Im vergangenen Jahr wurden Knochen aus dem Magdeburger und Bamberger Dom untersucht, die den beiden hochmittelalterlichen Kaisern Otto I. und Heinrich II. zugeordnet werden. Nun wurden die archäogenetischen Resultate auf einer Pressekonferenz in Magdeburg vorgestellt, an der Sven Schulze, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, und Harald Meller, Direktor des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie, teilnahmen.
Die Befunde bestätigen, dass die Gebeine tatsächlich von den historischen Herrschern stammen, die bis heute im geschichtlichen und kirchlichen Bewusstsein überaus präsent sind. Die soeben veröffentlichte Studie, an der auch der Verfasser beteiligt war, ist jedoch nicht nur als Echtheitsnachweis der sterblichen Überreste zweier prominenter mittelalterlicher Individuen von Bedeutung. Vielmehr weist sie darüber hinaus. Denn eine hier angewendete jüngere Methode der Archäogenetik zur Verwandtschaftsanalyse besitzt das Potential, neues Wissen auch über einfache Menschen in der Vormoderne zutage zu fördern.
Otto I. (912 bis 973) und Heinrich II. (973 bis 1024) waren Ottonen. Diese Dynastie herrschte mehr als hundert Jahre, von 919 bis 1024, über das ostfränkische Reich und hatte einen nachhaltigen Einfluss auf den Verlauf der europäischen Geschichte. Denn die Ottonen verknüpften den seit Karl dem Großen für das Frankenreich beanspruchten Kaisertitel fest mit der von ihnen regierten Osthälfte dieses Imperiums, und aus dieser Hälfte entstand später im Mittelalter das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Otto I. „der Große“ war von 962 an der erste Kaiser der Dynastie, sein Großneffe Heinrich II. von 1014 an der letzte. Heinrichs Großvater war ein Bruder Ottos I. gewesen, und nachdem der Enkel Ottos I., Kaiser Otto III., ohne Kinder gestorben war, folgte Heinrich II. auf ihn. Heinrichs Ehe mit seiner Gattin Kunigunde blieb ebenfalls ohne Nachwuchs, weshalb mit den Saliern ein neues Herrscherhaus an die Macht kam.
Die AfD hat einen Plan für Ottos Grab
Im nationalen Geschichtsbild späterer Zeiten waren die Ottonen beliebte Projektionsflächen. Das galt besonders für Otto I., aber auch für seinen Vater, König Heinrich I. Dieser wurde oft anachronistisch als der erste deutsche König angesprochen, was er schon deshalb nicht sein konnte, weil sich ein deutsches Volk erst deutlich später ganz langsam herauszubilden begann. Besonders stark instrumentalisierten Heinrich I. die Nationalsozialisten, die auch reges Interesse an seinem Grab zeigten.
Erst der jüngeren mediävistischen Forschung um Hagen Keller und Gerd Althoff ist es gelungen, die Ottonen vollständig vom Korsett der nationalen Retro-Perspektive zu befreien. Das hält aber leider heute manche nicht davon ab, die Ottonen erneut in den Dienst des Nationalismus nehmen zu wollen. So plant die AfD-Fraktion im Magdeburger Landtag das Grab Ottos I. als Station auf einer „Straße des deutschen Reiches“ ein, an der man einen „Stolz-Pass“ ausfüllen lassen kann, und sie möchte es in eine Wanderausstellung „Sachsen-Anhalt – Wo Deutschland begann“ integrieren.
Dass das Interesse für den Kaiser auch ganz ohne solchen Unfug groß ist, zeigt der Publikumserfolg zahlreicher rasch aufeinanderfolgender, von der modernen Geschichtswissenschaft und Archäologie getragener Ausstellungen zu Otto I. in Magdeburg in den Jahren 2001, 2006 und 2012. Seit 2018 widmet die Stadt, die der Kaiser vor allen bevorzugte und die er zum Sitz eines von ihm neu gegründeten Erzbistums machte, ihm sogar ein eigenes Museum. Das Ottonianum setzt besonders auf die archäologischen Grabungsergebnisse im Dom und ihre plastische Darstellung.

Heinrich II. ist der einzige Kaiser, der von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird (denn Karl der Große gelangte nie offiziell in diesen Rang). Er genießt zudem als Bistumsgründer in Bamberg ebenfalls große Verehrung. Ihm und seiner Kaiserin Kunigunde, die ebenfalls heiliggesprochen wurde, war dort 2024/25 eine umfangreiche Ausstellung gewidmet.
