Sie hängen im großen Basar von Istanbul, am Schaufenster einer Bäckerei und an Balkonen. Die neuen Trikots der türkischen Fußball-Nationalmannschaft werden in diesen Tagen mit viel Pathos in kurzen Werbeclips vorgestellt. „Warnung: Es beinhaltet einen großen Siegeswillen“, lautet der dazugehörige Slogan. Die verschiedenen Orte und Menschen sollen den Zusammenhalt in der politisch gespaltenen Bevölkerung für die Nationalmannschaft symbolisieren.
Nach 24 Jahren will die Türkei endlich wieder an einer Weltmeisterschaft teilnehmen. Zuvor scheiterte sie entweder direkt in der Gruppenphase der Qualifikation oder in den Play-offs. Diesmal stehen nach Platz zwei hinter Spanien in der Gruppenphase sogar zwei Play-off-Spiele an. An diesem Donnerstag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur WM-Qualifikation und bei DAZN) trifft das Team von Vincenzo Montella in Istanbul auf Rumänien. Anschließend würde es im Play-off-Finale gegen den Gewinner aus der Partie Slowakei gegen Kosovo gehen, um das Ticket für die WM in Kanada, Mexiko und den USA zu lösen.
Es wäre erst die dritte Teilnahme für das fußballverrückte Land nach der WM 1954 in der Schweiz und 2002 in Japan und Südkorea. Als die Türkei beim Turnier in Asien überraschend Dritter wurde, waren die großen Hoffnungsträger der heutigen Nationalmannschaft noch gar nicht geboren.
Die „goldene Generation“ der Türkei
Arda Güler, 21 Jahre alt, und Kenan Yıldız, 20 Jahre alt. Die beiden Youngster sind der Grund, warum in der Türkei von einer „goldenen Generation“ gesprochen wird. Beide haben in jungen Jahren ihre Ausbildungsklubs verlassen, um bei internationalen Schwergewichten anzuheuern. Güler, geboren in Ankara, ist mit 18 Jahren von Fenerbahçe Istanbul zu Real Madrid gewechselt. Yıldız, geboren in Regensburg, mit 17 Jahren vom FC Bayern München zu Juventus Turin.
Güler hat in dieser Saison die meisten Spiele im Trikot der Königlichen absolviert, 45 an der Zahl. Er kreiert die meisten Chancen in der spanischen Liga (63). Zuletzt ging sein Tor aus 68,6 Metern beim 4:1-Sieg im Ligaspiel gegen Elche viral. Yıldız trägt in Turin seit dieser Saison die Nummer zehn und ist mit zehn Treffern und sechs Assists der drittbeste Scorer der Serie A. „Kenan ist ein Alien. Manchmal macht er Fehler, nur um zu zeigen: Ich bin auch nur normal“, sagt sein Vereinstrainer Luciano Spalletti. Aber er sei kein normaler Spieler, er sei immer außergewöhnlich.

Und Alvaro Arbeloa, Trainer von Real Madrid, sagt über Güler: „Er ist ein junger Kerl, aber mit viel Erfahrung für sein Alter. Er ist wie alle Spieler dazu bestimmt, hier große Momente zu erleben.“ Güler hatte es in seinen ersten beiden Jahren in Madrid schwer, im Star-Ensemble viele Einsatzminuten zu bekommen. Statt den einfachen Weg zu gehen und sich verleihen zu lassen, hat der Zauberer mit dem feinen linken Fuß weiter hart an sich gearbeitet. „Arda hat sich nicht demotivieren lassen, sondern ist noch stärker geworden“, lobt Nationaltrainer Montella.
Der mittlerweile entlassene Xabi Alonso hat in Madrid von Anfang an auf Güler im zentralen offensiven Mittelfeld gesetzt. In den ersten elf Ligaspielen zahlte der Einundzwanzigjährige das Vertrauen mit drei Treffern und sechs Vorlagen zurück. „Er ist mittlerweile nicht nur technisch versiert, sondern auch im Stellungsspiel und im Torabschluss besser geworden“, findet Montella.
„Denken an nichts anderes als die WM-Teilnahme“
Yıldız’ größte Qualität ist sein Tempo und sein Eins-gegen-eins-Spiel. Bei Juventus kommt der Dribbler meistens vom linken Flügel, spielt aber auch ab und zu als hängende Spitze oder Mittelstürmer. In der Nationalmannschaft ist Yıldız auf dem linken Flügel gesetzt, Güler spielt im 4-5-1-System von Montella auf der Zehnerposition. Der Italiener schätzt an seinen beiden Jungstars, dass sie es genau verstünden, wann es richtig sei, einfach und kontrolliert zu spielen, und wann es richtig sei, einen riskanten Spielzug zu versuchen. Abgesichert werden sie von Kapitän Hakan Çalhanoğlu (Inter Mailand) und Orkun Kökçü (Beşiktaş Istanbul), die im defensiven Mittelfeld agieren.
Gegen Rumänien wird Montella wohl auf Innenverteidiger Merih Demiral (Al-Ahli) und Rechtsverteidiger Zeki Çelik (AS Rom) verzichten müssen. „Wir müssen mit und ohne den Ball die richtigen Sachen machen, um den Gegner zu dominieren“, sagte Montella am Mittwoch auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. Er erwarte einen gut organisierten Gegner. Arda Güler, der neben Montella saß, betonte die familiäre Atmosphäre der Gruppe. Seit dem Viertelfinal-Aus bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren gegen die Niederlande (1:2) „denken wir an nichts anderes als die WM-Teilnahme“, sagte Güler.
Montella ist es in den vergangenen zwei Jahren gelungen, ein stabiles Fundament zu bilden. Die Türkei hat sich in der Nations League in die Gruppe A und in der FIFA-Weltrangliste von Platz 46 auf 25 hochgearbeitet. „Wir werden Schritt für Schritt unseren Weg weitergehen“, betonte Montella. Dabei baut er natürlich auf die individuellen Qualitäten seiner Jungstars Yıldız und Güler.
Sollte die WM-Qualifikation gelingen, werden im Sommer die Menschen mit ganz vielen roten und weißen Trikots durch die Straßen der Türkei laufen. Die meisten davon mit der Nummer elf von Kenan Yıldız und der Nummer acht von Arda Güler auf dem Rücken.
