Der Ramadan ist gerade zu Ende gegangen. Für Nada im Jemen bedeutete dieser Monat vor allem eines: sich unsichtbar zu machen. Anpassung wurde zur Notwendigkeit, Angst zum ständigen Begleiter. „Wenn wir das Haus verlassen, müssen wir fasten, um so zu sein wie sie“, schreibt sie – und meint damit die muslimische Mehrheitsgesellschaft. „Aber zu Hause brechen wir das Fasten, heimlich, als wäre selbst das Trinken ein Verbrechen.“
Ihr Leben bewegt sich im doppelten Rhythmus: im öffentlichen Takt der Mehrheit – und im verborgenen ihres eigenen Glaubens. Nada ist Christin. In der Gesellschaft, in der sie lebt, ist das nicht vorgesehen. Als Konvertitin ist sie besonders gefährdet – ein Umstand, der für viele einem Todesurteil gleichkommt. „Meine Familie weiß nichts von meinem Glauben, sonst würden sie mich umbringen.“ Umso überraschender ist es, dass sie einem Interview zustimmt. Um sie nicht zu gefährden, verwenden wir nicht ihren echten Namen.
Angst vor Verhaftung, Bedrohung, Gewalt
Sie spricht von Angst vor Verhaftung, von Drohungen, Gewalt, die auch ihre Töchter treffen könnte, wenn sie sich den strengen Fastenregeln widersetze. Der Ramadan, für viele im Jemen eine Zeit der Besinnung, ist für sie täglich zu bewältigende Anpassung, bei der sie ihren eigenen Glauben verbergen muss und das Gefühl hat, sich selbst zu verleugnen. „Wir mögen keine Lügen, aber wir sind gezwungen zu lügen“, sagt sie. Um keinen Verdacht zu erregen, nehme sie sogar an muslimischen Gebeten teil: „Wir wollen das nicht tun, aber wir haben Angst.“
Der 25-jährige Ahmed, der anders heißt, kennt diese Spannung als Christ zwischen Innen und Außen. Auch seine Geschichte beginnt im Jemen – und führt hinaus. Er hat das Land vor wenigen Jahren verlassen und lebt in Ägypten. Er steht im Visier der Huthis, zu denen sich auch sein Vater bekennt. „Wenn mein Vater wüsste, dass ich Christ geworden bin, würde er mich umbringen.“ In Ägypten erlebe er die muslimische Fastenzeit als weniger bedrohlich, aber keineswegs frei von Druck. „Es gibt keine große Gefahr“, sagt er. Geschäfte hätten geöffnet, das Leben gehe irgendwie weiter. Und doch gilt: „In der Öffentlichkeit nicht zu fasten, ist auch hier kaum möglich.“ Wer tagsüber nicht fastet, fällt auf – und wer auffällt, muss sich erklären. „Ich bin gesundheitlich nicht mal in der Lage, zu fasten“, erzählt der konvertierte Christ. Ein Leistenbruch rufe so starke Schmerzen hervor, dass er nicht auf Essen und Trinken verzichten könne. Diese Erklärung verschaffe ihm einen gewissen Schutz, ohne Provokationen auszulösen.
„Man passt sich den Gegebenheiten an“
Auch in Ägypten sei Anpassung notwendig, wenn auch weniger drastisch als in seiner Heimat. Anders als im Jemen gebe es in Ägypten „mehr sichtbares christliches Leben“, mehr Gemeinschaft und mehr Räume für Christen – auch wenn viele wie er ihren Glauben im Verborgenen lebten. Der Ramadan verändert den Alltag spürbar. „Man passt sich den Gegebenheiten an“, sagt Ahmed. Tagsüber wirke das öffentliche Leben oft wie heruntergefahren: Viele Geschäfte bleiben geschlossen, Straßen sind leerer, Aktivitäten sind auf ein Minimum reduziert. Erst am Abend, mit dem Fastenbrechen, kehre das Leben zurück. Ahmed richtet sich nach diesem Rhythmus. Es sei keine offene Unterdrückung, eher ein stilles Einfügen in bestehende Strukturen.
