Jason George gilt früh als großes Talent im Basketball. Der Junioren-Nationalspieler wechselt 2018 mit 17 Jahren vom Basketball-Bundesligaklub Ulm zum FC Bayern München, kommt 2020 erstmals in der Bundesliga sowie in der Euroleague zum Einsatz. Nachdem ihn sein Trainer geschlagen hatte, wird George Ende 2022 an Chemnitz ausgeliehen. Eine Dopingkontrolle im April fällt positiv aus, die Sperre wird aus verschiedenen Gründen auf 26 Monate verkürzt.
Im August 2025 kehrt George, der 124 Pflichtspiele in Bundesliga, Pokal und europäischen Ligen bestritt, als Spieler des ProB-Klubs Leitershofen zurück, erzielt 15,4 Punkte im Schnitt. Im Dezember verpflichtet ihn der Erstligaklub Würzburg Baskets. Zurzeit ist George verletzt.
Vor wenigen Wochen haben Sie einen Profivertrag beim Bundesligaklub Würzburg Baskets unterzeichnet. Was war das für ein Gefühl?
Ein sehr gutes. Es gibt mir Sicherheit. Ich bin wieder zurück, kann in Würzburg wieder das Level als Spieler erreichen, das ich hatte, bevor ich positiv getestet wurde.
Was löste das Ergebnis der Wettkampfkontrolle im April 2023 bei Ihnen aus?
Als ob die Welt untergeht. Alles schien wie außer Kontrolle geraten. Mein Kopf war nicht vorbereitet, ich konnte es nicht verarbeiten. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass das jetzt eine Realität ist.
Wie ist es dazu gekommen?
Ich will nicht als Opfer erscheinen. Aber es war eine Reaktion auf das, was ich erlebt habe, als ich jung war, und auf das, was ich im Profigeschäft erlebte.
Basketball war mein Leben. Ich habe gespielt, weil es mir so viel Freude gemacht hat. Ich wollte Profi werden, ich hatte große Träume. Deshalb bin ich so weit gekommen. Es war reine Freude. Aber je weiter ich kam, desto mehr spielten das Business und die Politik mit rein. Es wurde kälter. Ich will aber nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen.
Ja, das entwickelte sich langsam. Ich hatte viel Erfolg, durfte als junger Spieler viel machen. Dass Druck dabei ist, klar. Aber es gab auch unnötigen Druck, leere Versprechungen, die nicht eingehalten wurden. Leider war ich damals leicht zu manipulieren. Ich war jung, ich hatte Träume. Wenn ich jetzt zurückschaue, sehe ich Momente, in denen meine damalige Naivität ausgenutzt wurde. Vielleicht habe ich auch ein bisschen weggeschaut oder nicht richtig hingehört. Ich hätte wohl auch mal widersprechen sollen. Stattdessen habe ich den Spaß am Basketball verloren und bin dann in eine Rolle gerutscht.

Ich habe nur noch funktioniert. Es kam eins nach dem anderen dazu und dann auch Drogen.
Ich habe angefangen, ein bisschen Marihuana zu rauchen. Es war im Sommer, ich dachte, die Saison ist weit weg. Das hat mir anfangs auch geholfen. Anfangs schien alles im Rahmen, unter Kontrolle, es hat mich jedenfalls nicht weiter beeinflusst auf dem Spielfeld. Ich dachte, alles sei unter Kontrolle.
Sie haben eine stark stimulierende Droge eingenommen. Wurden Sie abhängig?
Ja. Ich brauchte die Drogen, sie wurden meine Medizin gegen den Schmerz, keinen Spaß mehr zu empfinden beim Basketball.
In Ihrer Probe wurden Spuren von Crystal Meth gefunden …
Dabei hatte ich Crystal Meth nicht wissentlich eingenommen. Bei Folgeproben stellte sich heraus, dass Crystal Meth aufgrund der extrem niedrigen Konzentration in einer anderen Droge in Spuren enthalten sein musste, sehr wahrscheinlich in damit kontaminiertem Kokain, was ich genommen hatte. Ich bin erst mit dem Probenergebnis mit dem Konsum von Crystal Meth konfrontiert worden. Das war für mich total überraschend. Ich hatte immer geglaubt, Kokain genommen zu haben. Wenn es allein das gewesen wäre, dann hätte ich Chancen auf eine wesentlich geringere Strafe gehabt, vielleicht nur sechs oder nur drei Monate. Aber…
Drei oder sechs Monate hätten wohl nicht gereicht, dass ich kapiere, was zu tun ist. Alles hat seinen Grund. So sehe ich das. Ich habe die Zeit gebraucht.