Wolfgang Kubicki gab sich skeptisch
Beide Herrscher ließen sich in den von ihnen selbst gestifteten Domkirchen in Magdeburg und Bamberg bestatten, obwohl sie jeweils an anderen Orten verstorben waren (im Falle Ottos verblieben sogar seine Eingeweide in der Pfalz Memleben). Doch wurden die Kirchenbauten in Magdeburg und Bamberg in den mehr als tausend Jahren seither mehrfach umgebaut oder neu errichtet und die Kaisergräber geöffnet und umgestaltet. Heinrichs Schädel wurde ohnehin dauerhaft außerhalb des Grabes aufbewahrt, da er als Heiligenreliquie verehrt wurde.
Aufgrund all dieser Umstände konnte es keineswegs als sicher gelten, dass die Otto I. und Heinrich II. zugeordneten sterblichen Überreste tatsächlich authentisch sind. Allerdings wurden auch nur von vereinzelten Stimmen Zweifel daran laut. Jüngst ließ sich in diesem Sinne auch der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki vernehmen, der im Zuge einer Äußerung zu einem anderen Thema en passant den finanziellen Aufwand bei der aktuellen Restauration von Ottos Grab infrage stellte: Es sei doch nicht einmal erwiesen, dass wirklich der Kaiser darin liege. Zu Kubickis Ehrenrettung sei jedoch erwähnt, dass er den Wissenschaftlern launig ausdrücklich Erfolg beim Authentizitätsnachweis wünschte.

Dass dieser Erfolg nun eingetreten ist, ermöglichten mehrere glückliche Umstände. Zu diesen gehört, dass die Körper beider Kaiser überhaupt der archäogenetischen Forschung zugänglich wurden. In Magdeburg stand im Rahmen der 2025 begonnenen Renovierung des Grabes eine erneute Öffnung des Sarkophags Ottos an, die das Landesdenkmalamt Sachsen-Anhalt mit einer umfassenden Untersuchung verband. In Bamberg ergab sich der Zugang, da 2024 ein Oberschenkelknochen Heinrichs II. aus Rom repatriiert wurde. Dort war er seit dem neunzehnten Jahrhundert als Reliquie im Priesterseminar Collegium Germanicum et Hungaricum verwahrt worden.
Harald Ringbauers Innovation
Dieser Knochen sollte in Bamberg im berühmten Riemenschneider-Hochgrab des heiligen Kaiserpaares Heinrich und Kunigunde wieder beigesetzt werden. Bevor das im Frühjahr 2025 auch geschah, regte der Mittelalterhistoriker Thomas Wozniak (Klagenfurt, an der Studie führend beteiligt) beim Dommuseum die Beprobung an. Das Erzbistum erteilte eine Erlaubnis, die sich nicht nur auf den aus Rom kommenden rechten Oberschenkel bezog, sondern auch auf das andere, noch in Bamberg verwahrte Femur. Noch wichtiger war aber, dass auch der Schädel zur Verfügung gestellt wurde. Denn dieses Körperteil ist für die Analyse alter DNA in der Regel besonders ergiebig, weil es mit dem Felsenbein und den Gehörknöchelchen das dichteste und somit am besten erhaltene Knochenmaterial überhaupt enthält.
Zudem gelang es, das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dort namentlich Harald Ringbauer für die Untersuchung Heinrichs II. zu gewinnen, der damals bereits die Analyse Ottos I. plante. Ringbauer gehört zu den Archäogenetikern, die sich auf DNA-Untersuchungen zum Mittelalter spezialisieren, und er sucht dabei die enge Zusammenarbeit mit Historikern. Er hat darüber hinaus vor wenigen Jahren eine Methode zur Verwandtschaftsanalyse entwickelt, deren Potential für die Historische Anthropologie kaum zu überschätzen ist. Sie kam auch in diesem Fall zum Tragen.
Es handelt sich um ein komplexes statistisches Verfahren zur Bestimmung von Verwandtschaft zwischen Individuen, die auch mit sehr degradierter DNA funktioniert. Das ist deshalb so wichtig, weil menschliches Erbgut sofort mit dem Tod von selbst zu zerfallen beginnt. Umwelteinflüsse auf den Leichnam und besonders die Kontamination durch die DNA anderer Lebewesen tun ein Übriges. Diese Probleme wurden zwar bereits um das Jahr 2010 in der sogenannten AncientDNA-Revolution prinzipiell bewältigt, namentlich durch Methoden zur Unterscheidung von alter menschlicher DNA von fremdem Erbgut. So wurde erst die Analyse des Neandertaler-Genoms möglich, für die Svante Pääbo (MPI Leipzig) 2022 den Nobelpreis erhielt.
