Christian Dürr ist wohl der einzige Liberale, für den alles „klar“ ist. 17-mal bemühte der FDP-Vorsitzende das Wort, als er Anfang der Woche das trübe Abschneiden seiner Partei bei den Landtagswahlen erklärte. Wollte man die denkwürdige Pressekonferenz zusammenfassen, klänge es etwa so: Der FDP ist klar, dass es mit diesem Vorsitzenden nicht so weitergehen kann, weshalb er zurücktreten wird, um sich im Mai von einem Parteitag wiederwählen zu lassen.
Nach einem Jahr unter seiner Führung braucht die Partei, so Dürr, eine „grundlegende Erneuerung“. Und für diese steht der Amtsinhaber, weil er klare Prioritäten, einen klaren Fahrplan und einen sehr klaren Kurs versprechen kann.
Teilnehmer der Vorstandssitzung, die der Pressekonferenz vorausgegangen war, betrachteten den bizarren Auftritt ihres Vorsitzenden halb ratlos, halb mitleidig. Es habe nur eines gegeben, was an diesem Montag wirklich klar gewesen sei, sagt ein Beteiligter: dass der Vorstand das Vertrauen in Dürr verloren habe. Nur um dem Vorsitzenden eine „Brücke“ zu bauen, sei der Vorstand mit ihm zusammen zurückgetreten. Dass Dürr dann unmittelbar danach seine abermalige Kandidatur erklärte, können sich manche nur mit einem „Missverständnis“ erklären.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun ist die FDP also wieder da, wo sie schon mehrmals in ihrer jüngeren Geschichte stand: ohne Führung und ohne Orientierung. Seit die Liberalen vor einem guten Jahr aus dem Bundestag geflogen sind, konnten sie in keinen Landtag mehr einziehen. Wahlergebnisse und Umfragewerte sanken von vier Prozent auf drei und zuletzt, in Rheinland-Pfalz, auf zwei. Nur noch in sechs von 16 Landesparlamenten ist die FDP vertreten, bald droht die einst stolze Regierungspartei in den Wahlergebnis-Balken unter „Sonstige“ zu verschwinden.
Bundeskanzler ohne Sentimentalität
FDP-Strategen wie der frühere Generalsekretär Bijan Djir-Sarai erinnern daran, dass es 2014 – im Jahr nach dem letzten Ausscheiden aus dem Bundestag – nicht viel besser um die Partei gestanden habe. Aber damals rankten sich immerhin Hoffnungen um den neuen Parteichef Christian Lindner. Heute glaubt kaum jemand an die Wiederauferstehung der Liberalen, jedenfalls nicht unter Dürr. Selbst der Bundeskanzler, der schon als junger Mann mit den Liberalen in einer Koalition saß, verlor den letzten Rest von Sentimentalität: Die FDP sei „endgültig sozusagen von der politischen Bühne in Deutschland verschwunden“, befand er kühl. „Sie wird keine Rolle mehr spielen.“
Manche führen den Absturz der Traditionspartei – ähnlich wie den noch nicht ganz so fortgeschrittenen Niedergang der SPD – auf die gealterte Weltanschauung zurück, die sie einst groß gemacht hat. Der Liberalismus wurzelt, wie auch der Sozialismus, in Ideen des 19. Jahrhunderts. Aber lässt sich behaupten, dass sie den Menschen heute nichts mehr bedeuten? Der Sozialgedanke ist vermutlich verbreiteter denn je, nur eben nicht mehr in Gestalt der Sozialdemokratie. Und der Liberalismus, der es hierzulande immer schwer hatte, wirkt andernorts, etwa in Amerika oder Argentinien, enorm attraktiv, jedenfalls in seiner libertären Variante. Nur die FDP strahlt ihn nicht mehr aus.
Vertrauensverlust und inhaltliche Unentschiedenheit
Liberale, die sich über den unheimlichen Abstieg ihrer Partei Gedanken machen, erklären ihn wahlweise mit Vertrauensverlust oder inhaltlicher Unentschiedenheit, was sich manchmal deckt. Ein Teil der Partei, früher nannte man ihn den sozialliberalen Flügel, glaubt, die Art und Weise des Ampel-Endes habe die Partei in den Untergang geführt. Hier ist man nicht weit entfernt von der Verratserzählung grüner und sozialdemokratischer Leidensgenossen, der zufolge ein sinister taktierender Parteichef die Zukunftskoalition auf dem Gewissen hat. Der andere Flügel, früher nannte man ihn den wirtschaftsliberalen, wirft sich eher vor, nicht früher aus der Ampel ausgestiegen zu sein und zu lange und zu viel „linksgrüne Politik“ mitgetragen zu haben.
