Wer noch nie ein Formel-1-Auto aus der Nähe gehört hat, macht einen ganzen schönen Satz, sobald der Motor nur wenige Meter entfernt zu röhren beginnt. Es ist wahnsinnig laut an diesem Wochenende in Zandvoort. Und nass. Etwas entfernt von den Paddocks der großen Teams und ihrer weltberühmten Fahrer geht es wuselig zu. Die jungen Fahrerinnen der Nachwuchsrennserie F1 Academy zeigen Fans und Medien ihre Wagen, beantworten Fragen, machen Selfies.
Seit 2023 gibt es die Rennserie und seit 2024 begleitet sie den großen Bruder, die „richtige“ Formel 1, auf allen Rennen der Saison. Bruder deshalb, weil bei der größten und bekanntesten Rennserie der Welt bekanntermaßen nur Männer fahren. Hier in ihrem Vorhof warten 18 junge Frauen auf ihre Chance, es irgendwann genau dorthin zu schaffen. Aber wie realistisch ist das wirklich?
Der Kopf hinter der F1 Academy ist die ehemalige Rennfahrerin Susie Wolff. Sie war unter anderem Testfahrerin für Williams und schrieb 2014 Geschichte, als sie als erste Frau seit 22 Jahren an einem Formel-1-Rennwochenende teilnahm. Allerdings „nur“ während des Trainings. So weit ist seitdem keine weitere Frau mehr gekommen.
Das soll sich mit der F1 Academy nun ändern. Zwei Saisons lang dürfen sich die jungen Talente beweisen. Im Gegensatz zur Formel 1 unterscheiden sich ihre Wagen leistungstechnisch nicht voneinander, damit alle dieselben Startbedingungen haben. Jedes Formel-1-Team unterstützt auch eine Academy-Fahrerin und sponsort die Lackierung ihres Wagens. Hinzu kommen weitere Sponsoren und Partner, für die die Fahrerinnen als Werbebotschafterinnen agieren. Um ihre Bekanntheit zu steigern, wurde sogar eine Serie für Netflix gedreht, ähnlich wie in der richtigen Formel 1, die es mit ihrer Netflix-Produktion „Formula 1: Drive to Survive“ schaffte, auch bei einer jüngeren Generation einen Hype auszulösen – in einer Zeit, in der das Konzept eigentlich nicht so recht zum Zeitgeist passt.
Auch die Fahrer der Formel 1 haben Werbeverträge. Beim weiblichen Nachwuchs sind das auch Brands, die man typischerweise nicht mit dem Motorsport assoziiert. So fährt eine der Fahrerinnen während der Saison 2025 mit einem Wagen, auf dem ein riesiger Lippenstift der Kosmetikmarke Charlotte Tilbury abgebildet ist. Der Sporthersteller Puma ist dabei sowie die Haarkosmetikmarke Wella oder das Modelabel Tommy Hilfiger. Die Australierin Aiva Anagnostiadis, die an diesem Wochenende in Zandvoort ihre erste Saison in der F1 Academy fährt, wird vom Schweizer Luxusuhrenlabel Tag Heuer unterstützt.

Motorsport ist ein sehr kostspieliges Hobby, und Nachwuchsförderung scheitert nicht selten am Budget. Die Kollaboration mit angesagten Marken ist im Social-Media-Zeitalter gängige Praxis – und im Fall von Juniorserien auch finanziell notwendig. Die Australierin Anagnostiadis ist mit sechs Jahren zum Kartsport gekommen. Auch ihre Mutter war früher Rennen gefahren. Mit zwöf Jahren stellen ihre Eltern sie vor die Wahl: Tanzen oder Rennen fahren? Geld und Zeit reichten nicht für beides. Sie entschied sich für den Motorsport. „Du musst dich zu einhundert Prozent committen“, sagt die heute Achtzehnjährige. An sechs Tagen in der Woche wird trainiert. Sie läuft, macht Krafttraining. In der Rennvorbereitung geht sie morgens ins Gym, fährt mittags Rennen im Simulator und macht abends mit ihrem Coach Mentaltraining. Pause gibt es nur an einem Tag in der Woche.