Wen sehen Sie, wenn Sie auf sich zurückschauen?
Eine andere Person, ich war ein anderer Mensch. Ich hatte kein wirkliches Leben außerhalb des Basketballs. Im Sommer war ich manchmal mit Freunden unterwegs, ja, aber während der Saison war ich eigentlich nur Basketballspieler, einer, der funktionieren muss und wollte. Ich glaubte daran von Anfang an. Deshalb hatte ich auch Erfolg, das prägte meine Persönlichkeit. Die Leute haben mich auch gerne so gesehen.
Wie haben Sie sich damals gesehen?
Als ich den Spaß verloren hatte, fühlte ich mich wie ein Clown, wie jemand, der in einem Kostüm auf die Bühne geht, aber nicht mehr aus dem Kostüm rauskommt, wie gefangen ist darin. Mein Gefühl war: ,Du musst mit dem Zirkus weiterhin herumziehen und den Leuten Freude bereiten.’ Aber ich fühlte mich innerlich wie tot.
Wirkt sich das nicht negativ auf die Leistung aus?
Anfangs nicht. Ich habe immer noch performt. Ich war auch immer interessiert, gut zu spielen. Aber es freute mich nicht mehr, wenn es gelang. Es war eher das Gefühl: ,Du musst das so machen.‘ Es spielte der andere Jason, der im Kostüm. Mein Ego war wie gestorben. Am Ende habe ich bei den Bayern auch nicht mehr gespielt.
Lars Mortsiefer ist Vorstandsvorsitzender der Nationalen-Anti-Doping-Agentur NADA, die den gesamten Prozess gemanagt hat. Der Jurist ist beim Gespräch zugeschaltet.
Wie nahmen Sie Jason George wahr?
Als ich Jason, über zwei Meter groß, zum ersten Mal traf, sah ich einen ganz kleinen, schüchternen Menschen auf mich zukommen. In der Regel streiten positiv Getestete zuerst alles ab, stellen alles infrage, das ist legitim. Hier war es anders. Er und sein Management wirkten vom ersten Moment an betroffen. Wir waren offen für ihn, und er hat sich uns geöffnet. Es war gut zu erkennen, dass es nicht um einen klassischen Dopingfall ging, sondern dass die ganze Lebenssituation damit zu tun hatte. Deshalb haben wir uns viel Zeit genommen, fast anderthalb Jahre. Wir haben immer wieder gesprochen, um herausarbeiten zu können, dass es nicht nur um die Sanktion geht, sondern auch um Prävention, um die Resozialisierung, um die Rückkehr der Leidenschaft für Basketball. Das war der rote Faden.

Sie erklärten nach einer gewissen Zeit, sein positiver Test sei kein absichtlicher Versuch einer Leistungssteigerung gewesen. Wie findet man das heraus?
Jason hat früh eingeräumt, dass er eine Substanz genommen hat, die nicht in den Körper gehört, die verboten ist. Das war, wie er es beschrieben hat, eine bewusste Einnahme. Allerdings, und das haben wir dann auch gemeinsam herausarbeitet, eben nicht zur Leistungssteigerung im Basketball. Die Stoffe haben seine Leistung auf Dauer eher verschlechtert. Wir haben erkennen können, dass es eine andere Ursache hatte, so wie es bei Social Drugs der Fall sein kann. Natürlich waren wir anfangs skeptisch. Als wir merkten, dass er die Sanktion und alles, was damit zusammenhängt, komplett akzeptiert, sahen wir auch die Chance, ihm zu helfen, dass er aus seinem bestehenden Umfeld ausbrechen und neu anfangen kann.
Bei einer Verwendung von Dopingmitteln mit der Absicht einer Leistungssteigerung hätte die Sperre vier Jahre betragen.
Das ist richtig. Sein Verhalten, das seines Managements, diese große Offenheit führten jedoch zu einer Reduzierung der Sperre auf zwei Jahre und vier Monate. Das Entgegenkommen ist Teil des Regelwerkes der Welt-Anti-Doping-Agentur. Wir haben es einzelfallbezogen angewandt und mit Leben gefüllt.
Herr George, welche Rolle spielte der positive Test im Rückblick für Sie?
Ich betrachte ihn im Nachhinein als Geschenk. Das war am Anfang nicht so, weil alles so außer Kontrolle schien. Aber später, als ich erkannte, dass auch die Maskerade gefallen war, die ich getragen hatte. Ich war das Kostüm losgeworden.
