
Die Wetterau gilt als besonders anfällig für Rechtspopulismus. Dieses Urteil ist ungerecht. Denn es verkennt die Vielfalt dieser Region. Bad Vilbel etwa tickt politisch ganz anders als so manche Kommune im Ostkreis. In der Kurstadt vor den Toren Frankfurts und andernorts schneidet die AfD gemessen am Landesergebnis weit unterdurchschnittlich ab und erheblich schlechter als im Ostkreis. Dort allerdings hat sie sich zu einer ernsthaften Konkurrenz der CDU gemausert und lässt SPD und Grüne hinter sich. In Hirzenhain hat sie bei der Kreistagswahl sogar besser abgeschnitten als die Union. Das sollte aber nicht zu falschen Schlüssen verleiten.
Nach einer der vorangegangenen Wahlen sagte ihr Schatzmeister Christian Rohde im Kreishaus in Friedberg: „Die AfD ist gekommen, um zu bleiben.“ Diese Aussage ist nicht von der Hand zu weisen. Die AfD ist in der Wetterau nun zur dritten Kraft hinter der CDU und der SPD aufgestiegen, die in einer großen Koalition die Kreispolitik bestimmen. Bei der Kreistagswahl am Sonntag hat sie aber schwächer abgeschnitten als bei der Bundestagswahl. An ihre Resultate bei der Landtagswahl 2023, als sie im Ostkreis 27,2 Prozent erzielte, reicht die Partei nicht heran.
Die AfD ist nicht wirkungsmächtig, ihrem Zuspruch schadet das nicht
Diese Teilregion jenseits der A45 gilt seit Jahren als vernachlässigt und teilweise abgehängt. Das Angebot von Bussen und Bahnen ist schlechter als im Westen und Süden, wo die wohlhabenderen Städte und Gemeinden liegen. Höherrangige Politiker lassen sich im Ostkreis höchst selten blicken. Durch diese Gemengelage hat sich ein tief sitzender Unmut aufgestaut. Doch wendet sich seit anderthalb Jahren etwas zum Besseren.
Dank der Landesgartenschau Oberhessen 2027 fließen gut 30 Millionen Euro an Fördermitteln von EU, Land und der Staatsbank KfW in den Ostkreis. Es werden Parks angelegt oder saniert, neue Sportstätten und zahlreiche Radwege entstehen. Unabhängig davon investiert Büdingen vor allem in die umliegenden Stadtteile, in Feuerwehrhäuser und Hochwasserschutz. Das nutzt der Allgemeinheit ebenso wie der Glasfaserausbau, von dem gerade der ländliche Raum profitiert. Gleichwohl hat die CDU die AfD nur mit Mühe auf Distanz gehalten.
Es heißt, bei Kommunalwahlen belohnten Bürger den Einsatz an Ort und Stelle. Das Wetterauer Kreistagsergebnis der AfD spricht nicht dafür. Kaum jemand interessiert sich für einen Kreistag. Zudem ist die AfD im Kreistag in Friedberg nicht wirkungsmächtig. Ihrem Zuspruch schadet das nicht. Was folgt daraus? „Das Problem ist, dass es AfD-Wählern nicht um objektive Zustände geht, sondern um Wahrnehmungen“, meint der Darmstädter Politikwissenschaftler Christian Stecker. Seine Gießener Kollegin Dorothée de Nève gibt zu bedenken, je mehr die anderen Parteien die Krisenrhetorik der AfD bedienten, umso mehr scheine sie sich als Alternative des Aufbruchs anbieten zu können. Je weiter die nächste Uni weg, desto stärker scheint die AfD zu sein.
Von einem Siegeszug der Blauen kann aber keine Rede sein. Dies zeigt sich beim Vergleich der Wahlergebnisse der vergangenen Jahre. Er weist eine Stagnation aus.
