
Seit dem Frontalangriff der amerikanischen Regierung auf die Wissenschaft blickt man erwartungsvoll auf die Zahl amerikanischer Forscher, die es nach Deutschland zieht. Viele sind es bisher nicht. Das im Dezember gestartete Tausend-Köpfe-Programm des Bundesforschungsministeriums hat bislang 26 Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gelockt. Aussagekräftige Zahlen werden erst nach Abschluss weiterer Bewerbungsrunden vorliegen. Von einem Braindrain zu sprechen, wäre zum jetzigen Zeitpunkt hoch gegriffen.
Bei der Max-Planck-Gesellschaft, deren Präsident Patrick Cramer sich zum entschiedensten Fürsprecher transatlantischer Rekrutierungsbemühungen gemacht hat, stagnierte die Zahl amerikanischer Wissenschaftler sogar. Die verdoppelten bis verdreifachten Bewerberzahlen für die hauseigenen Förderprogramme lassen aber für dieses Jahr einen deutlichen Zuwachs erwarten. Immer mehr amerikanische Max-Planck-Forscher, heißt es, bekundeten den Wunsch, in Europa zu bleiben, was früher anders gewesen sei. Gewachsen sei auch die Zahl asiatischer Bewerber, wohl wegen der verschärften Visabestimmungen in den Vereinigten Staaten. Die Max-Planck-Gesellschaft hat auf die wissenschaftsfeindlichen Tendenzen in den Vereinigten Staaten mit einem eigenen Förderprogramm reagiert.
Vergleichbare Bemühungen gibt es in anderen Ländern. Frankreich meldete im Februar die Anwerbung von 46 Wissenschaftlern durch die „Choose France for Science Initiative“. Fast alle kommen aus den Vereinigten Staaten, viele aus der dort stark beschnittenen Klima-, Diversitäts- und Nachhaltigkeitsforschung. Auch der Europäische Forschungsrat meldet ein sprunghaft gestiegenes Interesse amerikanischer Bewerber an Forschungsstipendien. Das im Mai 2025 aufgelegte Programm „Choose Science for Europe“ soll hundert internationale Wissenschaftler nach Europa ziehen.
Gestoppte Sanktionen
Die Gründe für die Zurückhaltung wurden oft benannt: Mit den Gehältern amerikanischer Spitzenuniversitäten kann Europa nicht mithalten, die Umworbenen müssen sich überlegen, ob sie eine feste Stelle gegen ein befristetes Stipendium in Europa eintauschen. Ein weiterer Grund ist hinzugekommen: Der Durchmarsch der amerikanischen Regierung ist vorerst gestoppt. Die Blitzattacken gegen Hochschulen und Wissenschaftsbehörden lösten zunächst Ohnmachtsgefühle aus, gerieten aber bald ins Stocken. Viele Strafmaßnahmen wurden von Gerichten zurückgenommen, weil ihnen die Rechtsgrundlage fehlte. Auch an anderen Fronten erlitt die Regierung Rückschläge. Der Kahlschlag im Forschungsbudget wurde vom Kongress aufgehalten. Der Etat der Klimabehörde EPA wurde nicht wie geplant um zwölf Milliarden, sondern nur um 320 Millionen Dollar beschnitten. Auch den Visa-Entzug für ausländische Studenten hat die Regierung aufgehoben.
Universitäten wie Columbia, Brown oder Northwestern dürften ihre mit Strafgeldern erpressten Deals mit der Regierung, die sie zu weitgehenden Zugeständnissen zwangen, mittlerweile bereuen. Trotzdem ist die Schlacht nicht entschieden. Manche Urteile könnten in höherer Instanz zurückgenommen werden. Das Zollurteil ließ zwar erkennen, dass der republikanisch dominierte Supreme Court den Regierungswillen nicht blind vollstreckt. Der Regierung bleibt aber die Möglichkeit, ihre Strafmaßnahmen im zweiten Anlauf auf rechtssicherem Weg durchzusetzen. Donald Trump scheint sein persönlicher Rachefeldzug gegen die Ivy League zwar nicht mehr so wichtig zu sein, in den Behörden gibt es aber weiter Beamte, die mit der Wissenschaft noch eine Rechnung offen haben.
Es ist auch nicht so, dass die bisherigen Angriffe wirkungslos verpufft wären. Die Nadelstiche gegen Universitäten dauern an. Jüngst verklagte die Regierung die University of Pennsylvania auf die Herausgabe der Mitgliedslisten jüdischer Einrichtungen. Ein Teil der Anti-DEI-Maßnahmen des Bildungsministeriums ist weiter in Kraft, und längst nicht alle Fördergelder werden wieder ausbezahlt. Viele Wissenschaftler mussten ihre Forschungsprojekte einstellen und verloren ihre Stellen, ebenso Tausende Mitarbeiter in der Wissenschaftsadministration. Es fehlt nun an Mitarbeitern, die Anträge bearbeiten. Zu allem Überfluss will die National Science Foundation nun auch noch die Gutachter einsparen. Die Gerichtsurteile zwingen die Behörden auch nicht, Fördergelder künftig in gleicher Höhe zu gewähren, sie betreffen nur den konkreten Entzug. Visabeschränkungen wurden zwar aufgehoben, für das H-1B-Visum fällt aber nun eine Gebühr von 100.000 Dollar an, was den Zuzug von Wissenschaftlern in die Vereinigten Staaten empfindlich bremsen könnte.
Besonders tiefe Lücken hat der blinde Aktionismus der DOGE-Mitarbeiter in die Klimaforschung gerissen. Als der Gletscherforscher Hajo Eicken am Mittwoch aus Alaska kommend die Leitung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) antrat, lagen die Verheerungen der Trump-Politik hinter ihm. Das AWI hat eine Plattform für die Rettung der in den Vereinigten Staaten zerstörten Daten aufgebaut, nachdem sie die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) auf die Risiken hingewiesen hatte, die mit dem Wegfall der Datensätze verbunden sind. Die historischen Datenlücken wird man in Deutschland teilweise schließen können. Anders ist es mit aktuellen Daten, die durch den Ausfall von Messstationen und geschultem Personal nicht mehr erhoben werden, etwa zu den Extremwettervorhersagen.
Das Auffangnetz ist geknüpft. Das Tausend-Köpfe-Programm der Bundesregierung muss sich mit einem Etat von 600 Millionen Euro für die nächsten vier Jahre nicht verstecken. Die laufende Reform des Besserstellungsverbots dürfte Deutschland für amerikanische Wissenschaftler finanziell attraktiver machen. Es ist sicher auch kein Fehler, die Anwerbe-Programme nicht explizit auf amerikanische Wissenschaftler zuzuschreiben. Das Potential an ausländischen Wissenschaftlern, die ihr Ziel von den Vereinigten Staaten nach Europa verlegen, ist groß, die offene Ausschreibung lässt die Möglichkeit zu weiterer Kooperation. Es bleibt die Hoffnung, dass sich das Gewitter über der amerikanischen Wissenschaft nach vier Jahren verzieht.
