
Die Zeit der nacholympischen Bürgermeisterempfänge und „Sieger-der-Herzen“-Feierlichkeiten in Füssen und Umgebung ist vorbei. Für das deutsche Curling-Team vom CC Füssen steht nach seinem olympischen Debüt in Cortina d’Ampezzo die nächste Bewährungsprobe an. An diesem Freitag beginnen in Ogden (Utah) die Weltmeisterschaften. Gespielt wird abermals auf olympischem Eis – oder zumindest auf olympischem Gelände: im Venue der Winterspiele von Salt Lake City 2002.
„Wir sind wieder hungrig“, sagt Bundestrainer Uli Kapp stellvertretend für seine Spieler: „Und wieder im Arbeitsmodus.“ Nach dem Saisonhöhepunkt in Cortina, der für die Europameister von 2024 nach vier Siegen und fünf Niederlagen auf Rang sieben endete, hatten sich Skip Marc Muskatewitz und seine Mitstreiter zunächst eine Spielpause verordnet. Sie mussten die Olympia-Erfahrung sacken lassen – inklusive des Gefühls: „Da war mehr drin.“
„Curling ist ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten“
Neben einigen spektakulären Shots und respektablen Siegen gegen Teams wie Norwegen und Schweden blieb vor allem die Niederlage gegen Tschechien trotz hoher Führung im Hinterkopf. „Wenn du das Spiel machst, spielst du um Medaillen“, hadert Kapp auch knapp sechs Wochen danach noch ein bisschen. Die sanfte Welle der Curling-Begeisterung, die während Olympia durch Deutschland geschwappt war, „hätte dann eine ganz andere Wucht gehabt“, so Kapp.
„Die Jungen haben sehr gut gespielt“, lautet sein Fazit mit einem gewissen Abstand. Die „Jungen“, das sind Johannes Scheuerl, Felix Messenzehl und Benjamin Kapp, alle erst Anfang 20, die ihre Bewährungsprobe mit Bravour meisterten. Auf der Skip-Position ließ der erfahrenere Muskatewitz (30), wegen seiner bisweilen zauberhaften Spielzüge als „Magic Marc“ geadelt, aber ein paar wertvolle Punkte liegen – und somit die Chance auf olympisches Edelmetall.
Im Anschluss an seine Besinnungspause hat sich das Team Muskatewitz in den vergangenen drei Wochen mit Grundlagentraining beschäftigt, um noch ein paar Prozentpunkte an spielerischer Konstanz herauszuholen. „Curling ist ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten“, sagt der Bundestrainer über das Ziel, möglichst konstant auf hohem Niveau zu agieren. Er stellte somit die Berechenbarkeit des Spiels in den Vordergrund vor der Verlockung spektakulärer Spielzüge.
In Ogden werden die Granitsteine nun neu sortiert. Dreizehn Teams sind am Start, gespielt wird im üblichen Format „jeder gegen jeden“, sodass von Freitag an bis Gründonnerstag zwölf Spiele in sieben Tagen im fordernden Wettkampfkalender stehen, zumeist in Doppelschichten. Für den Bundestrainer ist das kein Problem: „Das geht an die Substanz, aber wir sind körperlich alle topfit.“ Gleich zum Auftakt wartet allerdings ein harter Brocken. An diesem Freitag (19 Uhr Ortszeit) trifft Team Muskatewitz auf die Gastgeber-Formation um John Shuster, der 2018 in Pyeongchang Olympiasieger mit dem Team USA wurde.
Eine gewisse Unberechenbarkeit ergibt sich beim WM-Turnier daraus, dass viele Teams mit neuen Besetzungen im Vergleich zu Olympia antreten. „Das ist sicher kein Nachteil für uns“, setzt Ko-Skip Benny Kapp auf den Vorteil der eingespielten Formation. Die besten sechs erreichen die Play-offs – das erklärte Ziel des deutschen Teams. Die Medaillen werden am Ostersonntag ausgespielt. „Vielleicht gelingt uns ein Überraschungscoup“, sagt Uli Kapp und hofft auf ein gut gefülltes Osternest – mit möglichst vielen eigenen Steinen im „House“ genannten Zielbereich der Curling-Bahn.
