
Das Flugzeug kreist nördlich von Moskau, schon nicht mehr auf der Reiseflughöhe, sondern dem Boden etwas näher. Im Süden strahlen die Lichter der russischen Hauptstadt in die klare Nacht wie eine riesige Kuppel aus Licht. Dort hinten ist das Ziel. Aber noch hängt die Maschine in der Warteschleife. Die Karte an Bord zeigt sie irgendwo zwischen den Städten Twer im Westen und Jaroslawl im Osten, wohl über dem Pilgerort Sergijew Possad. Man kann Drohnenalarm am Zielflughafen vermuten, immer wieder werden mit solchen Begründungen Starts und Landungen ausgesetzt. Aber die Piloten sagen nichts zu den Gründen der Verzögerung, nur die Ankunftszeit verschiebt sich.
Die Passagiere, fast ausschließlich Russen, nehmen es gelassen. Die Verspätung ist kein Thema an Bord. Dauert ein Alarm so lange, dass das Kerosin zur Neige geht, werden manchmal Ersatzflughäfen angesteuert, Sankt Petersburg etwa oder Kasan. In diesem Fall aus der Nacht auf Montag bleibt es aber bei knapp einer Stunde Verspätung. Kurz nach Mitternacht landet die Maschine auf dem Flughafen Wnukowo südlich von Moskau.
Behörden meldeten keinerlei Schäden oder Opfer
Nur wer sein mobiles Internet freischaltet, indem er in einem sogenannten Captcha nacheinander zwei Puzzles löst, kann von der Staatsnachrichtenagentur TASS erfahren, dass die Flugabwehr gerade 28 ukrainische Drohnen abgeschossen habe, die Richtung Moskau unterwegs gewesen seien. Und, dass die Hauptstadtflughäfen Wnukowo, Domodjedowo und Scheremetjewo ihre Arbeit wieder aufgenommen hätten. Nach Angaben von Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin hat die Flugabwehr vom vergangenen Samstag bis Dienstag insgesamt rund 310 Drohnen im Anflug auf Moskau abgeschossen. Das wäre mit großem Abstand ein neuer Rekord.
Im Unterschied zu früheren Drohnenangriffswellen blieb diese aber seltsam folgenlos. Obwohl die insgesamt vier Flughäfen der russischen Hauptstadt immer wieder kurzzeitig Starts und Landungen aussetzten, kam es dort nicht zu chaotischen Zuständen. Zudem meldeten die Behörden sowie drei den Sicherheitskräften nahestehende Portale keinerlei Schäden oder Opfer. Sie veröffentlichten auch keine Fotos und Videos zu den Angriffen, hob das exilrussische Portal Agenstwo hervor und zog Vergleiche mit den beiden nächstgrößeren Attacken.
Am 11. März 2025 gab es demnach einen Angriff mit mehr als 70 Drohnen; drei Personen wurden getötet und 18 weitere verletzt, und die einschlägigen Telegramkanäle brachten 76 Foto- und Videobeiträge dazu, obwohl solche Berichte eigentlich verboten sind. Am 11. Dezember führten dann 41 Drohnen an den Hauptstadtflughäfen zu einem Kollaps, und die Telegramkanäle brachten dazu laut Agenstwo immerhin fünf Foto- und Videoposts. Für den angeblichen Rekordangriff fand das Portal hingegen nur drei Posts mit Videos, die Drohnen in der Luft vor blauem Himmel sowie eine nächtliche Explosion zeigen und die aus dem Moskauer Umland stammen sollen – indes bei einem ukrainischen Telegram-Kanal.
Wie Telegram „feindliches Verbindungsmittel“ wurde
Zwar hörten auch Anwohner in der Gegend von Wnukowo knallende Geräusche. Aber Zweifel am Ausmaß der Drohnenattacke bleiben. Ende Dezember hatte Moskau einen ukrainischen Angriff mit angeblich 91 Drohnen gemeldet, der sich gegen Präsident Wladimir Putins Residenz im Waldaj-Höhenzug zwischen Moskau und Sankt Petersburg gerichtet habe. Klar wurde, dass so der amerikanische Präsident Donald Trump in den Verhandlungen um ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gegen diese eingestimmt werden sollte. Aber Trump glaubte der Geschichte nicht, und Belege fehlten.
