
Seit die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes öffentlich gemacht hat, welche Erniedrigungen sie jahrelang im Internet ertragen musste, weil gefälschte Bilder und Chats von ihr kursierten, die mutmaßlich von ihrem Ex-Partner initiiert waren, hat das Thema digitale Gewalt gegen Frauen mehr Aufmerksamkeit erhalten. Stefanie Eymann, die im Verein Frauen-Softwarehaus Betroffene berät, kennt viele Fälle wie diese.
Fake-Profile, die genutzt werden, um gegen Frauen zu hetzen, intime Bilder, die ungefragt geteilt werden: Erpressung und Bedrohung in vielen Schattierungen fänden im Netz häufiger statt, als es die Zahl der Anzeigen vermuten lasse, sagt Eymann. Künstliche Intelligenz setze dem fast keine Grenzen mehr: „Es genügt ein Porträtfoto, um daraus ein Sexvideo zu erstellen.“ Überwacht werde mithilfe von Apps bis hin zum Tracker im Schulranzen der Kinder, sogenannte Stalker-Ware, um damit gezielt eine andere Person im Blick zu behalten.
Es gehe um Macht und Kontrolle des Mannes über die Frau, die sich sogar im Missbrauch eines Smart Homes zeigen würde: Ein Partner, der aus dem gemeinsamen Haushalt ausgezogen sei, behalte die Steuerung und könne so die Rollläden zu jeder Tageszeit herunterlassen, die Lichter an- und ausschalten, den Kühlschrank abtauen und die Heizung abdrehen.
Die vielen Geräte erweitern die Möglichkeiten der Täter
Die Vielfalt der technischen Geräte erweitert die Möglichkeiten der Täter. Eymann belässt es nicht bei Appellen, sie möchte Frauen nachdrücklich vermitteln, dass sie die Verantwortung für ihre elektronischen Geräte selbst übernehmen müssen. „Handys selbst einrichten und am besten nicht aus der Hand geben, keine leicht zu erratenden Passwörter aussuchen und eine doppelte Authentifizierung wählen, damit man per Mail informiert wird, wenn ein Anmeldeversuch auf den eigenen Account getätigt wird.“ Eymann findet immer neue Bilder, um die Verantwortung jeder Frau zu beschreiben: „Ich kaufe doch auch kein Haus, und verschenke dann überall die Schlüssel dafür.“
Durch ihre Arbeit weiß die Beraterin auch um die Gefahren von Familienaccounts. Die sind im Alltag zwar oft praktisch und günstiger, blieben im Fall einer Trennung der Partner aber oft zunächst unbeachtet. Doch darüber könnten Standorte und Zahlungen verfolgt werden, Inhalte etwa aus der gemeinsamen Cloud kopiert und gelöscht werden. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, fügt sie hinzu.
Auch beim Frauennotruf Frankfurt ist man mit Fällen digitaler Gewalt vertraut. Meist sind die Täter Männer, die den Frauen bekannt sind. Manchmal sind es auch Unbekannte, die Frauen im Netz belästigen, verleumden, erpressen, unter Druck setzen. Die Folgen davon wirken lange nach, sie können sich in einem generellen Vertrauensverlust zeigen. Wenn eine Frau das Gefühl habe, alle redeten im Netz über sie, und Intimitäten würden ausgebreitet, ohne dass sie wisse, wer der Urheber sei, das sei zutiefst verunsichernd, sagt Julia Jawtusch, die beim Frauennotruf Betroffene berät.
Den Rückzug einer Frau, die im Netz bloßgestellt wird, aus ihrem sozialen Umfeld oder der digitalen Welt, möchte Jawtusch nach Möglichkeit verhindern. Ein rasches Handeln sei wichtig, um sich gegen Verleumdungen oder Fake-Profile zur Wehr zu setzen. Das sei zwar, auch mit Hilfe einer Beratung, mühsam und mit Arbeit verbunden, aber unverzichtbar, um wieder die Oberhand zu gewinnen.
Für Jawtusch ist jedoch wichtig, dass in einer Beratung nicht nur über eine Anzeige oder möglichen juristischen Beistand gesprochen werde. „Es geht auch darum, Verständnis für die Lage der Frau zu zeigen. Dass wir verstehen, wie gravierend das Erlebte für die Betroffene ist.“ Denn die Auswirkungen können teils noch schwerwiegender sein als im Falle von physischer Gewalt: Weil etwa Bilder und Videos irgendwo in den Weiten des Internets weiterhin existieren, bedeute das einen ganz anderen zeitlichen Rahmen des Übergriffs. Und weil die Zahl der Personen, die diese Inhalte sehen, unkontrollierbar hoch ist.
Bei der Beratung wird den Opfern die Scham genommen
Oft sei in Gesprächen auch von Scham die Rede. Weil erniedrigende Bilder und Videos von Fremden im Netz gesehen sowie gefälschte Chats verschickt worden seien. Aber, hebt Jawtusch hervor, die Scham gehöre nur auf die Seite der Täter, nicht auf die der Betroffenen. Ein großer Teil der Beratung sei in Fällen von digitaler Gewalt eben auch psychosoziale Begleitung.
Daneben gehe es um konkrete Handlungsschritte, um die Zusammenarbeit mit Rechtsanwältinnen oder der Polizei, immer mit Blick auf den individuellen Fall und dem, was eine Betroffene selbst wolle. In Fällen, in denen sich Frauen keine anwaltliche Unterstützung leisten könnten, sie aber dringend benötigten, gebe es auch Möglichkeiten zu helfen. „Niemand muss vor der finanziellen Belastung Angst haben“, sagt Jawtusch.
Beratungsstellen in Frankfurt:
Beratungsstelle Frauennotruf, Kasseler Straße 1a, Telefon 069/709494,
beratung@frauennotruf-frankfurt.de
Frauen-Softwarehaus, Hungener Straße 6, Telefon 069/7411404,
kontakt@fswh.de
Frauen helfen Frauen, Telefon 069/219361405
FEM Mädchenhaus, Telefon 069/511079, dort wird speziell für Mädchen auch eine Onlineberatung angeboten unter fem-onlineberatung.de
