Wer über den Atlantik an die amerikanische Ostküste fliegt, nach New York zum Beispiel oder Washington, nähert sich dem Kontinent über Grönland, Neufundland und die nordöstlichen Bundesstaaten der USA. Streift Maine, New Hampshire, Connecticut. Aus der Luft sieht die Küste rau und einsam aus, unterwegs im Auto, näher dran, kann ihre Schönheit und Armut erschüttern.
Es sind Landschaften, die einem vertraut vorkommen, auch wenn man noch nie dort war, man kennt sie aus der Literatur: John Irving zum Beispiel ist der Chronist von New Hampshire, Stephen King der von Maine. In deren Büchern sind diese Landschaften immer zu Protagonisten geworden, mit historischem Background: Hier, an der Ostküste, hinunter bis in den Süden, kamen die ersten europäischen Weißen an, aus ihnen wurden später dann, vor bald 250 Jahren, die ersten Amerikanerinnen und Amerikaner.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Auch die Vorfahren der Schriftstellerin Elizabeth Strout, erzählt sie, sind im Jahr 1603 auf jenem Boden angekommen, der zu den Vereinigten Staaten von Amerika werden sollte. „Für amerikanische Verhältnisse“, sagt sie, „ist das ganz schön lange her. Und mit den Puritanern kam eine Härte, die Teil unseres Erbes geworden ist.“
Helles Lachen, dramatische Bücher
Wir sprechen per Video, Elizabeth Strout aus Cambridge in England, wohin sie gerade mit ihrem neuesten Buch für eine Lesung eingeladen worden ist. Sie trägt eine große schwarze Brille und ein schwarzes Kleid und ihr weißes Haar lang – und immer wenn sie lacht, und sie lacht oft, laut und hell, vergisst man kurz, wie dramatisch und traurig die meisten ihrer Geschichten sind, die sie in ihren Romanen erzählt.
Sie spielen fast alle in Maine, auch der neue Roman wieder, „Erzähl mir alles“, der jetzt auf Deutsch erscheint. Es ist Herbst in Crosby, eine Kleinstadt an der Küste, wo die alteingesessenen Familien in ihren verwitterten Holzhäusern leben, nicht unbedingt seit 1603, aber gefühlt so lang – oder sie an die Zugezogenen aus der Stadt verkaufen müssen, die vom Leben am Meer träumen.
Im neuen Roman trifft Godzilla auf King Kong
Zu der einen Gruppe gehört Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathelehrerin, zu der anderen Lucy Barton, eine New Yorker Schriftstellerin, die aber aus der Gegend kommt und deswegen von den Einheimischen akzeptiert wird. Man kennt beide aus früheren Büchern von Elizabeth Strout, die schon in Crosby spielten, aber Lucy und Olive waren sich bislang nicht begegnet, und dass sie es jetzt tun, hatten sich alle, die sich mit Elizabeth Strout auskennen, aufgeregt erzählt, als das klar wurde: Es ist ungefähr so, als würde Elizabeth Bennet auf Emma Woodhouse treffen. Das verstehen jetzt nur Jane-Austen-Fans, sagen wir: King Kong meets Godzilla.
Für sie selbst, erzählt Elizabeth Strout, sei es aber so gewesen: dass sie irgendwann überrascht festgestellt habe, dass die beiden Frauen – die eine fast neunzig, die andere in ihren Sechzigern – ja in der gleichen Stadt lebten, aber sich nie begegnet seien. „Und dann konnte ich nicht anders und habe einfach dafür gesorgt.“ Man muss nur ein paar Minuten mit Strout sprechen, um zu verstehen, dass sie diese spielerische Freiheit braucht, um die erzählerische Komplexität ihres verschachtelten Werks immer wiederkehrender Figuren mit Leben und Selbstverständlichkeit zu füllen.
