
Bis in den frühen Sonntagabend zogen sich die Beratungen über die unmittelbare Zukunft des 1. FC Köln, der sich nicht erst mit dem 3:3 gegen Borussia Mönchengladbach in einem komplexen Widerspruch verfangen hat. Die Mannschaft spielt ziemlich oft gut, und dennoch wurde Lukas Kwasniok am Sonntag freigestellt.
Der vormalige Assistenztrainer René Wagner, der schon unter Steffen Baumgart beim FC arbeitete und der als großes Talent gilt, soll mit der Mannschaft die Klasse halten. Alles scheint also unverändert beim FC: Irgendwann fliegt jeder Trainer. Und dennoch liegt dieser Fall etwas anders.
„Unterm Strich ist der Punkt heute zu wenig“
Der Tag zuvor war keiner dieser emotionalen Tiefpunkte, die einer Trainerentlassung üblicherweise vorausgehen. Die Mannschaft wurde wohlwollend vom Publikum verabschiedet. Auch nennenswerte „Trainer raus“-Bekundungen gab es nicht, das Spiel hatte alle mitgerissen und mit Eric Martels Treffer zum 3:3 in der 86. Minute auch einen Schlusspunkt, der den Kölnern gefallen hat.
Insofern überraschte die Entschlossenheit, mit der Thomas Kessler sich nach dem Abpfiff von Kwasniok distanzierte. „Unterm Strich ist der Punkt heute zu wenig“, sagte der für den Sport zuständige Geschäftsführer und griff zu ein paar Klassikern aus dem Werkzeugkasten der Trennungsfloskeln: „Wir müssen das nüchtern und sachlich analysieren“ und „eine Nacht drüber schlafen“. Am Sonntag nannte er schließlich den Hauptgrund für die Entlassung: „Wir haben zu wenige Punkte geholt – das ist die Realität.“
Die lange Serie mit nur zwei Siegen in den vergangenen 19 Spielen hat die Abstiegsgefahr immer größer werden lassen. „Klar ist, dass du irgendwelche Stellschrauben sehen musst, damit du wieder in der Lage bist, ein Fußballspiel zu gewinnen“, sagte Kessler, es gehe jetzt darum, „in der Länderspielpause mal einen Schritt zurückzugehen und rational auf Dinge zu schauen“.
Diese 13 Tage bis zur Partie in Frankfurt am Ostersonntag spielen eine zentrale Rolle in den Überlegungen. Ein günstigerer Zeitpunkt für einen Trainerwechsel wird nicht mehr kommen in dieser Saison. Das ändert aber nichts an der Komplexität der Kölner Lage, in der manche Argumente für und auch einige gegen Kwasniok sprachen.
„Wir trainieren echt gut“
Die Mannschaft funktioniert, spielt immer wieder gut, bietet beste Unterhaltung und hat sich offenkundig nicht mehrheitlich von Kwansiok abgewendet. „Wir trainieren echt gut, jeder reißt sich den Arsch auf. Auch wie wir spielen, ist von den Leistungen her gut“, sagte Martel. Damit sprach er genau die Faktoren an, die ein Trainer mit seiner Facharbeit beeinflussen kann, und sogar Kessler erklärte: „Wir haben heute auch wieder gesehen, dass der Trainer die Mannschaft so einstellt, dass wir nach dem 0:1 schnell wieder zurückkommen konnten. (…). Das hat mir gut gefallen.“
Zwischenzeitlich hatte der FC den frühen Rückstand mit sehr sehenswerten Toren von Said El Mala und Ragnar Ache in eine Führung gedreht. Aber das reicht eben nicht, was auch damit zu tun hat, dass hinter der Kölner Trainerfrage ein paar übergeordnete Themen liegen.
Kessler ist der Hauptverantwortliche für die Kaderplanung, für die er im Herbst noch von allen möglichen Experten geradezu gefeiert worden war. Der Kaderumbau von einem eher destruktiv, vorsichtig und unattraktiv spielenden Zweitligateam zu einer mutig agierenden Bundesligamannschaft ist zweifellos gelungen. „Ich glaube, alle beteiligten Personen haben die absolute Überzeugung, dass wir mit der Qualität, mit der wir beisammen sind, die Klasse halten können“, betonte Kessler am Samstag, was im Subtext heißt: An ihm liegt es nicht, also muss der Trainer verantwortlich sein.
Kessler hat tatsächlich eine tolle Offensive zusammengestellt. Ache funktioniert, El Mala gehört zu den Entdeckungen der Saison, Jakub Kaminski hebt das Niveau des gesamten Spiels mit Ball. Auch Isak Johannesson wird langsam besser.
Stand die Mannschaft noch hinter Kwasniok?
Leicht übersehen wird bei der Bewertung von Kesslers Kaderplanung jedoch, dass die Abwehr insgesamt eher schwächer ist als dieser Mannschaftsteil bei den anderen Abstiegskandidaten. Hinzu kommt jedoch, dass Kessler Kwasnioks Wirkung auf einen Klub, ein Team und eine Öffentlichkeit offenbar falsch eingeschätzt hat.
Es war bekannt, dass dieser Trainer aneckt, dass er Angriffsflächen bietet. Seit mehreren Monaten kursieren Berichte und Gerüchte über Teile des Kaders, die Kwasniok zunehmend kritisch betrachten. Die Mannschaft stehe hinter ihm, sonst würde sie „doch nicht so performen, wie sie performt“, lautet das Gegenargument des Trainers.
Wer Kwasniok aber genauer beobachtet, der weiß, dass dieser Mann viel redet und dabei nicht immer das beste Gespür für die Perspektiven und Empfindungen seiner Mitmenschen hat. „Lukas’ Fußballwissen und seine fachliche Expertise sind unbestritten. Er hat unsere Mannschaft mit großer Sorgfalt und hohem Engagement auf die Spiele vorbereitet“, teilte Kessler zum Abschied mit, was auch heißt: Es fehlte an anderen Stellen.
Besonders deutlich wurde das, als er das Kölner Publikum dafür kritisierte, nach einem medizinischen Notfall den Support eingestellt zu haben. Nebenbei verknüpfte er dieses Thema recht ungeschickt mit den beeindruckenden Worten, die Bayern Münchens Trainer vor einigen Wochen zum Thema Rassismus im Fußball und im Alltag gewählt hatte.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um zu ahnen, dass Kwasniok auch in der Kabine schon Zuhörer verstört hat. Der „Express“, dessen Reporter täglich am Geißbockheim unterwegs sind, berichtet überdies, dass Kwasnioks „Kommunikation mit den Profis teilweise aufs Minimum reduziert worden“ sei. Wichtigste Ansprechperson für einige Profis soll demnach schon länger René Wagner sein, der nun die Hauptverantwortung für die Mannschaft trägt.
„Du musst erst mal einen finden …“
Und dennoch wäre es vorstellbar gewesen, dem Trainer jetzt den Rücken zu stärken, der Mannschaft zu sagen, dass sie sich zusammenreißen muss, weil eben vieles für Kwasniok spricht. Der hat nämlich schon recht, wenn er darauf hinweist, dass sein Team trotz guter Leistungen oft Pech hat, nicht zuletzt mit Schiedsrichterentscheidungen.
Er sei von der Kölner Mannschaft überzeugt und glaube an das Projekt Klassenverbleib, sagte er am Samstag und rief seinen Vorgesetzten zu: „Du musst erst mal einen finden, der mehr Überzeugung in sich trägt.“ Womöglich sind aber noch ein paar andere Dinge wichtig als einfach nur Überzeugung.