Inzwischen sind auch sechste Grade feststellbar
Für die Verwandtschaftsanalyse waren aber dennoch bis 2021 alle Verhältnisse, die über nahe Grade der biologischen Verwandtschaft hinausgingen, nur mit großer Unsicherheit oder gar nicht zu bestimmen. Dann erkannte Ringbauer jedoch, dass man mit Analysen der Verteilung und Zahl von sogenannten „longIBDs“, also Strecken von abstammungsbedingten Übereinstimmungen, die im Genom zweier Individuen vorhanden sind, dennoch den entfernteren Verwandtschaftsbeziehungen auf die Spur kommt. So kann man inzwischen auch dritte, vierte, fünfte, sechste und weiter entfernte Grade der biologischen Verwandtschaft mit genau bezifferbarer Sicherheit feststellen. Ferner lässt sich sogar prüfen, in welchem Maße die Verwandtschaft vertikal über Eltern-Kind-Beziehungen und in welchem Maße horizontal über Geschwisterbeziehungen besteht.
Dies kam auch der Analyse der beiden Ottonen zugute, die ja der historischen Überlieferung nach nur als Großonkel und Großneffe verwandt waren, also im dritten biologischen Grad (rechtlich wird etwas anders gezählt). Zunächst zeigte sich erfreulicherweise, dass alle drei DNA-Proben von Heinrich II., die von seinen zwei Oberschenkelknochen und von seinem Felsenbein kamen, in der Analyse übereinstimmten. Anschließend konnte sein Profil mit jenem Ottos verglichen werden, das aus einer Probe vom Ambossknöchelchen im Ohr gewonnen wurde. Dabei ergab sich, dass die beiden beprobten Individuen aus Magdeburg und Bamberg im dritten Grad verwandt sind, und zwar auch über eine volle Geschwisterbeziehung. Zudem besteht die Verwandtschaft über die Vorfahren in der väterlichen Linie. Dies entsprach ganz genau den Verhältnissen, wie sie für die beiden Kaiser historisch überliefert sind, denn Ottos I. Bruder war ja, wie erwähnt, der Großvater Heinrichs II. väterlicherseits.

Da aber mit an höchste Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann, dass zufällig die Überreste zweier fremder Menschen in Magdeburg und Bamberg im Dom fälschlich als Otto I. und Heinrich II. verehrt werden, dabei aber genau im besagten Verwandtschaftsverhältnis standen, liegt somit der wechselseitige genetische Authentizitätsbeleg vor. Anders als so wäre er im Übrigen zurzeit auch gar nicht zu führen gewesen, da bisher keine weitere DNA von Ottonen oder ihren Verwandten vorliegt.
Die Knochen Richards III. von England
Nun handelt es sich zwar um die erste genetisch geführte Echtheitsbestätigung von Kaisern, aber keineswegs um die erste eines mittelalterlichen Herrschers durch Erbgutanalyse. Bereits 2013 wurden die Knochen Richards III. von England (1452 bis 1485) unter weltweitem Aufsehen auf diese Weise authentifiziert worden. Allerdings hatte bereits die der historischen Überlieferung genau entsprechende archäologische Auffindesituation in Leicester und der anthropologische Befund dies bereits fast genauso stark plausibel gemacht.
Wie in jenem Fall könnte man auch bei den beiden Ottonen einwenden, dass die DNA-Analyse also nur das belegt, was jedenfalls öffentlich ohnehin nicht oder kaum angezweifelt worden war, mit der erwähnten Ausnahme von Wolfgang Kubicki.
Tatsächlich ist der Authentizitätsnachweis aber nicht das einzige Ergebnis unserer Studie. Ein weiterer Befund ist, dass Otto I. eine verschobene Radiokarbondatierung aufweist, die ihn eher ins neunte als ins zehnte Jahrhundert chronologisch einordnet. Allerdings hatte sich eine ähnliche Abweichung auch schon bei seiner ersten Frau, Königin Edgitha (circa 910 bis 946), gezeigt, deren Körper bereits früher auf diese Weise untersucht worden war. Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit der spezifischen Ernährung von Spitzen der Gesellschaft im Mittelalter zu tun haben könne. Eine häufig in Erwägung gezogene Möglichkeit wäre etwa ein äußerst überdurchschnittlicher Konsum von Seefisch, weil dieser eine besondere Radiokarbonsignatur aufweist, die sich durch Konsum auf die Menschen übertragt. Im Falle Edgithas wäre das wegen ihrer Herkunft aus England besonders plausibel, doch bei ihrem kontinentalen und binnenländischen Ehemann schon weniger. Auch wenn hier noch viele Fragen offenbleiben, kann ein in vergleichsweise vielen Schriftquellen beschriebenes Individuum wie Otto I. möglicherweise wertvolle Anhaltspunkte für zukünftige Rekalibrierungen der Radiokarbondatierungsdaten liefern.
