Am Mittwochmorgen strömen Menschen in die Sankt-Andreas-Kirche am Soborna-Platz im Zentrum von Lemberg (Lwiw). Sie müssen dabei unter Resten der rot-weißen Absperrbänder hindurch, die noch zwischen Laternenmasten flattern. Der Platz selbst ist am Morgen wieder freigegeben, doch die Spuren des Geschehens vom Dienstagnachmittag sind überall sichtbar.
Vor dem ausgebrannten Wohnhaus, das direkt gegenüber der Kirche liegt, ist das Pflaster schwarz von Asche und Brandresten. Die Fenster der Läden und Restaurants sowie einiger Wohnungen in den Häusern rings um den Platz sind mit Spanplatten verschlossen. Stadtmitarbeiter kehren die restlichen Scherben auf, von denen die Bürgersteige nach dem Angriff übersät waren.
Am Dienstagnachmittag, kurz nach 16 Uhr, war eine russische Shahed-Drohne direkt in das drei Stockwerke hohe Wohnhaus eingeschlagen. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie die Drohne mit ihrem sägenden Zweitaktmotorengeräusch knapp über den Dächern heranrast und dann mit voller Wucht in das historische Gebäude einschlägt, das zu einem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Klosterensemble gehört.
Das Haus geht sofort in Flammen auf. Dachbleche und Holzstücke des Dachstuhls werden zum Teil hunderte Meter weit geschleudert. Die Druckwelle zerschmettert Fensterscheiben ringsum, Trümmerteile beschädigen zahlreiche Autos.
Trümmerteile fliegen durch die Luft
Manche bleiben auf den Straßenbahnschienen liegen. Das eben noch so geschäftige Treiben auf dem Platz hält im wahrsten Sinne des Wortes an. Einige Menschen werden durch Glassplitter verletzt, doch wie durch ein Wunder gibt es keine Toten. Der Platz ist ein Hauptumsteigepunkt in Lemberg, hier kreuzen sich mehrere Bus- und Straßenbahnlinien. Der Angriff ereignet sich genau zur Hauptverkehrszeit am Nachmittag.
Kurz zuvor hat es Luftalarm gegeben, die Sirenen heulten und zusätzlich ertönte im Zentrum eine Stimme aus Lautsprechern, die auf Ukrainisch und Englisch dazu aufforderte, Schutzräume aufzusuchen. Nach mehr als vier Jahren russischer Luftangriffe auf die Ukraine jedoch schenken viele Menschen den Warnungen meist kaum noch Beachtung. Zwar ist die Westukraine deutlich weniger von Angriffen betroffen als der Rest des Landes, doch verschont bleibt sie nicht.

Im historischen Zentrum der 700.000-Einwohnerstadt, die zwei Weltkriege nahezu unbeschadet überstanden hat, sind zahlreiche Denkmäler vorsorglich eingehaust, viele Kirchen haben ihre wertvollen Bleiglasfenster mit Splitterschutzplatten abgedeckt. Unmittelbar nach dem Einschlag und der weit hörbaren Explosion eilen viele Menschen in Unterführungen und Hauseingänge. Sie gucken auf ihre Handys, wo Blogger auf ihren Kanälen im Messengerdienst Telegram berichten, was und wie viel noch im Anflug auf die Stadt ist. „Vier Shaheds in Richtung Lemberg Zentrum“, haben sie zuvor geschrieben. Drei davon konnte die Flugabwehr offenbar abfangen, doch eine kam durch.
Ladenbesitzer stehen vor zersplitterten Schaufenstern
Als die Luft rein zu sein scheint, laufen immer mehr Menschen zum Tatort. Das Haus brennt lichterloh. Die Menschen filmen mit ihren Handys, andere schauen mit versteinerten Gesichtern in die Flammen, die sich schnell durch den Dachstuhl fressen. Teile davon fallen herab, das Feuer droht auf den Klosterturm und auf die angrenzende Sankt-Andreas-Kirche überzugreifen, die wie die gesamte Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Zwanzig Minuten später erreicht die Feuerwehr den Platz. Mit zunächst nur einem Schlauch hält sie in die Flammen. Kurz darauf kommen weitere Löschwagen hinzu, doch die Hydranten sind weit entfernt, weshalb lange Schlauchlinien ausgelegt und verbunden werden müssen.

