
Was den Streit zwischen Familie Ö. und Familie E. ausgelöst hat, kann sie nicht wirklich beantworten. „Meine Familie hat damit überhaupt nichts zu tun“, sagt Ayten E. Ihre Mutter habe einmal behauptet, es sei um Ländereien gegangen, später habe sie aber erzählt, der wahre Grund seien Drogengeschäfte. Fest steht jedoch, dass drei Männern ihr Leben deswegen genommen wurde.
Einer von ihnen ist Abdulkadir E., ihr Bruder. Seine Tötung ist auch der Grund, warum die Frau am Dienstag auf dem Zeugenstuhl des Frankfurter Landgerichts Platz nimmt. Abdulkadir E. wurde im August 2024 im Hauptbahnhof Frankfurt von hinten in den Kopf geschossen. Acht Männer müssen sich für diese Tat derzeit vor dem Landgericht verantworten.
Die anderen beiden getöteten Männer sind zum einen Aytens und Abdulkadirs Vater. Er wurde 2016 in der Türkei ermordet – wohl von Angehörigen der Familie Ö. Zum anderen wurde ein Familienmitglied der Familie Ö. im Jahr 2024 ermordet. Die Tat soll Tahsin E. begangen haben. Ob es sich dabei um Rache für die Tat von 2016 handelte oder etwas anderes der Auslöser war, ist laut der Zeugin unklar. „Jeder hat irgendetwas erzählt. Letztlich wissen wir auch nicht, warum er ermordet wurde nach acht Jahren.“
Man tötet den „Schwächsten“
Das Leben zerstört hat diese Fehde aber von weitaus mehr Menschen. Das machen die Schilderungen der 27 Jahre alten Frau am Dienstag deutlich. „Wir haben Todesangst, wir haben kein normales Leben mehr“, sagt sie. Sie habe ihr Kind monatelang nicht auf den Spielplatz bringen können, aus Angst vor der Familie Ö. Ihre Schwestern könnten deswegen nicht mehr zur Arbeit gehen. „Wir haben quasi Hausarrest.“ Auch seien sie und viele ihrer Angehörigen aufgrund der Blutfehde in Therapie.
Was die Angst noch verstärkt: Es kann in dieser Fehde wohl jeden treffen. Ein langjähriger Freund des Getöteten sagte am vergangenen Donnerstag aus, man töte nicht den Schuldigen, sondern den „Schwächsten“. Meist sei das der Älteste in der Familie. Auch Abdulkadir soll von den Angeklagten ausgewählt worden sein, weil sie seinen Standort am einfachsten herausfinden konnten.
V-Person soll Tipp an Ermittler gegeben haben
Die Frage, die die Familie E. umzutreiben scheint, ist: Wer hat Abdulkadir E.s Aufenthaltsort verraten? Der damals Siebenundzwanzigjährige war erst wenige Tage zuvor aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Der Zeuge sagte, dass die Familie ihn verdächtige, da Abdulkadir E. an dem Tattag auf dem Weg zu ihm gewesen sei. Verschiedene Mitglieder der Familie E. riefen ihn ständig an und bedrohten ihn, sagt der Dreiunddreißigjährige.
Einen „Verräter“ soll es dabei laut der Anklage gar nicht gegeben haben. Die Ermittlungen haben eher ergeben, dass Abdulkadir E. seinen Standort vermutlich selbst veröffentlicht hat – durch Livestreams auf Tiktok, auf denen die Endstation seines Zuges zu erkennen war. Nach Angaben des Vorsitzenden Richters wurde der mögliche Verrat auch von den Beamten untersucht, es wurden jedoch keine Anhaltspunkte dafür gefunden.
Dafür soll aber der Tipp einer V-Person bei den Ermittlungsbehörden die mutmaßliche Beteiligung einiger Angeklagter und das mögliche Motiv der Blutrache ins Spiel gebracht haben. Der Leiter der Mordkommission sagte dies in dem Prozess. Wer diese V-Person ist, ist jedoch unbekannt.
Abdulkadir E.s langjähriger Freund sagte auch, dass er nicht an Blutrache gedacht habe, als er vom Tod seines Freundes erfahren habe. „Wir sind ja in Deutschland und nicht in der Türkei.“ Dass so etwas hier vorkomme, habe er noch nie gesehen.
Wie kann so etwas beendet werden? Diese Frage stellt der Vorsitzende Richter während der Zeugenvernehmung. Dass der Prozess dazu führen wird, dass die Tat als gerächt angesehen wird, ist wohl eher unwahrscheinlich, nach all dem, was der Zeuge sagt. Um eine Familienfehde zu beenden, müssten sich beide Parteien aussöhnen, so Abdulkadir E.s Freund. Ob solch eine Aussöhnung stattfindet, entscheiden ihm zufolge die Ältesten der Familie. Ein Gerichtsprozess ändere nichts an dem Streit und der Tradition, Blut mit Blut zu rächen.
