
Es ist noch keine sechzig Jahre her, dass Kuppelei in Westdeutschland rigoros bestraft wurde. Das betraf sowohl Vermieter, die unverheirateten Paaren ein Obdach gewährten, als auch Eltern, die ihren daheim lebenden Kindern die „Unzucht“ nicht verwehrten – ganz egal, ob diese volljährig waren oder nicht. Seither wurde viel und erfolgreich gekämpft für die sexuelle Befreiung. Sex wird nicht mehr an die Ehe geknüpft, es wird offener gesprochen über verschiedene Formen von Sexualität. Statt Repression und strenger Sexualmoral ist Aufklärung in den Mittelpunkt gerückt, auch und vor allem bei Jugendlichen.
Angesichts dessen klingt es erst mal erstaunlich, dass junge Menschen ihre ersten sexuellen Erfahrungen heute wieder sehr viel später machen als noch vor einigen Jahren. Das gilt sowohl für Küsse als auch für das erste Mal – trotz der Freiheiten, die sie heute oftmals haben. Woran liegt das?
Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die in erster Linie viel über die veränderten Bedingungen erzählen, unter denen Jugendliche heute aufwachsen. Unter anderem ist ihr Alltag enger getaktet, und insbesondere seit der Corona-Pandemie hat sich ein großer Teil ihrer Freizeit in die digitale Welt verlagert. Das macht es vielen schwer, den richtigen Partner für die ersten gemeinsamen Erfahrungen kennenzulernen, für die sich viele eine feste Beziehung wünschen. Denn auch das prägt das Leben von jungen Menschen heute: Sie sind weniger risikofreudig, suchen nach Stabilität und Sicherheit, mutmaßlich als Gegenpol zu den vielen Krisen und Unsicherheiten, die sie in den vergangenen Jahren miterlebt haben.
Es gibt zwei gute Nachrichten
Will man diese Entwicklung bewerten, sind zwei Fragen grundsätzlich: Wie erleben die Jugendlichen ihre ersten sexuellen Erfahrungen? Und haben sie dabei ausreichend Wissen über und Zugang zu Verhütungsmitteln?
An dieser Stelle gibt es zwei gute Nachrichten. Erstens gibt weiterhin die Mehrheit der Jugendlichen an, dass sie ihr erstes Mal genau zum richtigen Zeitpunkt erlebt haben. Fachleute wie die Jenaer Entwicklungspsychologin Karina Weichold beobachten dabei, dass Jugendliche sich heute stärker für ihre physische und mentale Gesundheit interessieren, sie beziehen sie bewusster in ihre Handlungen ein. Und dass insbesondere Mädchen und junge Frauen selbstbestimmter mit ihrer Sexualität umgehen. In den vergangenen Jahren ist in der öffentlichen Debatte die Frage nach dem aktiven Einverständnis zu sexuellen Handlungen in den Mittelpunkt gerückt, nur ja heißt ja.Das spiegelt sich auch in Trends in sozialen Netzwerken wider, wo sich Mädchen und junge Frauen häufig bestärken, sich mit den eigenen Wünschen und Grenzen zu beschäftigen und diese auch einzufordern, schließlich ist auch „Nein“-Sagen sexuelle Freiheit.
Zweitens zeigt sich, dass viele Jugendliche sicher verhüten. Nur ein Bruchteil erlebt das erste Mal ungeschützt. Schon seit Jahren ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften rückläufig. Aufklärungskonzepte und der offene Umgang mit der Sexualität von jungen Menschen bewähren sich offenbar.
Jugendliche brauchen zuverlässige Ansprechpartner
Diese positiven Entwicklungen sollten nicht für selbstverständlich genommen und sogar noch weiter gestärkt werden. Ein guter Ort dafür ist die Schule, wo Aufklärung ohnehin auf dem Programm steht. Schon jetzt nennt eine überwältigende Mehrheit der Jugendlichen die Schule als wichtige Quelle, sie hat zuletzt an Bedeutung zugenommen.
Zum einen kann sie die Begegnungsräume schaffen, die jungen Menschen durch den Rückzug in die digitale Welt verloren gegangen sind. Zum anderen kann sie flexibel auf das reagieren, was junge Menschen online erleben. Trends können sich schnell ändern. Schon jetzt finden sich neben den feministisch geprägten Beiträgen zu sexueller Selbstbestimmung in sozialen Netzwerken auch Influencer, die problematische Bilder von Sexualität verbreiten, etwa Homosexualität herabwürdigen oder suggerieren, dass Frauen sexuell für Männer verfügbar sein müssten. Es werden Körperideale propagiert, die junge Menschen verunsichern können. Zu den Schattenseiten im Netz zählen außerdem unerwünscht zugesandte Pornographie-Inhalte. Durch KI lassen sich leicht Nacktbilder von anderen erstellen und verbreiten, wie der Fall Collien Fernandes aktuell zeigt. Für all diese Themen brauchen junge Menschen zuverlässige Ansprechpartner.
Natürlich können das auch die Eltern sein. In der Schule werden aber auch diejenigen erreicht, bei denen das Thema zu Hause restriktiver gehandhabt wird. Denn auch wenn bei den Eltern die Entscheidung bleibt, mit wem sich ihr Kind in der Freizeit treffen darf: Früher oder später werden alle jungen Menschen ihre sexuellen Erfahrungen machen, spätestens im Netz. Freiheit erleben sie, wenn sie dies selbstbestimmt und informiert tun können und sich trauen, Grenzen zu setzen. Aufklärung schützt, nicht vor ungewollten Schwangerschaften oder Krankheiten, sondern auch vor Missbrauch und Übergriffen.
