Es gibt zwei Erzählungen zum Tod von Ali Laridschani, dem Mann, der seit dem ersten Kriegstag an der Spitze des iranischen Regimes stand. Beide skizzieren unterschiedliche Szenarien für ein Ende dieses Krieges.
Die eine Erzählung geht so: Laridschani war ein Pragmatiker. Er war einer, der politische und militärische Strategie zusammenbinden konnte. Einer, der innerhalb des Apparats Konsens herstellen konnte. Ein Mann also, den man am Ende dieses Krieges hätte brauchen können, um einen Waffenstillstand zu schließen und über die Bedingungen eines Friedens zu verhandeln.
Dieser Sicht zufolge gibt es einen Mangel an Leuten wie Laridschani im iranischen Machtapparat. Je weniger es von ihnen gibt, desto mehr übernehmen Militärs das Ruder und desto radikaler wird das Regime. Das war demnach wohl auch der Grund, warum die USA und Israel Laridschani vor sechs Monaten noch als ihren bevorzugten Übergangskandidaten betrachteten, wie der Sender CNN berichtet. Dann überlegten sie es sich anders. Er wurde gemeinsam mit seinem Sohn und mehreren Personenschützern getötet.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die andere Erzählung geht so: Laridschani war ein Mörder. Er hat das gewaltsame Vorgehen des Sicherheitsapparats gegen Tausende unbewaffnete Demonstranten im Januar koordiniert. Demnach war es kein Zufall, dass Israel innerhalb weniger Stunden gleich drei führende Funktionäre getötet hat, die einen Anteil an dem Blutbad hatten. Neben Laridschani waren das der Kommandeur der Basidsch-Miliz, Gholamreza Soleimani, und der Geheimdienstminister Esmail Khatib.
„Bruder, ich schwöre beim Koran: Ich bin nicht euer Feind“
Israel war es wichtig, zu betonen, dass Soleimani in einem Zelt getötet worden sei, weil das Hauptquartier der Basidsch und unzählige ihrer Stützpunkte zerstört sind. Angeblich kam der Hinweis auf seinen Aufenthaltsort von „ganz normalen Iranern“. Das kann man glauben oder nicht. Hier wird jedenfalls das Bild eines Terrorregimes gezeichnet, das systematisch zerrieben wird, bis es irgendwann kollabiert. Die Frage ist, wann dieser Kipppunkt erreicht ist.
Um dieser Sichtweise Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat der israelische Geheimdienst Mossad dem „Wall Street Journal“ Zugang zu einem bemerkenswerten Telefonmitschnitt gewährt. Ein Mossad-Agent droht darin einem Polizeikommandeur auf Persisch: „Wir wissen alles über dich. Du stehst auf unserer schwarzen Liste.“
Und weiter: „Ich rufe an, um dich im Voraus zu warnen, dass du auf der Seite deines Volkes stehen solltest. Wenn du das nicht tust, wird dich das gleiche Schicksal ereilen wie das deines Führers.“ Im Voraus heißt: vor dem Volksaufstand, zu dem Israel die Iraner aufgefordert hat. Der Polizist antwortet demnach: „Bruder, ich schwöre beim Koran: Ich bin nicht euer Feind. Ich bin schon ein toter Mann. Bitte kommt und helft uns.“

Es ist unmöglich, zu wissen, wie viele Polizisten so denken. Menschlich wäre das verständlich. Bislang gibt es aber keine Belege für Absetzbewegungen innerhalb der Sicherheitskräfte. Einerseits verwundert das nicht, denn Befehlsverweigerer müssten mit dem Tod rechnen.
Andererseits sind bislang auch so gut wie keine Diplomaten übergelaufen, deren Risiko deutlich geringer wäre. Offensichtlich sind sie weiterhin der Ansicht, dass ihr Regime diesen Krieg überleben wird. Anders als die Sicherheitskräfte des Schahs 1979 haben die heutigen Kader keine Ausweichmöglichkeit. Es gibt kaum ein Land, in das sie fliehen könnten. Es gibt keine gefestigte Opposition, deren Amnestieversprechen sie vertrauen könnten.