Jemand, der weiß, was es bedeutet, alles zu verlieren, weil man zu seinem Glauben steht, ist der aus dem Jemen nach London geflohene Aktivist John Ghanim. Er und sein Team stehen in engem Kontakt mit Christen in der arabischen Welt. Gerade während des Ramadan versuchten viele, möglichst unsichtbar zu bleiben. „Manche bleiben einfach zu Hause, doch auch dort sind sie nicht wirklich sicher“ sagt er. Die soziale Kontrolle sei allgegenwärtig. In vielen Gegenden sei es üblich, dass Nachbarn Essen teilen oder sich besuchen. Wer sich entziehe, falle auf. Ein junger Mann schickte ihm ein Video – weinend, verzweifelt, weil seine Familie ihn zwang, in die Moschee zu gehen und am religiösen Leben teilzunehmen: „Er weinte, weil er dachte, dass er seinen Glauben betrügt.“
Was Ghanim erzählt, beschreibt keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Spannungsfeld. Der Islamwissenschaftler und Journalist Kacem El Ghazzali beschreibt den Ramadan als eine Zeit, in der sich gesellschaftliche Ungleichheiten besonders deutlich zeigen: „Kein anderer Monat verdeutlicht die Stellung religiöser Minderheiten innerhalb islamischer Gesellschaften wie der Ramadan.“

In vielen muslimisch geprägten Ländern, so El Ghazzali, gebe es „Gesetze, die das öffentliche Essen kriminalisieren“. Immer wieder komme es zu Verhaftungen, „wenn man beim Rauchen, Essen oder Trinken erwischt wird“. Auch im Alltag zeige sich diese Trennung: Restaurants bedienten teils „nur Muslime“, mit entsprechenden Hinweisen an Türen oder Kassen. Nicht-Muslime würden als „Touristen oder Europäer“ wahrgenommen, nicht als Teil der eigenen Bevölkerung.
„Es wäre falsch zu glauben, nur die Gesetze, die das öffentliche Nicht-Fasten kriminalisieren, seien das Problem“, betont El Ghazzali. „Vielmehr sind es auch die Mitmenschen.“ Er verweist auf konkrete Beispiele: Immer wieder kursierten Videos, in denen Menschen in der Öffentlichkeit scheinbar essen oder trinken – und dafür von Passanten körperlich angegriffen würden. Der soziale Druck gehe weit über staatliche Vorgaben hinaus. Auch politische Stimmen spiegelten diese Haltung wider. So habe der ehemalige marokkanische Ministerpräsident Abdelilah Benkirane sinngemäß erklärt, er habe „ein Problem mit den Nicht-Fastenden“ – selbst dann, wenn die Gesellschaft sie eigentlich in Ruhe lasse.
Während des Ramadans nimmt der Druck auf Christen noch zu
Eine Organisation, die Gewalt und Diskriminierung gegen Christen dokumentiert, ist das christliche Hilfswerk Open Doors. Es weist darauf hin, dass sich der Druck auf Christen während des Ramadan in vielen islamisch geprägten Ländern spürbar verschärft. Markus Rode, Leiter der Organisation, bestätigt diesen Eindruck. Besonders betroffen seien „Christen mit muslimischem Hintergrund“.
Für Konvertiten bedeute der Fastenmonat sozialen Zwang: familiäre Verpflichtungen, gemeinsame Besuche oder Moscheegänge müssten eingehalten werden, um keinen Verdacht zu erregen. Rode verweist auf konkrete Beispiele. Auf Sansibar seien Christen ausgepeitscht und zur Polizei gebracht worden, weil sie während des Ramadan gegessen hätten. In anderen Fällen seien Christen in ihren eigenen Häusern angegriffen worden. „Man merkt, dass in dieser Zeit die Spannungen und die Aggressivität zunehmen“, so Rode.
Auch wirtschaftlich habe der Ramadan Folgen: „Christen, die Restaurants betreiben, können diese oft nicht öffnen.“ In Bangladesch seien christliche Händler von Extremisten gezwungen worden, ihre Geschäfte während der Fastenzeit zu schließen. Hinzu kommen staatliche Regelungen. In Brunei ist es strafbar, während des Ramadan öffentlich zu essen; auch im Irak wurden entsprechende Gesetze erlassen. Doch gehe der Druck nicht nur vom Staat aus: „Die Gesellschaft wird zum Hüter dieser Regeln.“ Was hier sichtbar wird, spiegelt sich im Alltag von Menschen wie Nada und Ahmed. Auf der einen Seite der Ramadan als Zeit der Gemeinschaft, des Fastens, des abendlichen Zusammenkommens. Auf der anderen Seite diejenigen, die sich in der Ordnung fügen müssen, ohne Teil von ihr zu sein. Sie gehen jeden Tag ein Risiko ein. Ihr Glaube zwingt sie zur Vorsicht – und gibt ihnen Halt. Und manchmal, wie Ahmed sagt, sogar in einer leisen Gewissheit: „Ich habe alles verloren – aber ich habe einen Frieden gefunden.“
