Wenn man auf die Welt als Ganze blickt, muss man tatsächlich von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Die Einkommensschere zwischen den Ländern ist kleiner geworden, die weltweite Armut hat sich enorm verringert. Das ist Asien zu verdanken und vor allem natürlich China, das in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Aufstieg erlebt hat. Noch nie in der Weltgeschichte, auch nicht während der europäischen industriellen Revolutionen, haben so viele Menschen so schnell und so kräftig ihren Wohlstand gesteigert. China hat seinen Anteil am globalen BIP seit 1974 verzehnfacht. Doch es geht nicht nur um China. Indien etwa ist inzwischen ökonomisch viermal gewichtiger als sein ehemaliger Kolonialherr. Das hat mit der Bevölkerungsentwicklung zu tun, aber auch mit den enormen Produktivitätssteigerungen, die in vielen asiatischen Ländern stattgefunden haben.
Sie behaupten sogar, es habe sich eine neue globale Mittelklasse gebildet.
Statistisch sehen wir, dass eine immer größere Gruppe der Weltbevölkerung sich im mittleren Bereich der globalen Einkommensverteilung sammelt – viel mehr als noch vor dreißig Jahren. Diese Menschen konsumieren Ähnliches, interessieren sich für ähnliche Dinge, pflegen einen ähnlichen Lebensstil und können sich miteinander auf Englisch verständigen. Werfen Sie nur einen Blick auf die Leute, die Ihnen in Flughäfen begegnen – Menschen aus Shanghai, Shenzhen, Seoul, Hanoi, Singapur. Eigentlich ist auch das ein großer kosmopolitischer Erfolg.
Diese Angleichung der Lebensverhältnisse führt zu Statusverlusten. Nehmen Sie einen deutschen Arbeiter bei VW. Er verdient wahrscheinlich mehr, als er vor dreißig Jahren verdient hat. Aber er wird an bestimmten Preissignalen merken, dass manche Dinge, die bisher seinen Status als Angehöriger der globalen Oberschicht symbolisierten, zu teuer für ihn werden. Vielleicht ist es das iPhone, vielleicht seine Familienreise nach Thailand, vielleicht sind es die Tickets für die Fußballweltmeisterschaft: Er wird spüren, dass er jetzt mit der Kaufkraft der asiatischen Mittel- und Oberschichten konkurriert. Besonders gilt das aber für die unteren Einkommensgruppen im Westen. Die ärmsten zehn Prozent in Deutschland gehörten 1993 noch zu den zwanzig reichsten Prozent der Weltgesellschaft. Heute spielen sie gerade noch im oberen Viertel mit. Wahrscheinlich wird es in ein oder zwei Generationen mehr Chinesen als Amerikaner geben, die oberhalb des amerikanischen Medianeinkommens verdienen.
Erscheint im Westen auch deshalb Chinas Aufstieg in erster Linie als Bedrohung?
Ja, das spielt sicher eine wichtige Rolle. Neben der geopolitischen Konkurrenz, die in den vergangenen Jahren entstanden ist. Darin zeigt sich ein Grundproblem unserer Zeit: Die globalen Erfolge werden aus dem Blickwinkel von Nationalstaaten betrachtet. So erscheint die Bedrohung größer als die Chancen, die sich auftun. Dabei ist es ein einfacher humanistischer Gedanke, dass der Westen langfristig einen relativen Abstieg erleben muss – definitionsgemäß können nur so die anderen Weltregionen ökonomisch aufholen und sich die Menschheit dem Ideal der Gleichheit annähern. Afrika hat hier noch einen viel längeren Weg vor sich.
Das ökonomische Gleichziehen Chinas geschieht jedoch, ohne dass sich eine rechtsstaatliche Demokratie bilden würde. Die Menschenrechte werden beinahe täglich verletzt.

Das will ich überhaupt nicht abstreiten. Dennoch glaube ich, dass es Situationen gibt, in denen ein Trade-off besteht zwischen Freiheit und ökonomischem Fortschritt. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung, die China durchlaufen hat, hätte unter einer demokratischen Regierung wahrscheinlich nicht stattfinden können. Die chinesischen Reformer haben sehr aufmerksam beobachtet, dass die schockartige Einführung von freier Marktwirtschaft und liberaldemokratischen Institutionen in Russland nach 1990 zu Chaos geführt hat. Auch in China wäre eine Zersplitterung des Landes denkbar gewesen, jedenfalls nicht jenes langfristige, gut geplante Entwicklungsprojekt, das jetzt seine Früchte trägt.
Aber das muss doch nicht so bleiben?
Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt – vielleicht verlangt die neue chinesische Mittelschicht bald mehr Mitsprache –, aber einstweilen scheint sich die Kommunistische Partei über ihre ökonomischen Erfolge legitimieren zu können.
Im Westen scheint die Lage geradezu umgekehrt: Die liberalen Demokratien bestehen fort, aber die Volkswirtschaften wachsen nur noch in kleinem Maßstab.
Das ist eine zweite Erklärung dafür, warum die neoliberale Ordnung zu Ende ist. Die westlichen Unter- und Mittelschichten haben nicht nur in Relation zu den asiatischen verloren, sie haben überhaupt sehr viel weniger vom Wachstum der Wirtschaft profitiert – das war eine zentrale These in meinem Buch „Capitalism, Alone“. Deswegen ist die allgemeine Unzufriedenheit gewachsen. Besonders nach der Weltwirtschaftskrise haben rechtspopulistische Parteien das zu nutzen gewusst.
Das ist die Kernaussage Ihrer berühmten „Elefanten-Kurve“. In Ihrem neuen Buch präsentieren Sie jetzt zwei neue Graphen, die an Hockeyschläger erinnern. Was zeigen diese?
Ich habe mir angeschaut, welche Einkommensgruppen in den Nachkriegsjahrzehnten am kräftigsten verdient haben, und das verglichen mit den vergangenen vier Jahrzehnten. Und tatsächlich sehen die Kurven aus wie zwei spiegelverkehrte Hockeyschläger: 1964 bis 1979 wuchs in Amerika das Einkommen der unteren Hälfte viel schneller als das Einkommen der Elite. Nach 1979 war es andersherum, vor allem die reichsten ein bis drei Prozent der Amerikaner haben also von der neoliberalen Ära beträchtlich profitiert.
Ist das eine ungewollte oder eine beabsichtigte Folge des neoliberalen Projekts?
Das war teilweise durchaus beabsichtigt. Der Kampf gegen die Gewerkschaften in den Achtzigern, Steuersenkungen für Reiche und Unternehmen, die Freisetzung der Finanzwirtschaft: Man ging davon aus, dass die Entfesslung von sogenannten Leistungsträgern, Unternehmern und Investoren zu Wachstum führen wird. Das hat es auch. Noch mehr gewachsen ist aber die Macht der Wirtschaftselite. Sie konnte, neben den Bevölkerungen vieler asiatischer Länder, am meisten von den Möglichkeiten der Globalisierung profitieren.
Die westliche Elite ist zum Beispiel vom Statusverlust gegenüber Asien nicht betroffen. Sie gehört wie eh und je zu den reichsten zehn Prozent, auch weltweit. Außerdem hat sie eine erstaunliche Veränderung durchlaufen. Immer mehr Topverdiener im Westen beziehen zugleich sehr hohe Kapitaleinkommen und sehr hohe Arbeitseinkommen. Das ist im historischen Vergleich sehr ungewöhnlich. Viele konnten sich in den vergangenen Jahren offenbar Spitzengehälter erarbeiten und zugleich ein hohes Vermögen anhäufen. Das hat Konsequenzen für das Selbstbild dieser Schicht: Der alte sozialdemokratische Vorwurf, der Kapitalist läge faul auf der Haut oder würde irgendwo Golf spielen, während sich sein Konto füllt, gilt nur noch bedingt. Viele Kapitalisten arbeiten vielleicht siebzig Stunden pro Woche. Da glaubt man natürlich, seinen Reichtum auch verdient zu haben, und wehrt sich gegen Versuche der Besteuerung. Vor allem, wenn, wie in den USA, auch noch Abschlüsse von Eliteschulen dazukommen, die den Topverdienern gewissermaßen bescheinigen, auch kulturell etwas Besseres zu sein.

Interessanterweise schreiben Sie im Buch, dass etwas Ähnliches auch in China passiert ist.
In China kam es seit der marktwirtschaftlichen Öffnung zu einem enormen Bedeutungsgewinn privater Unternehmer. 1988 waren unter den reichsten fünf Prozent fast ausschließlich Parteifunktionäre, Regierungsbeamte und staatliche Direktoren. Inzwischen sind fast zwei Drittel private Manager oder Kapitalisten. Auch das hat für eine kräftige Gegenbewegung gesorgt.
Sie deuten sowohl Xi Jinpings Machtzuwachs als auch Wladimir Putins Herrschaft und die Wahlsiege Donald Trumps als Antworten auf den Machtzuwachs ökonomischer Eliten. Wie kommen Sie darauf?