„Ich wünschte, mein Kopf würde so funktionieren.“
Gerade die beiden Romane über die schwierige, scharfsinnige, oft gemeine, noch öfter witzige Olive Kitteridge – für den ersten bekam Strout 2009 den Pulitzerpreis – sind eigentlich lose verbundene Erzählungen. Fragmentiert in der Art, wie sie die Literatur der Postmoderne hervorgebracht hat, fragmentiert wie die Gesellschaft. Elizabeth Strout ist promovierte Juristin (und in zweiter Ehe mit James Tierney verheiratet, der lange Generalstaatsanwalt von Maine gewesen ist), und sie unterrichtet auch kreatives Schreiben. Aber sie sagt, wenn man nach Theorie und Praxis ihrer Romane fragt: „Ich wünschte, mein Kopf würde so funktionieren, aber das tut er nicht. Ich sehe diese Figuren vor mir, stecke sie zusammen und schaue, was dann passiert. Es ist ziemlich schlicht.“
Das ist natürlich gar nicht schlicht, sondern kokett, aber es stimmt schon auch, dass der große Reiz und die Weisheit dieser Geschichten darin liegt, dass deren Erfinderin mit dem Personal wie mit einer Modelleisenbahn oder Puppenstube spielt, eine kleine Welt, Distanz, Neugierde, auch Rücksichtslosigkeit. Olive Kitteridge, so hat es Elizabeth Strout schon häufiger erzählt, sei ihr eines Tages beim Ausräumen der Spülmaschine erschienen – und dann nie wieder weggegangen.

„Meine Figuren sind immer bei mir“, sagt sie, manche eben schon seit Jahren, aber sie schaut sie von außen an und schreibt mit, was ihnen geschieht, geschehen ist. Es ist eine schöne Ironie, mit Elizabeth Strout über diese Figuren und ihre Melodramen zu reden, weil die Figuren in den Romanen ja auch nichts anderes tun, als miteinander übereinander zu reden. Das ist, im Wesentlichen, der Kern von „Erzähl mir alles“: Olive hat von der Schriftstellerin Lucy gehört und bittet sie zu sich, weil sie ihr die Geschichte ihrer eigenen Mutter erzählen will. Und so tun die Frauen das regelmäßig und erzählen sich gegenseitig dramatische Lebensgeschichten anderer Menschen.
Bald erscheint schon der nächste Roman
Der nächste Roman ist auch schon fertig und erscheint schon Ende Mai auf Englisch – jetzt gerade aber, erzählt die Autorin, sei sie ausgelaugt von der Gruppe von Menschen, denen sie und ihr Publikum seit Langem folgen: „Deswegen geht es in meinem neuen Buch nicht mehr um sie, ich habe sie in Ruhe gelassen. ‚Erzähl mir alles‘ fühlte sich an wie eine Art von Kulminationspunkt.“
Herbst ist also in Crosby, und Lucy und ihr Freund Bob, ein Anwalt, verheiratet mit der Pastorin Margaret, gehen oft und lange spazieren, um sich ihre Leben und ihre Ehen zu erzählen. Im Hintergrund flackert die amerikanische Gegenwart auf, der Ukrainekrieg, die überwundene Pandemie, die Lucy und ihren Ex-Mann William nach Crosby gebracht hatte, aber Strout geht sparsam mit solchen Signalen um: Wie sich die Verhältnisse zuspitzen, zeigt sie an der Freundschaft zwischen Lucy und Charlene, die im Altenheim von Crosby putzt.
Der Riss, der durch das Land geht
Im Buch davor, „Am Meer“, hatten sie sich während der Pandemie kennengelernt, es war klar, dass die eine nicht an Masken glaubt, die andere schon, aber sie helfen beide bei der Tafel in Crosby aus und reden. Charlene, die immer nur ihren Lieblingssender schaut, hat inzwischen aber einen neuen Mann kennengelernt, Carl, der eine Dachdeckerfirma hat und dem nicht gefällt, wer sich an der Tafel Spenden holt, also geht Charlene dort immer seltener zum Helfen hin, ruft irgendwann auch nicht mehr Lucy zurück, „und so wurde der Riss, der durch das Land ging, immer tiefer“.
Viele der Figuren – der wundervolle Bob und sein Bruder Jim, Matthew Beach, der verdächtigt wird, seine Mutter umgebracht zu haben und den Bob als Anwalt vertritt, Lucy vor allem – haben sich aus armen Verhältnissen herausgekämpft oder sind arm geblieben. Erst spät, erzählt Elizabeth Strout, und erst, nachdem ihre Kollegin Andrea Barrett sie darauf aufmerksam gemacht habe, sei ihr klar geworden, dass es in ihren Romanen um Klassen geht, und oft eben um die Ärmsten.
Eine Art melancholische Gegenwartssoziologie
Aber weil sie zuschaut und über das, was sie sieht, keine großen Worte macht, sich das Bild selbst entwickeln lässt, ergibt sich da eine fast schon dokumentarische Stimmung, ein soziologisches, in jedem Fall melancholisches Gegenwartsbeschreibungsprojekt. Fast wie damals, als unter Präsident Roosevelt zur Zeit der „Great Depression“ der Dreißigerjahre Leute wie Walker Evans oder Dorothy Lang mit ihren Kameras loszogen, um die bitter verarmten Familien auf ihren vertrocknenden Farmen zu fotografieren.

