
Mit einer halben Milliarde Euro sagen wir postinfektiösen Erkrankungen den Kampf an“, erklärte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) am 30. Januar auf Instagram. Vor der Bundespressekonferenz am selben Tag bemühte sie sich um den Eindruck, dass sie persönlich die Forschung mit dem Förderprogramm voranbringen möchte. Long Covid, ME/CFS und andere Syndrome könnten Lebenspläne zerstören, betonte sie. Forschungslücken müssten geschlossen, die Erkrankungen besser verstanden werden: „Um dieses Ziel zu erreichen, rufe ich heute eine Nationale Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen aus.“ Auch international fand die deutsche „Forschungsdekade“ viel Beachtung. Nun jedoch legen bisher unbekannte Dokumente nahe: Bärs Ministerium, das BMFTR, wollte eine derart große Initiative gar nicht.
Mithilfe des Informationsfreiheitsgesetzes ist die Patientengruppe „Nicht Genesen“ an die interne Korrespondenz des Ministeriums gelangt. Die Unterlagen liegen der F.A.Z. vor. Darunter befinden sich E-Mails anlässlich der Beratungen zum Bundeshaushalt 2025 und 2026, die sich bis in den Sommer vergangenen Jahres zogen. Im Juli und August erreichte Bärs Fachleute eine Anfrage aus der eigenen Fraktion der Ministerin. Dort kursierte die Information, dass das BMFTR einen „Bedarf von rd. 100 Mio. Euro für die nächsten 5 Jahre“ für die Forschungsförderung bei postinfektiösen Erkrankungen sehe. Ein Haushaltspolitiker der CDU, sein Name ist in den Unterlagen geschwärzt, fragte, warum die im Haushaltsentwurf der Regierung vorgesehen Mittel „deutlich niedriger“ lägen.
Tatsächlich hatte Bär zu diesem Zeitpunkt lediglich 12,3 Millionen Euro für 2025 und 17,6 Millionen Euro für 2026 eingeplant. Die „100 Millionen Euro“ wiesen ihre Leute in ihrer Antwort an den CDU-Abgeordneten als „Forderungen von Interessenverbänden bzw. aus dem Außenraum“ zurück: „Ein angeblicher Zuwendungsbedarf von 100 Mio. Euro geht nicht auf das BMFTR zurück und wird von hier nicht geteilt.“ Die im Entwurf geplanten Mittel halte man im Ministerium für „ausreichend“, zumal die Forschung zu postinfektiösen Erkrankungen noch im Aufbau sei und andere Aufgaben in der medizinischen Forschung anstünden.
Die Union forderte ein „politisches Signal“
Warum das Ministerium seine Meinung änderte und ob es dies überhaupt tat, beantwortet eine Sprecherin auf Anfrage der F.A.Z. nicht. Sie teilte nur mit, dass der Forschungsbedarf zu postinfektiösen Erkrankungen enorm sei, wobei nach dem Haushaltsentwurf jedoch nie eine „alternative Festlegung eines geschätzten Zuwendungsbedarfs“ erfolgt sei. Aus den internen E-Mails geht hervor, dass der Druck aus der Koalition groß wurde. Aus der Union wurde ein „politisches Signal“ gefordert.
Vor allem der Forschungspolitiker Stephan Albani (CDU) und der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatten sich für die Forschungsdekade starkgemacht, Lauterbach verlangte sogar „mindestens eine Milliarde Euro“ für „drei oder vier Jahre“. Am Ende wurden im Bundestag im November 2025 jährlich 50 Millionen Euro bis 2035 beschlossen – deutlich mehr als vom BMFTR geplant. „Es überrascht uns nicht, dass die Forschungsdekade vom Parlament und dem Haushaltsausschuss angestoßen wurde. Zu lange hat das Ministerium die Forschung ausgebremst“, kritisiert Mareike Mitschele von „Nicht Genesen“. Die Leitung der federführenden Abteilung „Gesundheit und Lebenswissenschaften“ im Ministerium habe den niedrigeren Ansatz „bis zum Schluss verteidigt“.
Nun organisiert die Abteilung, wohin das Geld fließt. Für Unmut sorgt, dass die BMFTR-Beamten offenbar vor allem Grundlagenforschung fördern wollen. Patientengruppen sowie führende Long-Covid- und ME/CFS-Forscher hingegen wollen klinische Therapiestudien: Die akute Not der Erkrankten sei hoch. Zudem gebe es Ideen, welche Medikamente bei postinfektiösen Erkrankungen helfen könnten. Bär gab in den sozialen Medien als Ziel des „zehnjährigen Kraftakts“ aus, „Therapien schneller in den Alltag zu bringen“.
