
Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der in der ersten Runde der Kommunalwahl weit hinter den Erwartungen, zumal seinen eigenen, zurückblieb, hat etwas Ungewöhnliches getan: Vier Tage vor der Stichwahl, in der er sich gegen den Grünen Dominik Krause behaupten muss, hat er ein ausführliches Zeitungsinterview gegeben.
Ungewöhnlich ist das deshalb, weil Reiter im Wahlkampf bisher durch größtmögliche kommunikative Zurückhaltung aufgefallen ist. Ungewöhnlich ist auch, dass er das Interview der „Zeit“ gab. Zwar hat die sich schon öfter als Beichtstuhl empfohlen, aber es hätte sicher auch Presseorgane in München gegeben, die sich gefreut hätten, wenn Reiter sich für sie statt für ein in Hamburg ansässiges Unternehmen entschieden hätte.
Zuvorderst ungewöhnlich ist Aufmachung und Inhalt des Interviews. Reiter ist in Schwarz-Weiß abgebildet, die Haare, die auf den Wahlplakaten so perfekt saßen, als sei jedes von ihnen einzeln ausgerichtet worden, sind leicht verstrubbelt. Reiters Gesichtshaut, über die sein Double jüngst auf dem Nockherberg mutmaßte, sie sei mit Bräunungscreme behandelt, wirkt jetzt abgespannt. Das Foto sagt: Hier ist ein Mensch, der schwer daran trägt, dass ihn die Wähler in die Stichwahl geschickt haben. Hier ist ein Mensch, der ungeschminkt die ungeschminkte Wahrheit sagt. Vor allem: Hier ist ein Mensch. Ecce Homo!
Ein kommunikatives Problem?
Der Interviewtext harmoniert damit so gut, als wäre es beabsichtigt. Reiter sagt: „Ich bin auch nur ein Mensch und keine Maschine.“ Es scheint, als rechne er hart mit sich ab. Fast wörtlich wiederholt er, was er schon nach dem ersten Wahlgang gesagt hat: „Ich habe in drei Wochen mehr falsch gemacht als in den zwölf Jahren davor.“ Das kann man so verstehen, dass er in drei Wochen viel falsch gemacht hat – im Interview geht es vor allem um sein nicht vom Stadtrat genehmigtes und gut bezahltes Engagement beim FC Bayern. Man kann es aber auch so verstehen, dass er in zwölf Jahren so gut wie nichts falsch gemacht hat. Demut zeigt sich dann höchstens darin, dass Reiter im Vergleich zur Erstverwendung des Satzes die Fehlerzeitspanne von zwei auf drei Wochen erhöht hat.
Interessant ist auch, dass Reiter sich zwar ganz allein die Schuld für sein Fehlverhalten gibt, dieses aber zum kommunikativen Problem herunterstuft („ich hätte erklären können . . .“) und exkulpiert, indem er es in einen größeren Kontext einordnet: die Personalisierung in Wahlkämpfen. Reiter sagt: „Wir brauchen den Mut, uns manchmal von den Marketingmenschen zu emanzipieren“, gerade so, als seien diese der übermächtige Gegenentwurf zu den richtigen Menschen, den „Bauchmenschen“, wie er sich selbst bezeichnet.
Darüber hinaus erweckt Reiter den Eindruck, dass der, der da zuletzt agierte, gar nicht er selbst gewesen sei, auch wegen des emotionalen Stresses, „auch durch das große Medieninteresse“. Er habe sich die Aufzeichnung einer aus seiner Sicht verunglückten Stadtratssitzung angeschaut und sei zu dem Schluss gekommen: „Ich war da tatsächlich fast nicht ganz bei Sinnen.“
Am Mittwochabend, in der BR-Sendung „Jetzt red i“, wirkte er schon wieder eher bei sich, etwa als er die Schuld für bürokratische Kita-Toilettenpapierbestellungen nicht bei sich, sondern bei seiner Verwaltung suchte.