Die globale Elite, die so stark von der neoliberalen Ordnung profitiert hat, ist in allen drei Ländern unter Beschuss geraten. Nach der wirtschaftlichen Schocktherapie in Russland haben sich die dortigen Oligarchen in einer beispiellosen Weise bereichert und ihr Land nahe an den Zusammenbruch geführt. Putin hat ihnen ihr Kapital belassen, aber ihnen die politische Macht genommen und dem Sicherheitsapparat übergeben. Der autokratischere Regierungsstil Xi Jinpings hat ähnliche Ursachen: Er wollte die in China entstandene kapitalistische Elite von den Schaltzentralen der Macht fernhalten und die Herrschaft der Kommunistischen Partei festigen. Im Falle Donald Trumps, selbst ein im Neoliberalismus reich gewordener Unternehmer, geht es vor allem darum, die kulturelle, ökonomische und politische Elite der amerikanischen Küsten abzustrafen und den Unmut der von der Globalisierung geplagten amerikanischen Unter- und Mittelschicht zu mobilisieren. Alle drei sind Antworten auf die Folgen der neoliberalen Weltordnung. Alle drei versuchen auf verschiedene Weise, etwas anderes an deren Stelle zu setzen.
Besteht dann nicht Hoffnung, dass die Welt nach deren Regentschaft zu einer regelbasierten, freihändlerischen Ordnung zurückkehren wird?
Das wäre ein Irrglaube. Die strukturellen Veränderungen sind größer als die Macht einzelner Personen. Das sieht man schon daran, dass nach Trumps erster Amtszeit Joe Biden wesentliche Elemente des MAGA-Programms fortgesetzt hat, man denke an die Zollpolitik, die Konkurrenz mit China oder die vielen ökonomischen Sanktionen, die in Kraft geblieben sind. An die Stelle der Globalisierung ist Protektionismus getreten; statt die Ökonomie vor der Politik zu schützen, greifen immer mehr Regierungen zu Industriepolitik; statt einer Bejahung von Mobilität werden Zäune und Mauern hochgezogen. Und der kosmopolitische Tenor des Neoliberalismus? Der hat gegen die neuen Nationalismen, die weltweit zu beobachten sind, keine Chance mehr. Die Welt ist wirklich eine andere geworden.
Sie nennen die neue Ordnung, die die alte ersetzt, „nationalen Marktliberalismus“.
Darunter verstehe ich, dass die globale Seite des neoliberalen Projekts verabschiedet wird, aber nicht unbedingt auch die nationale. Ganz sicher ist der Traum von weltweitem Freihandel bis auf Weiteres ausgeträumt. Auch werden die Regierungen darauf bedacht sein, ihre Volkswirtschaften unabhängiger zu machen und sicherheitspolitisch resilienter. Doch bisher sieht es so aus, als würden Deregulierungen und Steuersenkungen weiter hoch im Kurs stehen. Man ist illiberal nach außen, aber wirtschaftsliberal nach innen.
Was macht Sie so sicher, dass es sich wirklich um eine neue Ordnung handelt? Vielleicht haben Sie einfach dem Chaos, das wir erleben, einen neuen Namen gegeben?
Das will ich nicht ausschließen. Schon deshalb nicht, weil bislang jeder Ansatz fehlt, eine solche Welt gemeinsam zu koordinieren. Die alten internationalen Institutionen, wie die Weltbank, für die ich zwanzig Jahre lang gearbeitet habe, haben ihre Legitimation verloren, seitdem Washington die Maxime vertritt, jedes Land müsse einfach seine nationalen Interessen mit aller Gewalt durchsetzen. Aber was tritt an ihre Stelle? Ohne sie ist es schwierig, sich diese neue Welt als ein funktionierendes System vorzustellen.
Glauben Sie, dass die Gefahr großer Kriege gewachsen ist?
Auch im Kalten Krieg gab es ständig Kriege – sie wurden jedoch in jenen Zonen geführt, deren Zuordnung zu den beiden großen Blöcken unklar war. Heute ist die Lage schon deswegen eine andere, weil China wirtschaftlich viel stärker ist als die damalige Sowjetunion und keine anerkannte Aufteilung von Einflusszonen existiert. Gleichzeitig werden nationale Interessen immer rücksichtsloser vertreten. In mancherlei Hinsicht gleicht die Situation der Lage vor dem Ersten Weltkrieg, als der Aufstieg des deutschen Kaiserreichs die englische Hegemonie infrage stellte. All diese Dinge haben mich in den vergangenen Jahren zu einem Pessimisten gemacht. Jeder, der versucht, dieser Gefahr zu entkommen – ich denke hier vor allem an die Europäer –, sollte vermeiden, sich der Illusion hinzugeben, man könne weitermachen wie bisher. Die „regelbasierte Ordnung“, auf die sich die EU so häufig beruft, ist bis auf Weiteres zerstört.