Referenzdaten liefern die beiden Kaiser selbstverständlich auch für die zukünftige Untersuchung weiterer Ottonenherrscher und des mit ihnen weithin versippten europäischen Hochadels.
Erstaunliche Muster in Gräberfeldern
Als Referenz wäre die Studie aber noch in weiterer Hinsicht geeignet. Der hier geführte reziproke Nachweis könnte der Geschichtswissenschaft nämlich an einem prominenten Beispiel schnell das neue Instrument bekanntmachen, das die Archäogenetik der Forschung mit der erweiterten biologischen Verwandtschaftsanalyse an die Hand gibt. Bisher haben Historiker ja vor allem das Potential der Genetiker wahrgenommen, Migrationen nachzuverfolgen und Pathogene zu erkennen oder zu verfolgen, die in historischen Seuchen wirkten. Mitunter scheint hier sogar schon ein Aufweichen der anfangs so tiefen Skepsis zu spüren, welche die „Zunft“ der Geschichtswissenschaften gegenüber dem Einsatz von naturwissenschaftlichen Methoden geradezu habituell pflegt. Die jüngeren Möglichkeiten hinsichtlich der Verwandtschaftsstudien sind hingegen noch kaum wahrgenommen worden.
Doch es liegen inzwischen bereits einige Studien vor, an denen dieses Potential in aller Klarheit deutlich wird. So hat HistoGenes, das interdisziplinäre archäogenetische Großprojekt zur Völkerwanderungszeit im Karpatenbecken, jüngst Untersuchungen zu Gräberfeldern publiziert, in denen in großer Detailgenauigkeit die biologischen Beziehungen zwischen den Bestatteten ermittelt werden konnten. Dabei zeigten sich in und zwischen den Stammbäumen erstaunliche Muster, etwa die verbreitete Praxis des Levirats in Bezug auf einzelne Gräberfelder. Darunter versteht man die Fortpflanzung zwischen einer Frau und zwei eng verwandten Männern, in der Regel Brüdern, wobei der zweite Mann erst nach dem Tod des ersten in die Verbindung eintrat. Dieses Muster ist jedoch bei anderen Gruppen wiederum völlig abwesend. Hier zeigt sich eine tief kulturelle Prägung biologischer Verwandtschaft.
Ein noch erstaunlicherer Befund in den HistoGenes-Studien ist der weitflächige Befund der Vermeidung sexueller Reproduktion unter biologisch Verwandten, Alleine die Gedächtnisleistung über viele Generationen, die dieser Praxis wohl zugrundegelegen haben muss, ist für schriftlose Gesellschaften sehr bemerkenswert. Ganz zu schweigen von der Konsequenz, mit der die Vermeidung offensichtlich erfolgte, obwohl ja die Gesamtzahl der verfügbaren Partner sehr viel kleiner war als in späteren Zeiten.
Aus dem archäologischen Befund und den Schriftquellen – für die Völkerwanderungszeit sind nur wenige vorhanden – wären diese Informationen in keiner Weise zu entnehmen gewesen. Für spätere, schon etwas quellenreichere Jahrhunderte des Mittelalters könnten die neuen Methoden jedoch ebenfalls sehr gewinnbringend eingesetzt werden, am besten in fruchtbarer Kooperation und Reibung von Archäogenetik und Historischer Anthropologie. Letztere vermag ja auch soziales „kinship making“ jenseits der Biologie in den Blick zu nehmen, das der Genetik verschlossen bleibt, beispielsweise die im Mittelalter so bedeutsame Patenschaftsbeziehung. Jedenfalls liegt die große interdisziplinäre Chance der Archäogenetik darin, dass sie uns Neues über das Leben der Vielen und Namenlosen in der Vormoderne erfahren lässt und nicht etwa nur über tote Herrscher.
Jörg Feuchter ist als Mittelalterhistoriker an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften tätig.