Welches Körperteil beim Motorsport am meisten unterschätzt wird? „Der Nacken“, sagt Anagnostiadis und lacht. „Bei Frauen auf jeden Fall der gesamte Oberkörper. Ich habe einen Bruder in der Pubertät, der auch Rennen fährt, und wenn ich sehe, wie er im Vergleich zu einer Frau mit Leichtigkeit Stärke im Oberkörper aufbaut, ist das schon krass. Ich muss sehr hart arbeiten, um das ausgleichen zu können.“
„Ohne die F1 Academy hätten viele Fahrerinnen keine Chance“
Motorsport ist Leistungssport. Das weiß auch Carrie Schreiner. Die 24 Jahre alte Saarländerin ist selbst während der ersten beiden Saisons in der F1 Academy gefahren. In Zandvoort holte sie 2023 ihren ersten Sieg. In die Formel 1 hat sie es danach nicht geschafft. Dafür müssen schließlich erst die Serien darunter, also Formel 2 und Formel 3, gewonnen werden. Und selbst dann gibt es keine Garantie. „Da ist bis jetzt noch keine Frau ansatzweise in die Nähe gekommen. Selbst wenn sie mal ein Rennen in den unteren Formelserien gewonnen haben, das reicht ja noch lange nicht“, sagt Schreiner. Sie findet das Format trotzdem wichtig und unterstützt es auch im neuen Jahr als Mentorin. „Ohne die F1 Academy hätten viele Fahrerinnen gar keine Chance auf diese Ausbildung, weil ihnen das Budget fehlt.“ Und noch immer würden zu wenige junge Mädchen und Frauen diesen Weg einschlagen, auch wenn immer mehr Fahrerinnen in die Serien drängten. „Es gibt auch viele coole Serien, die zwar nicht die Formel 1, aber auch spannend sind“, betont Schreiner. Sie selbst wird in diesem Jahr im Hauptjob bei der europäischen GT World Challenge in einem Audi R8 LMS GT3 sitzen und unter anderem das 24-Stunden-Rennen von Spa fahren.
Um sich auf die anstrengenden Rennen vorzubereiten, läuft sie, fährt Rad, macht Krafttraining und Yoga. „Je bunter, desto besser.“ Den Simulator hat sie zu Hause: „Gerade auf Strecken, die man nur selten oder sogar noch gar nicht gefahren ist, ist das wahnsinnig wichtig.“ Als Schreiner mit dem Rennsport anfing, waren es vor allem die körperlichen Herausforderungen, die ihr zu schaffen machten. Heute seien es eher die mentalen: Neid und Missgunst innerhalb der Szene, aber auch der Stress durch viele Reisen, oder mit Niederlagen umzugehen. „Ich habe so oft daran gedacht, hinzuschmeißen. Aber ich wollte immer besser werden. Wollte allen zeigen, dass ich es eben doch schaffen kann.“

Ihre F1-Academy-Kollegin Aiva Anagnostiadis hat ihre erste Saison mit einer Platzierung im hinteren Mittelfeld und einer Verletzung am Knöchel beendet und das Finale in Las Vegas verpasst. Den Titel hat stattdessen die 22 Jahre alte Französin Doriane Pin geholt und es damit dann doch in die Formel 1 geschafft – als Entwicklungsfahrerin für Mercedes. In einer Pressemitteilung heißt es dazu: „Als Entwicklungsfahrerin wird sie Teil des Fahreraufgebots sein, das ins Entwicklungsprogramm im Simulator und weitere Aktivitäten in der Fabrik sowie an der Rennstrecke involviert ist.“
Ist das Engagement als Entwicklungsfahrerin nur ein Trostpreis? Ein PR-Stunt und „Pinkwashing“, um sich mit hehren Zielen und Motiven schmücken zu können? Es gibt kritische Stimmen, die der F1 Academy und ihrem Ziel, Frauen in die Formel 1 zu bringen, genau das unterstellen. Die deutsche Rennfahrerin Sophia Floersch zum Beispiel, die 2022 und 2023 in der Formel 3 fuhr. Auf einen Post der ersten F1-Academy-Siegerin Marta Garcia, die nach ihrem Erfolg dort einige Niederlagen einstecken musste, schrieb sie: „Das tut mir so leid für dich, Marta. Sieht aus, als hätten sie dich 2023 für kurzfristiges Marketing genutzt. Die Sichtbarkeit hilft nur der F1, aber nicht den Pilotinnen.“ Nachdem sie die Formel-3-Saison 2024 punktelos beendete, ist es still um sie geworden, zumindest was ihre Karriere im Motorsport betrifft. Auf Instagram hat Floersch über 800.000 Follower, sie produziert Content und verkauft auf ihrer Website Merchandise.
Carrie Schreiner kann die Kritik, die auch aus den eigenen Reihen kommt, nicht nachvollziehen: „Man kann alles schlechtreden. Aber wenn man sich die Erfolge der früheren Gewinnerinnen anschaut, dann ging es für sie alle in guten Rennserien weiter. Klar sind wir von der Formel 1 noch ein ganzes Stückchen entfernt, aber wenn es niemand versucht, wird es auch immer unmöglich bleiben.“