Ich habe mehrere Briefe geschrieben, einige Seiten lang, an mich selbst. Das war wie ein Reality-Check. Mike (Michael Canty, sein Manager/d. Red.) war die erste Person, mit der ich offen darüber sprach, was ich genommen hatte. Er hat mir zu dem Brief geraten. Mir wurde beim Schreiben klar, dass ich nichts im Griff gehabt hatte. Ich spielte auf jeden Fall Roulette. Wenn man die Drogen von der Straße bekommt, dann kann da ja alles drin sein. Wenn ich also nicht positiv getestet worden wäre, wenn ich nicht davon losgekommen wäre, dann, ja … keine Ahnung. Aber ich glaube, ich war nicht weit weg von einer Überdosis.
Wie lange haben Sie Roulette gespielt?
Die Entwicklung lief über circa einen Monat, in dem sich der Konsum stetig gesteigert hat, das war nach meinem Wechsel nach Chemnitz (ausgeliehen im Dezember 2022/d. Red.). Damals hatte es eine Kontrolle mit negativem Ergebnis gegeben. Ich dachte, ein zweiter kommt so schnell nicht, alles wird gut. Aber wie würde mein Leben jetzt aussehen, wenn es nicht zum positiven Test gekommen wäre? Wäre ich davon weggekommen? Es musste was Drastisches passieren. Jetzt weiß ich, dass der positive Test für mich letztlich das Beste war, was passieren konnte.
Hat niemand gemerkt, in welchem Zustand Sie sich befanden?
Nicht wirklich. Ich bin von Natur aus eher verschlossen. Ich rede nicht mehr, als ich muss. Ich hab’s mir auch nicht anmerken lassen. Nur ein, zwei Mitspieler wussten zum Ende hin, dass ich mal was genommen hatte. Ich führte ein Doppelleben, ich und dieser Spieler im Kostüm.
Was braucht man, um herauszukommen aus so einer Lage?
Das Gefühl, nicht allein zu sein. Nach ein paar Tagen hat mich Mike aus Chemnitz abgeholt. Ich war dann bei ihm in Magdeburg. Er hat mir geholfen, den Brief zu schreiben. Ich habe ihn mit der Hand geschrieben. Ich habe mit der Zeit noch vor dem Basketball begonnen. Zum ersten Mal schaute ich nicht nur von Spiel zu Spiel, sondern auf das Ganze. Was dies oder jenes beeinflusst hat. Dinge in meiner Kindheit, in meiner Jugend. Ich hatte auch Hilfe von einem Psychologen. Manches begriff ich erst auf diesem Weg.
Wann haben Sie zum ersten Mal Drogen eingenommen?
Da war ich noch in München, es müsste in etwa vier Jahre her sein, zur Weihnachtszeit. Es gab da den Zwischenfall mit meinem Trainer.
Der damalige Coach des FC Bayern, Andrea Trinchieri, hatte Sie im Dezember 2021 mit wutentbranntem Gesicht in einer Auszeit während eines Euroleague-Spiels gegen Baskonia in den Bauch geschlagen und dann geschubst …
Ja. Das war für mich eigentlich der Grund zu gehen. Ich hatte meine Sachen schon gepackt, ich war aus der Wohnung raus. Mir wurde aber abgeraten zu gehen. Ich will aber nicht ins Detail gehen und ich will nicht als Opfer erscheinen. Ich hab’s schon gesagt. Es gab Momente, in denen ich mich nicht geschützt habe. Und das war ein Moment, in dem ich mich im Rückblick manipuliert fühle. Das sah ich damals nicht.

Weil Sie keine andere Welt kannten?
Ja, weil ich halt nur Basketballer war in meinem Kopf und alle Entscheidungen mit Blick auf den Basketball getroffen habe und nicht mit Blick auf Jason, die Person. Ich war nicht bereit, den Stecker zu ziehen.
Sie mussten aus dem Spiel genommen werden?
Ja, so kann man das sagen.
Was hätte Ihnen geholfen, gar nicht erst in diese Situation zu kommen?
Schwer zu sagen. Ich weiß ja, dass Profibasketball ein hartes Business ist. Aber ich meine, dass Spieler trotz des Drucks für alle auch als Menschen betrachtet und behandelt werden müssen. Mich hat niemand wirklich beschützt. Letztlich musste Mike kommen und sagen: ,Hey, pack deine Sachen, du musst hier raus.‘ Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wer ich war. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich etwas falsch gemacht hatte, dass ich zu einer drastischen Aktion greifen muss. Ich war vier Jahre in München. Es kam alles wie aus dem Nichts. An dem Abend, bevor ich gegangen bin, habe ich dann Alkohol getrunken und bin in Kontakt mit Kokain gekommen, zum ersten Mal. Bei der Rückschau habe ich dann verstanden, dass es nicht nur dieser eine Moment war, der zu der Entwicklung führte. Als junger Spieler, wenn man nichts zu sagen hat, musste man auch einstecken. Jedenfalls wurde das so gesagt. Und ich habe es angenommen.