Die Zeiten, in denen eine amerikanische Regierung so ein Kunstprojekt fördern würde, sind längst vorbei, aber die Notwendigkeit, Statusangst zu dokumentieren, ist heute genauso dramatisch dringend wie damals. Die Behauptung, man müsse unbedingt J. D. Vances „Hillbilly Elegy“ lesen, um die weiße amerikanische Arbeiterklasse zu verstehen, weil sich die liberale Blase nicht genug um diese Menschen und deren Enttäuschungen gekümmert habe, hält jedenfalls nicht stand, wenn man in die Bücher von Elizabeth Strout schaut, deren – fast durchweg weißes – Personal mit schwindendem Bedeutungsverlust bei gleichzeitigem Sendungsbewusstsein hadert.
Die Vermarktung ihrer Bücher passt nicht zur Desolation
Es hilft leider nicht, dass ihr amerikanischer – wie deutscher – Verlag die Bücher in Umschlägen vermarktet wie für Titel, die man im Urlaub an der Strandpromenade kauft. Tee, Duftkerzen, Kuscheldecke, Leuchttürme: Nichts dagegen, aber hier geht es um desolates Zeug, auch wenn Elizabeth Strout davon noch so schön erzählt, sie selbst spricht von „quiet intimacy“, leiser Intimität.
Elizabeth Strouts Vater war Professor, die Mutter Lehrerin, beide streng und spaßbefreit, so klingt es, wenn sie von ihnen erzählt – und sie hat den dortigen Menschenschlag zum Personal eines erzählerischen Biotops gemacht, dessen Bedeutung weit über die Grenzen von Maine hinausgeht. Wenn Politiker aus Trumps „Make America Great Again“-Bewegung jetzt das angelsächsische Erbe der USA beschwören, dann meinen sie damit weiße Männer und Frauen, wie sie Strouts Romane bevölkern – selbst wenn nur manche unter ihnen, wie Charlene und ihr neuer Freund, Trump wählen würden.
Die MAGA-Parolen von den weißen Angelsachsen
Aber wenn man die Autorin danach fragt, was sie glaubt, was sich die MAGA-Leute darunter vorstellen, wenn sie das Idealbild des „White Anglo-Saxon Protestant“ als den wahren Amerikaner preisen, dann lacht sie nicht, sondern sagt ratlos, dass sie keine Ahnung hat, was das heute noch sein könnte und die Leute damit meinen, die es beschwören. Es ist auch wieder nur eine Parole.
Geboren wurde Elizabeth Strout 1956 in der Küstenstadt Portland, mit den Füßen im Atlantik, sie hat schon als Mädchen Erwachsenenbücher gelesen, weil im Regal der akademisch gebildeten Eltern keine anderen standen. Und sie hat auch genauso früh angefangen zu schreiben.
Buchautorin mit Anfang vierzig
Zur Buchautorin wurde sie erst mit Anfang vierzig, nachdem sie als Anwältin unter anderem bei einer Rechtshilfeorganisation für sozial Schwache gearbeitet hatte. Das war 1998, und gleich ihr erster Roman, „Amy & Isabelle“, baute auf eine Konstellation, die also auch das neue Buch wieder anwendet: zwei Frauen, im Debüt waren es Mutter und Tochter, permanent ins Gespräch vertieft, die miteinander um den Platz im Leben der anderen und den eigenen Platz in der Welt ringen und fragen, warum es den einen Menschen gelingt, glücklich zu werden, und den anderen nie.
„Alle diese unbeachteten Leben, und die Menschen leben sie einfach!“, sagt Lucy irgendwann zu Olive, all these unrecorded lives: Das ist doch auch das erzählerische Projekt von Elizabeth Strout? Und die stimmt sofort zu, sagt aber auch, dass ihr diese Formel erst klar wurde, als Lucy sie aussprach: „Mich interessiert das Alltagsleben der Menschen, von denen wir sonst nie hören würden.“ Im neuen Roman meldet sich zum ersten Mal eine auktoriale Erzählstimme zu Wort: kein Ich, ein Wir, ein Indiz, eine Ahnung, die Hoffnung auf ein Kollektiv gegen die Zersplitterung. Elizabeth Strout findet die Worte dafür.
Elizabeth Strout, „Erzähl mir alles“. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Luchterhand, 400 Seiten, 25 Euro.
