Hajo Eicken ist seit 40 Jahren Polarforscher, zuletzt hat er das International Arctic Research Center an der Universität von Alaska in Fairbanks geleitet. Nun wechselt er an die Spitze des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI).
Sie sind seit 40 Jahren Polarforscher. Was fasziniert Sie an den Polarregionen am meisten?
Ich habe 1986 als Student meine erste Polarfahrt gemacht, das war sogar an Bord der Polarstern. Es ging in die Antarktis, und schon damals hat mich beeindruckt, wie zentral die Rolle des Meereises für dieses phantastische Ökosystem ist. Diese enge Verbindung zwischen der mikrobiellen Welt mit den Makrolebewesen, also von den Mikroalgen über den Krill bis hin zu den Walen, hat mich damals enorm beeindruckt. Ich habe Mineralogie studiert und war mitgefahren, um Eiskerne zu bohren und sie in kleine Scheiben zu zersägen, um dann das Eisgefüge zu untersuchen. Aber diese enge Verknüpfung zwischen verschiedenen Bereichen des Erdsystems, das hat mich damals an der Polarregion besonders fasziniert und mich auf den Weg in die Polarforschung gebracht.
Die Arktisforschung stand zuletzt wegen der Sparvorstellungen Donald Trumps in der Debatte. Der Kongress hat nun einige der Kürzungsvorhaben gestoppt. War das viel Wirbel um nichts?
Das muss man detailliert betrachten. In den USA, insbesondere in der Trump-Regierung, wird viel Polittheater gespielt. Tatsächlich wurde vor etwa einem halben Jahr die Polarforschung als eine der Prioritäten aufgelistet. Die langfristige US-Politik in der Antarktis sieht vor, dass man dort weiterhin ein Mitspracherecht behalten will. Die Arktis wiederum hat strategisch an Bedeutung gewonnen – und ist somit auch nicht so stark von den Kürzungen betroffen. Aber natürlich wirken sich die DOGE-Kürzungen in den USA auch in der Polarforschung aus: Insbesondere, weil bei der Nationalen Ozeanographie- und Atmosphärenforschungsbehörde NOAA gespart wird und dort viele hoch qualifizierte Mitarbeiter entlassen wurden. Dadurch sind enorme Verluste entstanden.

Wie groß ist denn der Schaden durch den Wegfall der Datenerhebung?
Er ist deutlich zu spüren. Es gibt aber auch Möglichkeiten, den Datenverlust abzupuffern. Die internationalen Datenzentren sind recht gut vernetzt. Das AWI und die Uni Bremen sichern beispielsweise mit der Datenplattform Pangea Datensätze, die in den USA nicht mehr archiviert werden. Die NOAA ist jedoch verantwortlich für wichtige Datenerhebungen, die für Langzeitwettervorhersagen und saisonale Vorhersagen sehr wichtig sind.
Zum Teil ja. Ein Beispiel: Im Oktober ist ein ehemaliger Taifun als extremes Tiefdruckgebiet in die Beringsee reingelaufen und hat dort zu großen Überschwemmungen geführt. Zwei Ortschaften mussten fast vollständig evakuiert werden, aus der Luft mit Militärmaschinen. Mithilfe von Radiosonden kann man die Atmosphäre im Profil erfassen, um bessere Vorhersagen zu liefern. In dieser Region waren zu dem Zeitpunkt aber die von der NOAA betriebenen Stationen nicht voll besetzt. Der Personalmangel wirkt sich also bereits konkret aus.
Sind für die Arktisforschung diese Unwägbarkeiten der Trump-Regierung problematischer, der Krieg Russlands oder die starken Wirtschaftsinteressen Chinas?
Die russische Invasion in der Ukraine hatte dazu geführt, dass der Arctic Council, ein zwischenstaatliches Gremium, in dem acht arktische Staaten, indigene Völker und Akteure der Arktis zusammenarbeiten, in eine Art Winterschlaf gegangen ist. Zwei Jahre lang konnte sich die Arbeitsgruppe nicht treffen. Mittlerweile hat der Arctic Council nun ohne Russland die Arbeit aber wieder aufgenommen. China wiederum baut die Arktisforschung aus. Es ist wichtig, dass die internationale Zusammenarbeit weiterhin bestehen bleibt und der Datenaustausch frei ist. Wie groß der Schaden durch die Trump-Regierung ist, ist noch nicht klar.