Weil sich die Partei so schlecht entscheiden kann, suchte sie ihr Glück im mittigen Dürr. Aber nicht alle Kompromisse erweisen sich als golden. Eine andere Form parteiinternen Ausgleichs brachte Marie-Agnes Strack-Zimmermann ins Gespräch, als sie sich noch während der Vorstandssitzung – im Beisein Dürrs – als Teil einer Doppelspitze anbot. Befragt nach ihrem Wunschpartner, nannte die Liberale, die inzwischen im Europaparlament sitzt (und dort auch bleiben will), einen Parteifreund auf der anderen Seite des Spektrums: den früheren Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Kubicki.

Für einen Moment beschäftigte das die Gemüter: Nachdem der charismatische Lindner wohl unwiderruflich an die Wirtschaft verloren ist, sind Strack-Zimmermann und Kubicki immerhin die letzten verbliebenen Liberalen, die sich bundesweiter Bekanntheit erfreuen: Wortmächtig, Talkshow-gestählt und selbst in Zeichnungen unbegabter Karikaturisten wiedererkennbar, könnten die beiden der Partei zumindest wieder zu medialer Aufmerksamkeit verhelfen.
Aber Strack-Zimmermann wollte, wie sie versichert, nur Bewegung ins Kandidatenspiel bringen und zog nach der Bewerbung des Düsseldorfer FDP-Fraktionschefs Henning Höne ihr Angebot zurück.
Es hatten ihm ohnehin zu viele Schönheitsfehler angehaftet: Der Richtungsstreit in der Partei wäre von dem Duo nicht entschieden, sondern verkörpert worden. Strack-Zimmermann verortet die Liberalen zwischen Union und Grünen, Kubicki zwischen Union und AfD. Und dann gab es noch den kleinen Umstand, dass Kubicki, der nach eigenem Bekunden gar nicht gefragt wurde, mit Doppelspitzen nichts anfangen kann.
Frauen gegen grüne und linke Politik
Sollte der 74-Jährige in den Ring steigen, dann nur als Alleinherrscher. Er wäre nicht der Erste, der sich das in stattlichem Alter zutraut: Konrad Adenauer war ebenfalls 74 Jahre alt, als er den CDU-Vorsitz übernahm – und 90, als er ihn abgab. Kubicki hat sich jüngere FDP-Politikerinnen ausgeguckt, denen er gern den Weg in die erste Reihe ebnen würde, darunter Susanne Seehofer, Linda Teuteberg und Maria Westphal. Gemeinsam ist den Frauen, dass sie sich lustvoll gegen grüne und linke Politik aussprechen. Mit Genugtuung registrierte Kubicki in dieser Woche, dass er aus einer (nicht repräsentativen) Umfrage beim FDP-Nachwuchs mit Abstand als beliebtester Kandidat hervorging.
In der Partei wird spekuliert, dass sich weitere Kandidaten für den Parteitag in Position bringen könnten, aber viele glauben inzwischen, dass nur noch ein bundespolitisches Schwergewicht mit Mut zur Provokation die fast unmögliche Rückkehr der FDP auf die große Berliner Bühne erreichen kann. „Alle Augen ruhen jetzt auf ihm“, sagt einer über Kubicki. Dass diesen ein Hauch von Halbseidenheit umweht, wird dabei kaum als Makel empfunden. Guido Westerwelle schaffte den Wiederaufstieg Anfang der Nullerjahre mit dem umstrittenen „Guido-Mobil“ und dem Slogan vom „Projekt 18“. Christian Lindner wiederum setzte 15 Jahre später auf eine für manche Geschmäcker aufdringliche Selbstinszenierung, auf schwarz-weiße Werbespots mit schnellen Schnitten, Unterhemd und Dreitagebart. Auch Lindners Flirt mit dem Ominösen hatte Erfolg.
Subversive Jugendlichkeit wird sich mit Wolfgang Kubicki nur schwer verbinden lassen. Aber in politisch ernsten Zeiten müssen Unerschütterlichkeit und altersgereifte Gerissenheit kein Manko sein. Seine Gegner, von denen es nicht nur in der FDP reichlich gibt, würden einen Vorsitzenden Kubicki teils als Gefahr beschwören, teils als Verzweiflungslösung verspotten, aber seine Anhänger meinen es ernst und hoffen auf eine Zusage zum Osterfest. „Man kann die Liberalen wieder wachküssen“, sagt ein früherer Spitzen-Liberaler, der sich sofort fürs Team Kubicki reaktivieren lassen würde. „Wenn er antritt, wird er gewinnen.“