Unterdessen beginnen Passanten damit, die über den Platz und auf Straßen verteilten und verbogenen Dachbleche und Trümmerstücke einzusammeln. Krankenwagen treffen ein, Sanitäter kümmern sich um Verletzte. Einige Menschen schimpfen auf die, die fotografieren und filmen. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm weint, Ladenbesitzer stehen fassungslos vor ihren zersplitterten Schaufenstern. In einem Modegeschäft haben Glassplitter die Auslage zerfetzt. Die Polizei versucht, die inzwischen riesige Menschenmenge zurückzudrängen. Niemand protestiert, alle folgen den Anweisungen. Erst später am Tag wird klar, dass der Angriff auf Lemberg Teil eines russischen Großangriffs war. Fast tausend Drohnen hat der Aggressor zwischen Montagnacht und Dienstagabend gegen die Ukraine gestartet.
Moskau ändert ständig seine Taktik
Der ukrainische Generalstab spricht von einem der größten Luftangriffe seit Beginn der Vollinvasion vor mehr als vier Jahren. Dazu zählt er eine eher seltene Tageswelle, bei der Moskau 556 sogenannte Kamikaze-Drohnen gegen die zentralen und westlichen Teile der Ukraine lenkte. Lemberg ist eine der von dieser Welle am schwersten getroffenen Städte; auch in den Außenbezirken schlagen Drohnen ein. Am Mittwochmorgen berichtet der Gouverneur des Gebiets Lwiw, Maxim Kosytskyj, von 32 Personen, die durch die Angriffe verletzt wurden.
Auch bestätigt er die Beschädigung des historischen Klosters. Darüber hinaus schlugen Drohnen in der ebenfalls im Westen gelegenen Gebietshauptstadt Iwano-Frankiwsk ein, wobei der dortigen Gouverneurin zufolge zwei Menschen ums Leben kamen und vier verletzt wurden. Zudem seien zehn Wohnhäuser und eine Geburtsklinik beschädigt worden.
Auch aus zahlreichen weiteren Städten werden Explosionen gemeldet. Die Angriffswelle sei offenbar der Versuch Russlands, Lücken in der ukrainischen Luftabwehr zu finden, sagt ein Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums dem Portal „Kyiv Independent“. Moskau ändere ständig seine Taktik für massive Angriffe und versuche derzeit, mit über den Tag verteilten Attacken Schwachstellen zu identifizieren. Letztere gibt es, wie die Einschläge zeigen, doch schaut man auf das Gesamtbild, erreichten lediglich 15 von 556 Drohnen ihre Ziele, also knapp drei Prozent. Doch auch das ist verheerend genug, zumal sich solche Angriffe beinahe täglich ereignen.
Ukrainische Flugabwehr am Limit
Die ohnehin löchrige ukrainische Flugabwehr operiert am Limit. „Iranische Shaheds, von Russland verbessert, griffen eine Kirche in Lemberg an“, schreibt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf X. „Das ist absolut pervers, und nur jemand wie Putin kann daran Gefallen finden.“ Das Ausmaß der Angriffe vom Dienstag verdeutliche, dass Putin keinerlei Absicht habe, diesen Krieg zu beenden. Im Gegenteil, mit seiner Unterstützung für Iran mache Moskau deutlich, keinerlei Interesse zu haben, vom Krieg abzurücken und irgendwie Frieden zu schließen. „Derzeit fehlt eindeutig Druck“, erklärte Selenskyj, der immer wieder die internationale Gemeinschaft bittet, Moskau nicht so leicht davonkommen zu lassen.

Stattdessen werde Moskau nun auch noch durch die Lockerung der Sanktionen ermutigt, seine Aggressivität zu steigern: Allein in diesen Wochen werde das Land durch die Lockerung der Sanktionen mindestens zwei Milliarden Dollar einnehmen, rechnet Selenskyj vor. „Das ist gefährlich für alle.“ In Lemberg wünschen sich Menschen am Mittwochmorgen, so etwas nicht noch einmal erleben zu müssen. „Es war wie bei einem Terroranschlag“, berichtet ein Anwohner. „So etwas hat es hier im Zentrum noch nie gegeben.“
Allerdings wisse er auch, dass es jederzeit wieder passieren kann. In der um 7 Uhr rappelvollen Sankt-Andreas-Kirche beten die Menschen – für die Toten und Verwundeten und für ein baldiges Ende des Krieges. „Putin wird seine gerechte Strafe bekommen“, sagt eine Frau einem Fernsehteam, das Besucher auf dem Weg in die Kirche zu dem Angriff vom Vortag befragt. Schräg über den Kirchhof steht die ausgebrannte Ruine. An den Balkonresten hängt noch Wäsche auf der Leine, die Bewohner haben Interimsunterkünfte bekommen.
Draußen auf dem Platz hat der morgendliche Berufsverkehr begonnen. Die Menschen wechseln Straßenbahn- und Buslinien, holen sich an einem Kiosk Kaffee und Brötchen. Und auch der Blumenmarkt hat wieder geöffnet. Die Händler legen ihre Ware auf dem Platz aus. Eine Frau bietet aus zwei großen Einkaufstaschen gelb leuchtende Narzissensträuße feil. Sie wirken wie eine Allegorie auf das Leben.
