
Aaron Hinze weiß, wie beschwerlich der Weg in den Arztberuf sein kann: Numerus clausus, Studium, Krankenhausalltag. Deshalb setzt er sich in der Fachschaft dafür ein, dass es für ihn und seine Kommilitonen leichter wird. Ehe Hinze sein Medizinstudium aufnehmen konnte, hat er eine Ausbildung zum Pfleger absolviert und einige Jahre im Krankenhaus gearbeitet.
Jetzt ist er 31 Jahre alt und studiert im 10. Semester an der Universität Gießen. Zwei Jahre Vorklinik mit Physikum, weitere drei Jahre Klinik mit Staatsexamen – das alles hat Hinze hinter sich. Im Mai beginnt sein Praktisches Jahr (PJ), das mit dem dritten Staatsexamen abschließt.
Dieser letzte Abschnitt des Studiums bereitet auf den Beruf vor. Jedenfalls soll er das. Hinze ist bestens vernetzt mit anderen hessischen Fachschaftern. In Gießen und Marburg gibt es mehr als 2000 Humanmedizin-Studenten, in Frankfurt sind es doppelt so viele. Sie protestieren seit rund drei Jahren für bessere Arbeitsbedingungen im PJ. Anders als fertig ausgebildete Mediziner unterstützt sie keine starke Lobby, deshalb haben sie kürzlich offene Briefe an Abgeordnete verfasst.
„Man hält einen Haken und lernt eigentlich gar nichts“
Kritisiert wird vor allem die Struktur der Ausbildung. „Wir haben zwar ein Logbuch, in dem steht, was wir lernen sollen, aber es ist nicht verpflichtend, das zu führen.“ Am Ende kontrolliere niemand, was gelernt worden sei, moniert Hinze. Ihnen fehle oft ein fester Ansprechpartner oder eine Aufsicht. Die Studenten würden mehr als Arbeitskräfte gebraucht.
Aber auch die täglichen Aufgaben deckten die Lehrinhalte kaum ab: Diagnosen stellen, Blut abnehmen, Verbandswechsel, EKG schreiben, Anamnese-Gespräche, Dokumentationen am Computer. Besonders frustrierend sei die Assistenz in der Chirurgie, sagt Hinze. „Man selbst steht nur daneben, hält einen Haken für mehrere Stunden in die Wundhöhle und lernt dabei eigentlich gar nichts.“
Das zuständige Studiendekanat in Gießen ließ Nachfragen dazu unbeantwortet, ebenso wie das der Frankfurter Universität. Die Universität Marburg bestätigte das beschriebene Aufgabenfeld, darunter das Hakenhalten, als Teil des PJ. Das „eigenständige Operieren“ sei zum Schutz der Patienten den Ärzten vorbehalten, teilte eine Sprecherin mit.
„Breites Ausbildungsangebot“
PJ-Studenten könnten auf ein breit gefächertes Ausbildungsangebot zurückgreifen: Seminare, Unterrichtsangebote außerhalb des Lehrplans und Ausbildungsstationen am Uniklinikum etwa. Es werde von den Studenten „hervorragend evaluiert und nachgefragt“. Außerdem werde jedem Studenten ein ärztlicher Mentor zur Seite gestellt.
Dass dies im stressigen Alltag immer so funktioniert, stellen Studenten infrage. Abgesehen von den für sie oft frustrierenden Aufgaben in einer Woche mit mehr als 40 Arbeitsstunden sowie Nacht- und Wochenendschichten bleibe wenig Zeit zum Lernen. Zum Schluss werde es besonders eng: „Wir haben nach dem PJ gerade einmal mal fünf Tage zur Vorbereitung auf das dritte Staatsexamen.“
Dazu kämen unzureichende Rahmenbedingungen. Etwa dass insgesamt nur 30 Abwesenheitstage erlaubt seien. Darunter werden sowohl Krankheits- als auch Urlaubstage subsumiert. Sobald man durch Krankheit ausfällt, verkürzt sich der Urlaub. Hinze hält das in einem Umfeld, das Menschen heilen soll, für absurd. „Zur Not ist man dann krank auf der Arbeit – im Krankenhaus.“
Finanzielle Situation für viele unzumutbar
Ein weiterer Kritikpunkt: die Aufwandsentschädigung. „450 Euro im Monat für eine 40-Stunden-Woche – das ist schon krass“, findet Hinze. Am Uniklinikum Marburg und den Lehrkrankenhäusern der Uni variiere die Entschädigung zwischen 300 Euro und dem Bafög-Höchstsatz, so die Sprecherin. Sie wird von den Ausbildungsstätten freiwillig geleistet. An manchen Standorten gibt es gar kein Geld. Das zwinge in finanzielle Abhängigkeit, monieren die Studenten.
