Ein großer, bezwingender Moment: Während leise die Harfe, das Instrument der Engel, spielt, dreht uns Paul Appelby als Captain Vere den Rücken zu und zieht wie in Trance seinen Hut – die Kapitänsmütze! Er schaut dabei auf den Matrosen Billy Budd. Gleich muss er zu ihm gehen und ihm die Nachricht überbringen, dass ihn das Kriegsgericht an Bord der „Indomitable“ wegen Mordes an dem sadistischen Waffenmeister John Claggart zum Tode verurteilt hat. Mit dem tenoralen Leuchten eines entrückten Sehers singt Appleby: „Aber ich sah das göttliche Gericht des Himmels. Der Engel Gottes schlug zu und der Engel muss hängen – durch mich. Schönheit, Anmut, Güte – es ist an mir, euch zu vernichten“.
Richard Brunel, Intendant der Oper Lyon und Regisseur von Benjamin Brittens „Billy Budd“, zeigt in diesem Moment, was gutes Musiktheater ausmacht: Geste, Gesang, Geschichte und eine durch Musik definierte, durch den Dirigenten Finnegan Downie Dear herausmodellierte Bedeutsamkeit des Augenblicks zusammenzuführen. Dieser „Billy Budd“ gehört zum Vorbildlichsten, was man derzeit in Europa sehen kann. Die für 2028 geplante Übernahme durch die Staatsoper Hannover ist ein Glücksfall.

Die mobilen Gerüste auf der Bühne von Stephan Zimmerli ähneln den Treppenhäusern der Lyoner Oper und lassen sich doch zu schiffsähnlichen Interieurs zusammenschieben. Das Licht von Laurent Castaingt sorgt für Nebel-, Abend- und Morgenstimmungen, die genau wie im Libretto von Edward Morgan Foster und Eric Crozier (nach der letzten Erzählung von Herman Melville) stets Sinnbilder und nie nur meteorologische Ereignisse sind. Sean Michael Plumb, jung, athletisch, strahlend, ist als stotternder Billy Budd stimmlich und darstellerisch das Gravitationszentrum von Zuneigung, Neid und Eifersucht – aber frei von Bosheit. Wie er den Captain Vere umarmt und ihm sagt, er würde sein Leben für ihn geben, das hat die stürmische Arglosigkeit von Kindern mit Down-Syndrom, mit der sie Anhänglichkeit zeigen.
Derek Walton als John Claggart hält mit körperlicher Unnahbarkeit und einem knarrend schwarzen Bass dagegen. Billys Charisma sorgt für einen Klimawandel an Bord, der Claggarts Eispanzer der Bosheit gefährdet. Natürlich ist das ein Stück über Sadismus als Kompensation für unausgelebte Homosexualität. Und dass Captain Vere sich im Gerichtsverfahren nicht für Billy einsetzt, hat auch damit zu tun, dass er in diesem Milieu – vierzehn männliche Solorollen und keine Frauenstimme – Zuneigung für einen Mann nicht zeigen darf. Am Ende nimmt er kniend die Leiche Billys in den Arm. Es ist eine männliche Pietà, die Brunel ans Ende seiner Inszenierung setzt, eine Beweinungsszene, durch die der Regisseur zugleich den christlichen Sinnhorizont – den Widerstreit von Gesetz und Gnade sowie die Verkennung der Präsenz Gottes in einer Welt der Herzenshärte – aufscheinen lässt. Stück und Inszenierung sind queer und fromm zugleich. Sie entziehen sich der Lagerverortung in den Kulturkämpfen unserer Zeit.
Das ästhetische Interesse ist in Lyon – anders als beim diesjährigen Opera Forward Festival in Amsterdam – größer als der Ehrgeiz einer identitätspolitischen Positionierung oder Polarisierung. Trotzdem verfolgt auch Brunel ein Programm der Öffnung für neue Publikumsschichten durch Stärkung der Stadtbezirkskultur in den Vororten und durch neue Theaterformen. Wenn die Opéra de Lyon ins betonbrutalistische Théâtre National Populaire aus dem Jahr 1934 in die Nachbarstadt Villeurbanne geht, um dort Kunst zu machen, lebt darin der Bildungsidealismus der klassischen Sozialdemokratie fort.