Auch wenn Moskau nun weiter Trump umwirbt und Putins Sprecher sagt, Kiew solle einen „vergeblichen Widerstand“ gegen eine „Fortsetzung des Friedensprozesses“ aufgeben, dürfte dieses Mal das russische Publikum das Ziel der Medienoffensive sein. Denn die Meldungen über die angeblichen Rekorddrohnenangriffe auf Moskau spielen vor dem Hintergrund von Störungen des mobilen Internets, über die viele Bewohner der Hauptstadt insbesondere in der vergangenen Woche klagten. Hinzu kommt die beginnende Sperrung des beliebten Messengers Telegram, den der Kreml durch einen „nationalen Messenger“ namens Max ersetzen will.
Anfang März benutzte der Kreml ein Treffen Putins mit Frauen aus Anlass des Internationalen Frauentags, um Telegram durch die Kommandeurin einer Verbindungseinheit der Armee als „feindliches Verbindungsmittel“ bezeichnen zu lassen. Dabei soll der Messenger für die russischen Invasionstruppen in der Ukraine angeblich weiter funktionieren, wenn er in Russland schon ganz blockiert sein soll. Max müsse noch etwas verfeinert werden, dann werde „an der Front alles gut“, jubilierte die Offizierin in der Inszenierung des Kremls. Fachleute sehen den Messenger dagegen als Mittel zur Maximalüberwachung der Kommunikation der Russen.
Mit VPN gibts auf manche blockierte Messenger Zugriff
Auch Putins Beamte, die selbst Nachstellungen des Inlandsgeheimdienstes FSB fürchten, misstrauen Max. Manche legen sich angeblich weitere Smartphones zu, um die App nicht auf ihren üblichen Geräten installieren zu müssen. Russische Medien und auch die sogenannten Z-Kriegsblogger fürchten um ihr Millionenpublikum auf Telegram und um ihre Werbeeinnahmen.
Umso mehr wirken die Machthaber bestrebt, die unpopuläre Blockierung mit einer erhöhten Bedrohungslage zu rechtfertigen. „Keine Region Russlands kann sich sicher fühlen“, sagte der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Sergej Schojgu, am Dienstag in Jekaterinburg im Ural. Diese Region sei noch vor Kurzem für Luftschläge von ukrainischem Gebiet unerreichbar gewesen, „aber liegt heute schon in der Zone unmittelbarer Bedrohung“.
Zugleich fällt mit Blick auf das mobile Internet in Moskau wieder einmal auf, wie schwierig es ist, sich ein Bild von der Lage zu machen. Anhand von Störungsmeldungen und Beschwerden über die sogenannten Shutdowns beim Internet in Moskaus Zentrum zeichnen manche Medien ein düsteres Bild der Situation.
Das können die Betroffenen vor Ort aber nicht immer nachvollziehen. Ein Geschäftsmann etwa findet die Berichte zu den Shutdowns übertrieben. Er habe währenddessen zum Beispiel sein Taxi nicht beim ersten Versuch bestellen können, aber dann eben beim zweiten, berichtet der Moskauer.
Zwar hat er schon die Apps fünf verschiedener VPN-Anbieter auf seinem Smartphone installiert, um über den Umweg über ausländische Server die immer zahlreicher werdenden Blockierungen umgehen und weiter auf die beliebten Messenger Whatsapp und Telegram zugreifen zu können. Doch auch während der Shutdowns habe er jeden Tag über Whatsapp telefoniert, „oft sogar ganz ohne VPN“. Dabei sollte der amerikanische Messenger längst blockiert sein, noch vor Telegram.
