Kaum ein Bild befeuert die Debatte über
Generationengerechtigkeit so sehr wie das glücklicher grauhaariger Menschen auf
Kreuzfahrtschiffen: weiße Turnschuhe, Funktionsjacken, Cocktails bei
Sonnenuntergang. Es ist ein ikonisches Motiv unserer Zeit. Für die einen steht
es für rücksichtslosen Konsum auf Kosten des Klimas und kommender Generationen.
Für die anderen ist es das sichtbare Zeichen eines Lebens, das nach Jahrzehnten
der Arbeit endlich Raum für Freiheit und Genuss findet.
Was ist dran an diesem oft beschworenen
Generationenkonflikt? Was bewegt die sogenannten “jungen Alten” – also Menschen
im Alter von 60 bis 74 Jahren – heute wirklich? Was gibt ihrem Leben Sinn? Worum
sorgen sie sich, und wofür tragen sie Verantwortung? Als Forscherin, die sich
seit mehr als zwanzig Jahren empirisch mit der Frage nach dem Sinn beschäftigt,
habe ich einige dieser Fragen aus nächster Nähe verfolgt. Meine Beobachtungen
und die Studien anderer zeichnen ein Bild, das differenzierter ist als manche
polarisierende Debatte.
Dazu gehört zunächst einmal die Beobachtung, dass Deutsche
in dieser Altersgruppe im Durchschnitt von einer ziemlich hohen Sinnerfüllung
berichten. Das heißt, dass sich die Mehrheit als kohärent, bedeutsam,
orientiert und zugehörig erlebt. Ob im Jahr 2005, 2015 oder 2025: In unseren
Daten zeigte sich immer wieder ein deutlicher Anstieg des Sinnerlebens vom
mittleren zum höheren Alter ab 60. Die Stabilität dieses Effekts legt nahe,
dass es sich nicht um einen Kohorteneffekt handelt, der auf
generationenspezifische Prägungen zurückzuführen wäre, sondern um einen
Alterseffekt.
Verschiedene altersbezogene Faktoren können hier eine Rolle
spielen. So eröffnet sich durch die Berentung ein ganz neuer Freiraum. Wir
bestimmen selbst darüber, wie, womit und wo wir unsere Zeit verbringen. Auch
alterstypische Entwicklungsprozesse sind anzunehmen. Aus langer Lebenserfahrung
lässt sich eine gewisse existenzielle Gelassenheit gewinnen. Auch Prioritäten
ändern sich. Mit dem Eintritt ins Rentenalter steht weniger im Vordergrund, was
noch erreicht werden soll. Da ist viel, was bereits geschafft wurde;
Schwierigkeiten, die überwunden wurden, Erfahrungen, für die man dankbar sein kann.
Betrachtet man die Sinnquellen, die in dieser Lebensphase
besonders relevant sind, dann spiegeln sie das wider.
Besonders hoch ausgeprägt ist im “jungen Alter” eine Orientierung an Ordnung
und Sicherheit. Tradition, klare Werte, Vernunft und Bodenständigkeit werden
als wichtig und richtig erlebt. Keine Experimente, keine Risiken, sondern ein Erhalten
dessen, was sich bewährt hat.
An zweiter Stelle findet sich ein Fokus auf Sinnquellen, die
unter den Begriff Wir- und Wohlgefühl gefasst werden: Gemeinschaft, Fürsorge,
Harmonie, Spaß, Liebe und bewusstes Erleben. Sie hängen eng miteinander
zusammen und beschreiben den Wunsch, mit uns selbst und den Menschen um uns
herum in einer guten Beziehung zu stehen, füreinander da zu sein und schöne
Momente gemeinsam zu erleben. Das Wir- und Wohlgefühl hat den höchsten Stellenwert
bei jungen Menschen. Im mittleren Alter sinkt es, doch bei den “jungen Alten”
gewinnt es wieder an Bedeutung. Die Pensionierung erlaubt also vielen, diesen
Formen der Verbundenheit und Lebensfreude wieder mehr Gewicht zu geben.
Ein ähnlicher Trend zeigt sich bei der Selbstverwirklichung,
also bei einer Orientierung an Sinnquellen wie Entwicklung, Freiheit, Leistung,
Kreativität oder Macht. Nach Jahren beruflicher und familiärer Verpflichtungen,
in denen die persönliche Entfaltung gegenüber ihrer Bedeutung in der Jugend eher
in den Hintergrund tritt, steigt sie im Rentenalter wieder an. Das “junge
Alter” markiert heute nicht mehr den Übergang in eine Phase des Rückzugs oder
des Verlusts an Möglichkeiten. Es ist ein Lebensabschnitt, in dem sich viele
Menschen noch einmal neu entdecken und weiterentwickeln wollen.
Wie schön! Beziehungsweise: wie profitabel. Aufgrund ihrer
Kaufkraft und zeitlichen Ressourcen sind Best Ager – gemeint sind die
“jungen Alten” – eine heiß umworbene Zielgruppe der Werbeindustrie. Mit
Angeboten für Kreuzfahrten, Fernreisen, SUVs, Luxus- und Lifestyleprodukte werden
Wohlgefühl und Selbstverwirklichung zur Ware; zur CO₂-intensiven Ware.