Gezeigt wird dort „Traviata – Vous méritez un avenir meilleur (Traviata – Sie verdienen eine bessere Zukunft)“ von Benjamin Lazar nach der Oper „La traviata“ von Giuseppe Verdi. Die Uraufführung fand zwar schon 2016 im Théâtre des Bouffes du Nord in Paris statt, aber das ist keine Wegwerfkunst. Das ist eine so vorzügliche Produktion, dass sie eine lange Zukunft verdient hat.
Die Musiker spielen auswendig auf der Bühne
Florent Hubert und Paul Escobar haben Verdis Partitur für ein Salonorchester aus Flöte, Klarinette, Horn, Posaune, Violine, Violoncello, Kontrabass, Akkordeon und Klavier eingerichtet. Es wird gesprochen und gesungen, auch von den – auswendig spielenden – Instrumentalisten, die den Chor bilden. Jérôme Billy als Giorgio Germont setzt sich an den alten Pleyel-Flügel und spielt Robert Schumanns „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“, während (!) er ein Gespräch mit der schmerzlich zarten Judith Chemia als Violetta Valéry führt. Die Wandertruppenästhetik arbeitet nur mit Requisiten, historisierenden Kostümen und äußerst lebhaften Darstellern, bei denen Handeln, Sprechen und Singen umstandslos ineinandergreifen. Der Text, so ernst das Stück ist, riskiert gern einen Witz. So fragt Élise Chauvin als Flora ihre Freundin Violetta: „Schicke Jacke! Woher hast du die?“ Und Violetta antwortet, auf den Autor des Stücks anspielend: „Ach die! Von Alexandre Dumas“.
Das Theater ist brechend voll, das Publikum schätzungsweise zwischen 14 und 85 Jahren alt. Eine Jugendliche bricht nach dem Schluss, dem Verdis Musik zu ergreifender Wirkung verhilft oder der Verdis Musik zu neuer Wirkung bringt, in Tränen aus und muss von ihren Eltern getröstet werden. So findet Aktualisierung statt: im Publikum, nicht auf der Bühne! So findet Musikvermittlung statt: in der Vorstellung, nicht im pädagogischen Ringelpiez drum herum!
Natürlich gibt es in Lyon auch „große Oper“, jetzt gerade „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini in der ausstattungsopulenten Inszenierung von Emma Dante mit Prachtkrinolinenklamotten von Vanessa Sannino. Sympathisch ist darin die Empathie des Chores als Kollektiv, das die großen Gefühle der Solisten begrüßt, weil es weiß, wie alltäglich sie sind. Man kann baden im heißtemperierten Schönklang des Orchesters unter der Leitung von Sesto Quatrini, kann sich weiden am lyrischen Überfluss und timbralen Ebenmaß des Tenors Riccardo Massi als Des Grieux oder sich freuen, wie Chiara Isotton als Manon sich von Akt zu Akt frei singt, um dann im Finale jenes flatterhaft-verletzliche Geschöpf zu sein, das ihr vokal am Anfang noch nicht gelang. Und trotzdem wird man Puccinis Meisterschaft bewundern können, Wichtiges über seine Figuren bevorzugt nebenbei zu erzählen und sich Direktheit für ganz wenige, intensive Momente aufzusparen.
Die Oper Lyon verzeichnet eigenen Angaben zufolge eine Auslastung von 92 Prozent und einen Anteil von 29 Prozent bei den Besuchern unter 29 Jahren. An der Zukunft der Oper zu arbeiten, heißt also, mit Qualität statt mit Parolen auf das Publikum zuzugehen.