Haben sie die USA wegen der wissenschaftsfeindlichen Agenda verlassen?
Nein. Für mich ist der Wechsel ans AWI vor allem aus wissenschaftlicher Sicht ein interessanter Schritt. Ich war elf Jahre lang Direktor des International Arctic Research Center, es war jetzt an der Zeit für etwas Neues. Und das AWI ist nicht nur ein Top-Polar- und -Meeresforschungsinstitut, sondern spielt weltweit in der ersten Liga der Erdsystemforschungsinstitute mit. Ein Kollege brachte es mal schön auf den Punkt: Das AWI wird international mit wohlwollendem Neid betrachtet.
Das liegt vermutlich auch an der Finanzierung.
Die langfristige Finanzierung, die zum Großteil durch das BMFTR erfolgt, macht die Arbeit reizvoll, ja. Das International Arctic Research Center, an dem ich in Alaska gearbeitet habe, war zu 90 Prozent durch Drittmittel finanziert. Das ist für US-Forschungsinstitute nicht ungewöhnlich. Der Wettbewerb um Drittmittel hilft aber auch, Prioritäten zu setzen und die Forschung kritisch, aber konstruktiv zu hinterfragen. Am AWI ist die Grundfinanzierung vorhanden, 90 Prozent gibt der Bund, zehn Prozent geben die Länder, in denen das AWI Standorte hat. Zusätzlich werden Drittmittel, etwa von der EU, eingeworben. Das schärft den Blick für internationale Zusammenarbeit und Relevanz im größeren EU-Rahmen. Das Zusammenspiel der langfristig planbaren Finanzierung und der Drittmittel bietet eine sehr gute Basis für unsere Forschung.
Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie ganzheitliche Polarforschung zum Ziel haben. Was meinen Sie damit?
Die Polarregionen lassen sich nicht sauber in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen aufteilen. Am AWI wird in erster Linie Erdsystemforschung betrieben. Diese Erdsystemforschung könnte noch stärker als bisher von den Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften oder auch indigenen Wissensformen profitieren. Für mich heißt ganzheitliche Polarforschung deshalb, dass wir den disziplinären Rahmen weiter spannen: Fragestellungen sollten aus einer holistischen Sicht entwickelt werden. Das Design von einzelnen Studien sollte von vorneherein wesentlich ganzheitlicher angegangen werden, es sollten viele Impulse von außen kommen können.
Machen Sie das mal konkret!
Nehmen wir die Grönlandwale der arktischen Pazifikregion. Die Iñupiat und die Yupik jagen diese großen Bartenwale noch. Als ich an die Westküste ging, dachte ich: Mensch, muss das denn sein? Aber die Indigenen decken zum Beispiel auf St. Lawrence Island noch bis zu 80 Prozent ihres Eiweißbedarfes durch Meeressäuger. Neben der Ernährungskomponente gibt es auch die kulturelle Komponente, ganze Glaubenssysteme ranken sich um den Walfang.
Aber durch den industriellen Walfang waren manche Arten so stark bedroht, dass Ökologen auch im Jagen durch die Indigenen eine Gefahr sahen.
In den Siebzigerjahren meinte die Internationale Walfangkommission, der Bestand der Grönlandwale sei stark bedroht. Den an Universitäten ausgebildeten Biologen war damals nicht klar, dass die Wale unter dem Eis schwimmen und sogar Eis brechen können. Sie hatten die Bestandszahlen erheblich unterschätzt. Die Indigenen versicherten damals, dass die Zahlen unterschätzt würden, und bekamen die Chance, das zu zeigen. Nun dürfen sie weiter jagen, und der Walbestand hat sich trotzdem sehr gut erholt. Das ist ein Beispiel dafür, dass Forschungsteams, die nicht in dem Ökosystem leben, ein unvollständiges Bild haben können, das der Realität nicht ganz entspricht.
Wie findet man bessere Forschungsfragen?