Hinze möchte deshalb die zweite Hälfte seines PJs in Österreich absolvieren, andere Kommilitonen gingen in die Schweiz. Da bekomme er doppelt so viel Vergütung, knapp 900 Euro, sagt er. Die Gefahr: „Manche wollen dann dortbleiben.“ Dadurch würden Krankenhäusern in Deutschland dringend benötigte Arbeitskräfte fehlen, was die ohnehin schon angespannte Situation im Gesundheitswesen zusätzlich verschärfe.
Hinzes Kritik an den Strukturen des PJ deckt sich mit den Ergebnissen des „PJ-Barometer 2025“, einer Umfrage des Ärzteverbands Marburger Bund. Demnach denkt ein Drittel der befragten 1800 PJler aus ganz Deutschland wegen der beschriebenen Defizite und Erfahrungen darüber nach, aus der kurativen Medizin auszusteigen und sich beruflich neu zu orientieren.
Zwei Ministerien für ein Problem
Die Politik hielt es offenbar nicht für nötig, schnell etwas gegen die Missstände zu unternehmen. Schon im September 2024 haben CDU, SPD, Grüne und FDP im Hessischen Landtag einen dringlichen Antrag beschlossen, der Verbesserungen für Mediziner im PJ vorsieht: Mehr Studientage und Mentoring, eine am Bafög-Höchstsatz orientierte Aufwandsentschädigung, die Trennung von Kranken- und Fehltagen, ein Mindestabstand von vier Wochen zwischen dem Ende des PJ und drittem Staatsexamen. Bisher blieb der Beschluss folgenlos.
Was Reformen erschwert, ist das Pingpong der Zuständigkeiten: Für das PJ sind formal gleich zwei hessische Ministerien verantwortlich – jenes für Wissenschaft und jenes für Gesundheit.
Das Wissenschaftsministerium befürworte eine „Weiterentwicklung der Ausbildung im Praktischen Jahr“, wie eine Sprecherin mitteilte. Was gelehrt werde, hätten die jeweiligen Ausbildungsstätten im Rahmen der Approbationsordnung festzulegen. Ebenso wie die Aufwandsentschädigung, die von den Ausbildungsstätten auf eigene Kosten und freiwillig geleistet werde. Die Vergütung solle bundeseinheitlich geregelt werden, fordert das Ministerium.
Fehlzeiten-Regelung soll gerechter werden
Was den Abstand zwischen dem Ende des PJ und dem Staatsexamen angeht, verweist auch das hessische Gesundheitsministerium weiter an das Bundesgesundheitsministerium. Die Ausgestaltung der Fehltage hält es in der Praxis für „hinreichend flexibel umsetzbar“.
Die Fachschaften der hessischen Medizin-Fakultäten kritisierten vor einem Monat in einem offenen Brief an das Ministerium jedoch, dass ihnen für die Fehltage eine Handlungsrichtlinie fehle. Die müsse garantieren, dass PJlern Studienleistungen nicht aberkannt würden, sollten sie mehr als 30 Tage wegen Krankheit ausfallen.
Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums teilte der F.A.Z. mit, dass im Koalitionsvertrag vereinbart worden sei, eine „gerechte und einheitliche Fehlzeitenregelung im PJ schaffen zu wollen“. Das Bundesministerium prüfe derzeit, wie sich das verwirklichen lasse. Im Zuge der Reform soll auch die PJ-Vergütung modernisiert werden, die mindestens dem Bafög-Satz entspricht.
„Steigende Patientenzahlen, weniger Ärzte“
Wie flexibel Länder den Punkt „Prüfung“ in der Approbationsordnung gestalten, ist ganz unterschiedlich. Sachsen-Anhalt etwa habe den Spielraum genutzt und den Fakultäten einen größeren Mindestabstand empfohlen, heißt es im offenen Brief der Fachschaften. „Die haben einen noch größeren Ärztemangel und erkannt, dass sie etwas machen müssen, um Ärzte in ihrer Region zu halten, schon im Studium“, sagt Hinze.
Die Arbeitsbedingungen im Praktischen Jahr werden schon lange beklagt, seither gab es immer wieder Anpassungen. Dass die heutige Generation von Medizinstudenten zu empfindlich sei, das würden ihnen nur Ärzte der ganz alten Schule vorhalten, sagt Hinze. Die Vorgängergeneration unterstütze sie hingegen. Schließlich sei die Situation in den vergangenen 20 Jahren schlimmer geworden, es finde sich weniger Nachwuchs, obwohl die Patientenzahlen stiegen.
Aaron Hinze gehört nicht zu jenen Studenten, die erwägen, auf den Arztberuf zu verzichten. Nach dem PJ würde er gern weiter im Krankenhaus arbeiten und Facharzt für operative Gynäkologie werden. Er hat schon zu viele Hürden gemeistert, als dass er jetzt aufgeben will. Und er hofft, dass es auch angehenden Ärzten bald möglich sein wird, sich bei Fieber krankzumelden, ohne deswegen auf Urlaubstage verzichten zu müssen.