Herr Mortsiefer, sehen Sie auch den Mechanismus des Spitzensports hinter diesem Fall?
Ja, durchaus. Sportler können in einen Mechanismus geraten, den sie irgendwann nicht mehr beeinflussen, schon gar nicht mehr steuern können. Wir reden von Drucksituationen, die vielleicht hundertfach, tausendfach tagtäglich im deutschen Spitzensport ablaufen. Die meisten, die in so eine Enge geraten, verlieren die Freude, suchen nach Entlastung, finden dann in Einzelfällen ein falsches Umfeld und andere Ventile wie in Jasons Fall. Dann tauchen Spuren etwa von Crystal Meth in einer Probe auf. Man muss das noch mal erwähnen: Crystal Meth ist eine gefährliche Droge und macht sehr, sehr schnell abhängig. Es können massive Gesundheitsschäden auftreten. Insofern ist es für uns auch sehr wichtig, möglichst früh mit Präventionsarbeit zu beginnen, die Sportler so früh wie möglich auf die Gefahren hinzuweisen und ihnen zu helfen, mit den Drucksituationen vernünftig umzugehen, sodass sie gestärkt werden und nicht daran zerbrechen.
Ist der Fall Jason George auch für die NADA ein Geschenk?
Zumindest ist die Entwicklung von der positiven Probe zu einer im besten Sinne positiven Geschichte sehr wichtig für uns. Wir können zeigen, dass die NADA mehr sein kann als eine Kontrollinstitution. Ein positives Analyseergebnis kann offenbar zu einem kompletten Richtungswechsel eines jungen Menschen führen.
Sie sind 17 Jahre bei der NADA. Hatten Sie einen vergleichbaren Fall?
In meiner Zeit nicht. Jason hat sich aus meiner Sicht komplett selbst herausgearbeitet, natürlich auch mit Unterstützung seines Managers Michael und seiner Familie. Das ist sehr wichtig. Michael hat als Manager viel mehr getan, als ein Manager tun müsste. Er vermittelte und ließ uns immer wieder teilhaben. Das hatten wir so noch nicht erlebt. Das war über die lange Zeit überzeugend und hat uns bewogen, uns entsprechend einzusetzen.
Zwei Jahre und vier Monate ohne ein einziges Spiel, kein Teamtraining – wie hält man das aus?
Ich dachte ja zuerst, das war’s, das Leben ist vorbei, mit 22. Dann konnte ich eine Zeit lang keinen Basketball sehen, ich habe mich voll rausgenommen. Das hat mir gutgetan. Ich habe viel meditiert, gefastet, meine Ernährung umgestellt, auf vegetarisches, auch auf veganes Essen. Es hat sich viel verändert in meinem Kopf. Ich meine, ich bin daran gewachsen.
Wann haben Sie Basketball wieder sehen und spielen können?
Nach den Gesprächen mit der NADA, als man mir zuhörte, kehrte es sich langsam ins Positive. Es war aber nicht einfach, zu einem Freiplatz zu gehen und mit anderen dort zu spielen. Denn ich dachte, dass doch alles öffentlich war und man mich als Monster betrachtete. Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf auf dem Weg zum Freiplatz. Und deshalb bin ich zurückgegangen. Das war auch sehr schwierig, weil der Basketballplatz mein Leben war. Er war lange mein Safe Space.
Wann fassten Sie wieder Mut?
Als sich abzeichnete, dass die Sperre um eineinhalb Jahre reduziert werden sollte auf zwei Jahre und vier Monate. Zu diesem Zeitpunkt blieb von der Sperre noch circa ein Jahr übrig. Das hat mich wieder angetrieben. Aber man kann noch so viel alleine in der Halle werfen. Es ist etwas ganz anderes, einen Gegenspieler auf demselben Niveau gegen sich zu haben, hoch und runter zu rennen, die Fans auf den Rängen im Rücken oder vor Augen. Ich muss erst mal das Timing wiederbekommen und die Kondition vor allem. Aber ich bin zuversichtlich. Es gab einen Grund, warum ich so weit gekommen bin. Das verliert man nicht in meinem Alter. Es ist eine Frage der Zeit, bis alles wieder flüssig läuft.
