
Frauen müssen in Sagunt am Straßenrand stehen bleiben. In der spanischen Stadt am Mittelmeer dürfen sie auch dieses Jahr bei der großen Prozession in der Karwoche nicht mitmarschieren: Eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht, könne man nicht einfach beenden, beschlossen die Mitglieder der Bruderschaft „Purísima Sangre de Nuestro Señor Jesucristo“ (Reinstes Blut unseres Herrn Jesus Christus).
Der Männerbund wurde 1492 gegründet und organisiert seit 525 Jahren die feierlichen Umzüge. Zum dritten Mal stimmte innerhalb weniger Jahre eine große Mehrheit der Brüder gegen eine Teilnahme von Frauen und beschwor kurz vor der Semana Santa einen politischen Konflikt herauf.
„Die Semana Santa muss gleichberechtigt sein“, fordert die sozialistische Gleichstellungsministerin Ana Redondo: Die Bruderschaften stünden nicht über der Verfassung. Das Tourismusministerium droht mit Konsequenzen. Die Regierung will den Feierlichkeiten in der Stadt die Auszeichnung als „Fest von nationalem touristischen Interesse“ entziehen. Mit diesem Titel werben Städte um Touristen.
Frauen könnten ja eine eigene Vereinigung gründen
„Wir Frauen haben es satt, nur Zuschauerinnen zu sein. Es ist, als würde man gegen eine Wand rennen“, sagte eine Sprecherin der „Asamblea Semana Santa Inclusiva“. Die Organisation kämpft seit Jahren vergeblich für gleiche Prozessionsrechte für Frauen. Den Vorschlag, in den Statuten den Begriff „varones“ (Männer) durch das geschlechtsneutrale „personas“ zu ersetzen, lehnten jedoch 267 Brüder ab. Frauen könnten ja eine eigene Vereinigung gründen, regten einige an.
„Um die Karwoche hat sich eine besondere Atmosphäre entwickelt, aber ich halte sie nicht für sexistisch“, sagte Gonzalo Escrig der Zeitung „El País“. Der 23 Jahre alte Spanier leitet als „Clavario“ das Organisationskomitee von Sagunt. Viele Menschen erlebten die Osterzeit sehr intensiv, nach vielen Jahrzehnten würde es ihnen „sehr schwerfallen, sie anders zu feiern“. Man müsse ihnen Respekt zollen, verlangt Escrig und verweist auf einen weiteren Grund. Die Warteliste für einen Beitritt in seine Bruderschaft sei schon heute sehr lang. Sie würde sich durch Frauen weiter verlängern, was bei der Ablehnung des jüngsten Antrags eine wichtige Rolle gespielt habe.
In Sagunt dürfen Frauen die prächtigen Gewänder nähen, die Kirche putzen und die Prozession vorbereiten, bei der sie dann nicht mitlaufen dürfen, wie das in anderen spanischen Traditionsorten längst selbstverständlich ist. In Sevilla schrieb schon vor Jahrzehnten das Erzbistum allen Bruderschaften vor, Frauen als „Nazarenas“ unter gleichen Bedingungen teilnehmen zu lassen. Zuvor waren einige Frauen inkognito mitgelaufen.
Verfassungsgericht hat Ausschluss als Diskriminierung eingestuft
Das Erzbistum Valencia, zu dem Sagunt gehört, will sich bisher nicht zu dem Konflikt äußern, zu dem es in Spanien schon an anderen Orten kam. Ein Rechtsstreit über diese Grundsatzfrage führte in Spanien bereits vor das Verfassungsgericht und liegt jetzt dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vor. Das spanische Verfassungsgericht hatte Ende 2024 den Ausschluss als Geschlechterdiskriminierung eingestuft.
Auf Teneriffa wurde Teresita Laborda abgewiesen, als sie um Aufnahme in die „Päpstliche, Königliche und Ehrwürdige Bruderschaft des Heiligen Christus von La Laguna“ gebeten hatte. Laut ihren Statuten definiert sich die Bruderschaft als eine Vereinigung von „Herren“. In einem jahrelangen Rechtsstreit war diese Vorgabe zunächst für ungültig erklärt worden. Dann entschied jedoch der Oberste Gerichtshof, dass die Bruderschaft keine dominierende Stellung im Wirtschafts-, Berufs- oder Arbeitsleben habe. Deshalb könne der Klägerin auch kein Schaden entstehen: Sie könne ja eine neue religiöse Vereinigung gründen, die ihren Zielen entspreche.
Das Verfassungsgericht ist jedoch der Ansicht, dass Geschlechterdiskriminierung nicht durch die Religions- und Vereinigungsfreiheit einer vor Ort dominierenden Organisation gerechtfertigt werden könne. Die Bruderschaft wandte sich daraufhin an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der den Fall zur Entscheidung annahm. Sie argumentiert damit, dass das Verfassungsgericht das Neutralitätsgebot in Religionsfragen missachtet habe. Wann das Urteil kommt, ist jedoch unklar. In Spanien beginnen nun in wenigen Tagen die Prozessionen, zu denen auch dieses Jahr Millionen Menschen kommen werden. Auch in Sagunt werden es jedes Jahr mehr.
