
Die europäischen Gaspreise haben am Donnerstag abermals einen deutlichen Sprung gemacht, nachdem Israel das iranische Gasfeld South Pars attackiert und Iran im Gegenzug mit Raketen die qatarische Industriestadt Ras Laffan angegriffen hatte. Der Terminkontrakt für April verteuerte sich um bis zu 35 Prozent gegenüber dem Vortag. Im Laufe des Tages pendelte sich der Kurs bei 64 Euro je Megawattstunde ein. Damit ist Gas nun etwa doppelt so teuer wie vor Kriegsbeginn.
South Pars gilt als das größte Erdgasfeld der Welt. Es enthält Schätzungen zufolge 51 Billionen Kubikmeter nutzbares Gas; das würde rechnerisch reichen, um den weltweiten Bedarf für 13 Jahre zu decken. Iran verbraucht aber einen großen Teil seines produzierten Gases selbst. Für die heimische Versorgung könnte das zum Problem werden; 70 Prozent des Bedarfs hat das Land bisher aus dem Gasfeld gedeckt. Nur einen kleinen Teil seiner Produktion exportiert das Land, etwa nach Armenien und in die Türkei.
Trump droht mit weiteren Schlägen
Die Weltmärkte deutlich stärker treffen dürften die iranischen Attacken auf den Industriekomplex Ras Laffan, der sich im Norden Qatars über knapp 300 Quadratkilometer erstreckt. Dort befinden sich unter anderem Raffinerien, Exportterminals und Häfen, aber auch Chemiefabriken und Ölanlagen. Staatskonzern Qatar Energy sprach am Donnerstag von „erheblichen Bränden und weitreichenden weitere Schäden“ an den Flüssiggasanlagen. Zwei der 14 LNG-Produktionsstränge sowie eine der zwei Aufbereitungsanlagen seien beschädigt worden, insgesamt 17 Prozent der Exportkapazität des Landes. Die qatarische Regierung sowie der Energiekonzern Shell, der auf dem Gelände unter anderem eine Gasaufbereitungsanlage betreibt, bestätigten die Angaben.
US-Präsident Donald Trump drohte am Donnerstag, sein Militär werde South Pars „massiv in die Luft sprengen“, sollte Iran weiter Qatars Gasindustrie angreifen. Amerikanischen Medien zufolge hatte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sein Vorgehen zuvor mit Trump abgestimmt. Trump hatte das zuvor bestritten.
Uniper fordert mehr langfristige Verträge
Qatar gilt mit einem Anteil von 19 Prozent an der weltweiten Flüssiggasversorgung als zweitgrößter Produzent der Welt hinter den Vereinigten Staaten. Das Land exportierte bislang etwa 105 Terawattstunden Gas im Monat, vor allem nach China, Indien, Bangladesch, Pakistan, Südkorea und Taiwan. Weil die ganze qatarische Ausfuhr einzig und allein über Ras Laffan abgewickelt wird, fehlen die Mengen nun auf dem Weltmarkt, was vor allem in Asien Versorgungsengpässe mit sich bringt. „Die Möglichkeit weiterer Angriffe und Vergeltungsmaßnahmen birgt in naher Zukunft erhebliche Versorgungsrisiken für die LNG-Märkte“, hieß es in einer Analyse des Beratungsunternehmens ICIS. Demnach verlassen derzeit immer mehr LNG-Tanker auf den Weltmeeren ihren ursprünglichen Kurs und machen sich auf den Weg nach Asien statt, wie zuvor geplant, nach Europa. Insgesamt muss der Weltmarkt derzeit auf etwa 120 Terawattstunden LNG im Monat aus der Region verzichten.
Doch selbst wenn die militärischen Auseinandersetzungen in der Region irgendwann enden, könnten die qatarischen Lieferungen sehr lange ausfallen. „Als im Sommer 2022 das LNG-Terminal Freeport in den USA brannte, hat der Wiederaufbau mehr als ein halbes Jahr gedauert“, sagte Hendrik Diers vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) im Gespräch mit der F.A.Z. „Je nachdem, wie gravierend die Schäden in Ras Laffan sind, könnte es dort ähnlich lange dauern.“ Der Chef von Qatar Energy, Saad al-Kaabi, mutmaßte am späten Donnerstagnachmittag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters gar, die Reparatur werde drei bis fünf Jahre dauern. Kaabi zeigte sich erschüttert über das Ausmaß der Gewalt. „Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass Qatar und die Region einem solchen Angriff ausgesetzt sein würden“, sagte er. Dies gelte besonders, da die Attacke „von einem brüderlichen muslimischen Land im Monat Ramadan“ ausgeführt worden sei.
Für Deutschland und Europa habe der Ausfall der qatarischen Lieferungen gravierende Konsequenzen, sagt Diers. „Wir benötigen in Europa bis zum Start der Heizperiode im Oktober etwa 1000 Terawattstunden LNG, um unsere Speicher zu 80 Prozent zu füllen. Nur 25 Prozent davon sind über Langfristverträge mit Lieferanten von außerhalb des Persischen Golfs abgesichert. Die restlichen 75 Prozent müssen wir über den Spotmarkt beziehen – und das könnte teuer werden, sollten die Preise so hoch bleiben.“ Auch der Chef des Gashändlers Uniper, Michael Lewis, forderte am Donnerstag mehr langfristige Verträge.
Wieder mehr Kohle- statt Gasverstromung
Trotz der angespannten Lage versucht die Bundesregierung jedoch weiterhin zu beruhigen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sprach am Donnerstagvormittag von „Solidarität mit den Golfstaaten“ und zeigte sich besorgt über die Angriffe Irans auf die Förder- und Produktionsanlagen. „Mindestens ebenso viel Sorge wie die Nichtpassierbarkeit der Straße von Hormus machen mir Angriffe auf Ölverarbeitungsanlagen und Gasfelder“, sagte sie vor dem CDU-Wirtschaftsrat in Berlin. „Das kann tatsächlich zu Einbrüchen führen.“ Sie hoffe aber auf ein schnelles Ende solcher Attacken: „Deshalb sind die Parteien dazu aufgefordert, und mir scheint, da läuft einiges an Gesprächen, davon abzusehen, massiv Anlagen zu zerstören.“
ICIS zufolge werden seit Beginn des Irankriegs am europäischen Strommarkt wieder mehr Kohle- statt Gaskraftwerke eingesetzt. Für Asien erwartet Gasanalyst Andreas Schröder einen deutlichen Rückgang der Nachfrage; so könnten Industrieanlagen vorübergehend stillgelegt werden. „Die weltweite Nachfragereaktion beläuft sich im März und April auf etwa 15 Prozent, während die Angebotsrückgänge noch stärker ausfallen“, sagt Schröder. Langfristig drängen allerdings immer mehr Lieferungen aus den USA auf die Weltmärkte.
Unterdessen schlossen die Behörden in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach einem Raketenangriff eine Öl- und Gasanlage im Emirat Abu Dhabi. Herabstürzende Trümmerteile infolge eines Abwehreinsatzes der Luftabwehr hätten zu „Vorfällen“ geführt, teilte die Regierung in Abu Dhabi mit, ohne weitere Details zu Schäden zu nennen. In der Folge sprang auch der Ölpreis am Donnerstag wieder über die Marke von 110 Dollar je Barrel.