Die Politikwissenschaftlerin, Ökonomin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat schon in den Siebzigerjahren ein Prinzip für erfolgreiches Management von Ressourcen vorgestellt: klare Regeln, lokale Kontrolle, Monitoring, Konfliktregelung. Sie hat sich für die interdisziplinäre Wissenschaftsforschung eingesetzt. Nach diesem Konzept habe ich in der Arktis immer gut gearbeitet. Ein Beispiel: Eine meiner wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen in Alaska ist indigen und hat nach ihrem Masterstudium ein Praktikum bei der NOAA gemacht. Danach hat sie ein Expertenpanel zusammengestellt, in dem geklärt werden sollte, wie Langzeitmessungen für nachhaltige Lachsbewirtschaftung aussehen können. Sie hat es geschafft, Wissenschaftler, Behördenmitarbeiter und Indigene zusammenzubringen. Lachsfischereipolitik ist extrem kontrovers, aber sie hat einen Diskurs möglich gemacht, der ohne ihre Kontakte und Erfahrungen nicht möglich gewesen wäre.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit am AWI?
Die Arbeiten, die in den Transferbüros des AWI gemacht werden, zum Beispiel dem Arktisbüro, sind eine Supergrundlage. Dort wird der Dialog mit Politik, Behörden und Wirtschaft betrieben, um die Forschungsergebnisse besser zugänglich zu machen. Aber noch besser wäre es aus meiner Sicht, wenn wir einen Weg fänden, die unterschiedlichen Bereiche durchlässiger zu machen. Wir müssen ein besseres Verständnis dafür bekommen, was von Ministerien, Behörden oder Wirtschaft auf kommunaler, auf Landes- oder Bundesebene, aber auch international für die Planung und Entscheidungsfindung benötigt wird.
Haben Sie schon Ideen, wie Sie das Institut inhaltlich stärken wollen?
Ich werde gemeinsam mit den Sektionsleiterinnen überlegen, welche Fragen interessant sind, wo Themen ausgebaut werden sollten, wo wir unter dem Aspekt der ganzheitlichen Polarforschung Themen, die ohnehin gut gemacht werden, ausbauen und zusammenführen können, sodass ein gesamtheitliches Bild entsteht. Ich würde gerne die Verknüpfung von beobachtenden Messsystemen, insbesondere autonomen Messsystemen und Robotik, aber auch Erdsystemmodellen und Künstlicher Intelligenz verstärken. Davon gibt es bereits viel in den Polarregionen, da sie in weiten Teilen unzugänglich sind. Aber ich würde sie gerne noch stärker mit Fernerkundungsverfahren und Modellsystemen verknüpfen. Eine andere Idee ist, dass wir weitere Plattformen schaffen nach dem Vorbild des Arktis- und des Nordseebüros am AWI: Orte, an denen sich Beteiligte aus verschiedenen Ministerien oder Behörden mit Experten treffen, um auszuloten, wo es speziellen Informationsbedarf gibt. Sowohl im Bereich des Wissens- und Technologietransfers als auch im Bereich der Wissenschaftskommunikation gilt es, den Informationsbedarf unserer Dialogpartner noch besser zu erfassen und zu adressieren. Nur so können wir gesellschaftlich wirksam werden.
Wenn, wie es weltweit derzeit Trend zu sein scheint, Klimaschutzbemühungen heruntergefahren werden – können sich Menschen in stark betroffenen Regionen wie der Arktis anpassen?
Wir haben gar keine andere Möglichkeit, denn wir alle werden uns an klimawandelbedingte Veränderungen anpassen müssen. Aber das alleine wird nicht ausreichen. Zugleich müssen die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen massiv und schnellstmöglich eingeschränkt werden. Dazu brauchen wir unter anderem eine Energiewende. Insbesondere in den Polarregionen, die sich in der Arktis drei- bis viermal so schnell erwärmen wie der globale Durchschnitt, geht es auch um Völkerrecht, um Umwelt- und Klimagerechtigkeit. Und das heißt, dass Deutschland zusätzlich zur Mitigation auch bei der Anpassung, bei der Adaption mithelfen muss. Dazu können Institute wie das AWI in einem nicht arktischen Land viel beitragen: Mit unserer Forschung und unserem Wissen können wir der arktischen Bevölkerung bei der Adaptionsplanung helfen.
Jetzt noch ein paar persönliche Fragen dazu, wie sehr sie der Arktis verbunden sind. Was mögen Sie lieber, Eisberge oder Eisschollen?
Polarnacht oder Polartag?
Labskaus oder Akutaq – also „Yupik-Eiscreme“ aus tierischem Fett, Beeren und manchmal ein wenig Zucker?
Beides: Labskaus als Hauptgericht, Akutaq als Dessert!