Groß dürfte die Todesbegeisterung nicht mehr sein
Womöglich sieht das Regime in seinem Existenzkampf nur noch die Wahl zwischen töten und getötet werden. Dafür haben sie die schiitische Märtyrerideologie vom heldenhaften Tod Imam Husseins in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680, die seit Jahrzehnten der Kitt ist, der das Regime zusammenhält. Aus Sicht seiner Anhänger ist auch der Oberste Führer Ali Khamenei einen solchen Märtyrertod gestorben.
Im Iran-Irak-Krieg in den Achtzigerjahren entwickelte der Todeskult eine solche Sogwirkung, dass Jugendliche sich als menschliche „Minenräumer“ für die Basidsch-Miliz an der Front meldeten. So groß dürfte die Todesbegeisterung heute nicht mehr sein. Viele treten den Basidsch auch deshalb bei, weil die Mitgliedschaft bei der Karriere hilft.
Der Mossad-Anruf bei dem Polizisten zeigt, wie tief Israel in den iranischen Sicherheitsapparat eingedrungen ist. Sie töten nicht nur Kommandeure, sondern fliegen Drohnenangriffe gegen einfache Straßenkontrollposten.
Eine Frau aus Urmia im Westen Irans hat der F.A.S. erzählt, dass die Basidsch in Schulen und Moscheen einquartiert wurden, als ihre lokalen Stützpunkte zerstört wurden. Die Einwohner hätten sie bekniet, nicht auch noch in lokalen Krankenhäusern Unterschlupf zu suchen. In Teheran sollen sie unter anderem im großen Azadi-Stadion Zuflucht gesucht haben, wo sie dann ebenfalls bombardiert wurden.
Inzwischen soll es Sicherheitskräfte geben, die mangels Unterkunft in ihren Autos übernachten. Nach israelischer Einschätzung untergrabe die Zerstörung der Stützpunkte und die permanente Bedrohung die Moral der Sicherheitskräfte auf unterer und mittlerer Ebene, schreibt das „Wall Street Journal“.
Auf den Plätzen versammeln sich jeden Tag Regimeanhänger
Nach außen sichtbar ist das aber nicht. Das Regime achtet darauf, dass seine Kräfte den öffentlichen Raum dominieren. Die Basidsch-Milizionäre, deren Stützpunkte zerstört wurden, verstecken sich nicht, sondern stehen jetzt an Straßensperren. Motorradtrupps der Miliz fahren allabendlich demonstrativ durch die Städte. Die, die in ihren Autos übernachten, patrouillieren auch damit. Auf den Plätzen versammeln sich jeden Tag Regimeanhänger, um potentiellen Demonstranten keinen Raum zu geben.
Vor dem traditionellen Feuersprung am Dienstagabend, mit dem die Iraner das alte persische Jahr verabschieden, gab es Gerüchte, bewaffnete Oppositionszellen könnten den Anlass nutzen, um Chaos zu stiften. Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen meldeten die Regimekräfte Hunderte Festnahmen.
Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu glaubt nicht, dass Luftangriffe ausreichen, um das Regime zu stürzen. Er setzt nach eigener Aussage darauf, dass die Dezimierung der Basidsch und der Revolutionsgarde nach dem Krieg einem Volksaufstand den Weg bereiten könnten.

Über dessen Erfolgsaussichten scheint man sich allerdings auch in Jerusalem keine Illusionen zu machen. Amerikanische Diplomaten berichten in einer Depesche, aus der die „Washington Post“ zitiert, ranghohe israelische Offizielle hätten ihnen gegenüber die Einschätzung vertreten, Demonstranten würden „geschlachtet“, wenn sie auf die Straße gingen. Das Regime werde „bis zum Ende“ kämpfen. Und es gebe keine „Risse im System“, sollen die Israelis erklärt haben.
Das deckt sich mit der Einschätzung der amerikanischen Geheimdienste, die davon ausgehen, dass das Regime durch den Krieg nicht gestürzt werden wird. Dass es geschwächt, aber radikaler sein wird. Angesichts von Tausenden Toten in den eigenen Reihen wäre das wohl auch kein Wunder.
In der iranischen Bevölkerung gibt es für diesen Krieg große Zustimmung. Iraner, mit denen die F.A.S. im türkischen Van gesprochen hat, äußerten tiefe Genugtuung über die Tötung von Regimekräften und auch Hoffnung für die Zukunft. Manchmal hört man aber auch die Einschätzung, dass hier nicht nur das Regime, sondern Iran als Nationalstaat angegriffen werde. Und dass es Israel in Wirklichkeit nicht um einen Regimewechsel, sondern um eine dauerhafte Schwächung des Landes gehe.
Auch Donald Trump hat diese Sicht genährt. Mit womöglich achtlos dahingesagten Sätzen wie jenem, Iran werde auf der Landkarte nach dem Krieg „wahrscheinlich nicht“ so aussehen wie vorher. Das rührt an die nationalen Traumata des Landes – und spielt dem Regime in die Hände.
Das Regime kann mehr Verluste einstecken als Trump
Der Machtapparat in Teheran gibt sich siegesgewiss. „Wir werden weiterkämpfen, bis der Feind seine Aggression bereut“, sagt Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf. Er gilt als Vertrauter von Modschtaba Khamenei, dem Mann, mit dessen Ernennung zum Obersten Führer das Regime eigentlich Stärke zeigen wollte, der aber in seinem Bunker bleibt und kein Lebenszeichen von sich gibt. Deshalb hat Ghalibaf nach dem Tod Laridschanis vorerst das Ruder übernommen und ist das Gesicht des Regimes. Auch er hat sich einst als Pragmatiker verkauft. Über Jahrzehnte diente er in verschiedenen Positionen. Als Luftwaffenchef der Revolutionsgarde, Bürgermeister von Teheran, Polizeichef und Chef der Aufstandspolizei.

Ghalibaf sagt: „Aus den Herzen dieser Nation werden Tausende von Märtyrern wie Khamenei, Laridschani und Pakpour hervorgehen.“ Der Krieg habe Iran aus dem Schlaf geweckt. „Ein Sturm zieht auf.“ Hier schafft ein revanchistisches Regime schon seinen künftigen Mythos.
Selbstbewusstsein bezieht Teheran vor allem aus dem Hebel, den es vorerst mit der Schließung der Straße von Hormus in Händen hält. Und aus der Tatsache, dass es sich trotz der Tötung der militärischen Führung und der Zerstörung militärischer Kapazitäten weiter militärisch handlungsfähig zeigt. Zwar feuert es nur noch ein Zehntel so viele Raketen ab wie am Anfang, und die meisten werden abgefangen. Aber mit denen, die durchkommen, richtet Teheran in den Golfstaaten und in der Weltwirtschaft erheblichen Schaden an.
Die Führung in Teheran weiß, dass sie weit mehr wirtschaftliche und menschliche Verluste einstecken kann als der amerikanische Präsident. Das Regime gibt sich so selbstbewusst, dass es inzwischen sogar zu glauben scheint, die Straße von Hormus dauerhaft kontrollieren zu können. Sogar von Durchfahrtsgebühren ist die Rede. „Die Situation in der Meerenge wird nie wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren“, sagt Ghalibaf.
Man kann sich ausmalen, was es für das Selbstverständnis des Regimes bedeuten würde, wenn es den Krieg gegen die mächtigste Militärmacht der Welt übersteht. Aus Teherans Sicht wäre das ein „Sieg“, den es sich kaum durch einen Volksaufstand nehmen lassen würde. Justizchef Gholamhossein Mohseni Esche’i hat schon deutlich gemacht, dass die Repression nach innen zunehmen wird. Um zu demonstrieren, dass der Justizapparat in Kriegszeiten reibungslos funktioniert, ließ Esche’i gerade vier politische Gefangene hinrichten, darunter einen schwedischen Staatsbürger und drei Teilnehmer der Proteste vom Januar.
